Mode

Chefinnensache

Von , 27. September 2016

 © Patrick Swirc / m o d d s
© Patrick Swirc / m o d d s

Mit Dior und Lanvin haben gleich zwei neue Modehäuser weibliche Kreativdirektorinnen. Aber was machen Frauen in der Mode anders?

Egal, was die Paris Fashion Week in dieser Woche bringen wird – ein historischer Moment ist ihr schon jetzt sicher: Die Show von Christian Dior, mit der ersten Kollektion, die in 69-Jahren Dior-Geschichte jemals von einer Frau verantwortet wurde. Endlich.

Das ist durchaus etwas besonderes, auch wenn in der Modebranche nun wirklich kein Frauenmangel herrscht. Coco Chanel, Jeanne Lanvin, Miuccia Prada, Jil Sander, Sonia Rykiel, Diane von Fuerstenberg, Rei Kawakubo: Das 20. Jahrhundert ist voll mit tollen Designerinnen, die mit ihren Ideen nicht nur die Kleiderschränke ihrer Zeitgenossinnen aufregender gemacht haben, sondern auch ihr Leben. Sie haben verfolgt und am eigenen Leib miterlebt, wie sich die gesellschaftliche Stellung der Frau im Laufe der Jahrzehnte verändert hat. Hin zu mehr Selbstbestimmung, mehr Entscheidungsfreiheit, mehr Gleichberechtigung, mehr Erfolg und nicht zuletzt mehr Spaß. Das schnörkellose Kostüm von Chanel oder das Wickelkleid von Diane von Fuerstenberg spiegeln diese Entwicklung wider und haben sie unterstützt.

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Bouchra Jarrar Frühjahr/Sommer-2016 © Marcei Madeira

In den vergangenen Jahrzehnten haben wenige Branchen Frauen einen so raschen Aufstieg ermöglicht und ihnen dafür so viel Respekt gezollt, wie die Mode. Gleichberechtigung, so scheint es zumindest, ist hier kein Problem. Trotzdem regt es zum Nachdenken an, wenn gleich zwei wichtige Modehäuser ihre Chefposten mit Frauen besetzen. Lanvin rief Bouchra Jarrar, Dior Maria Grazia Chiuri, die nun erstmals ohne ihren Designpartner Pier Paolo Piccoli ein Modehaus leiten darf.

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Maria Grazia Chiuri © Maripol

Dass Chiuris „Frau-sein“etwas zu bedeuten hat, bestätigte Dior-Chef Sydney Toledano selbst in einem Interview mit der „New York Times“. „Wenn man einer Frau dabei zuhört, wie sie über ihr Leben spricht – ihren Körper, ihren Lifestyle, ihre Arbeit, wie sie reist und was sie braucht – dann geht es nicht um Konzepte. Es geht ums Praktische. Maria Grazia ist sehr praktisch, sehr direkt, klar und furchtlos. Sie hat eine Familie und ein echtes Leben“, sagte er.

Toledano unterstrich in dem Interview die Nähe, die eine Designerin naturgemäß zu ihrer Kundin hat und die ein männlicher Kollege niemals erreichen kann. Eine Frau lebt das Leben einer Frau. Sie weiß, wie es ist, wenn man mit Ach und Krach gerade so pünktlich und außer Puste beim Morgen-Meeting erscheint, nachdem man das verschlafene Kind in der Kita abgeben hat. Sie weiß, wie es ist, wenn man beim Kleiderkauf an seinen Hüften verzweifelt und die High Heels am Ende eines langen Arbeitstages erleichtert in die Ecke schmeißt.

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Bouchra Jarrar Frühjahr/Sommer-2016 © Marcei Madeira

Es gibt viele geniale männliche Designer. Doch diejenigen, die wirklich lebensnahe, bequeme und dabei extrem begehrenswerte Kollektionen entwerfen, sind meist Frauen. Stella McCartney, Phoebe Philo, Chloé, seit einigen Jahren auch Victoria Beckham. Oder eben Bouchra Jarrar, die mit ihrer eigenen Linie als einzige ernsthaft daran gearbeitet hatte, Haute Couture-Techniken auf Hosenanzüge und Blazer anzuwenden. Sie machte aus Frauen keine Prinzessinnen oder Femmes Fatales. Sondern eine bessere Version ihrer selbst.

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Bouchra Jarrar Frühjahr/Sommer-2016 © Marcei Madeira

Man darf auch nicht vergessen: Es waren zwei Frauen, die Sneakers als High Fashion-Accessoires etablierten, nämlich Isabel Marant und Phoebe Philo. Damit verbannten sie ein hartnäckiges Stil-Klischee aus den Köpfen: Dass man als Frau nur in hohen Absätzen wirklich gut und elegant gekleidet ist. Und ermutigten Frauen dazu, sich für sich selbst zu kleiden. Und nicht für die Männer.

Wenn nun Maria Grazia Chiuri und Bouchra Jarrar ihre Debüts in Paris geben werden, dann erhofft man sich von ihnen, dass sie ähnliche Signale aussenden werden. In der jüngsten Haute Couture-Kollektion von Dior, die allerdings nicht von Chiuri entworfen wurde, trugen die Models flache schwarze Zehensandalen. Es könnte ein Hinweis sein.

Foto von Bouchra Jarrar via Patrick Swirc @ moods