Mode

Platz da!

Von , 4. January 2017

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Jacquemus Spring Summer 2017 © Marcio Madeira

Die breite Schulter ist zurück – und ermuntert Frauen, mehr zu wagen

Es war nur ein kleines Accessoire, doch es sagte mehr über das Arbeitsleben moderner Frauen aus als so mancher schlauer Kollektionstext. Während der Louis Vuitton-Show für den Frühling und Sommer 2017 trugen viele Models keine Taschen. Stattdessen hielten sie Smartphones in den Händen, verziert mit Hüllen, die von den beliebten „Petit Malle“-Köfferchen des Labels inspiriert waren.

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iPhones bei Louis Vuitton Spring Summer 2017 © Marcio Madeira

Ziemlich clever: Das Smartphone ist längst nicht mehr nur ein rein praktisches Hilfsmittel, es ist ein Accessoire, das signalisiert, wie beschäftigt und gefragt wir sind, und auf das die supermobile, dauererreichbare Nomadin nie verzichten kann. Interessanterweise paarte Nicolas Ghesquière seine Power-Phones mit einem anderen modischen Machtsymbol, das eher in der Vergangenheit verwurzelt ist: Der breiten Schulter. Locker sitzende Jacken mit Reverskragen hatten an den Schultern gepolsterte, aufgeschlitzte Ärmel, langärmelige Shirts wurden an den Schultern ebenfalls mit zusätzlichem Stoffeinsatz akzentuiert, Abendkleider mit oberflächlichen sichtbaren Polstern verziert. Auch bei Jil Sander, Jacquemus, Mulberry und Céline nehmen Sakkos, Blusen und Kleider im kommenden Frühling ungewöhnlich breite Silhouetten an.
Ein möglicher Auslöser des Trends: Demna Gvasalia, Designer beim Vetements-Kollektiv und Kreativdirektor von Balenciaga. Sein Designkonzept verlässt sich auf das Mittel der Übertreibung: Zu lange Ärmel, zu weite Jacken, zu schiefe Schnitte und eben auch zu breite Schultern. Aktuell verkauft Vetements einen Hoodie mit einer Silhouette, die an die Schutzmontur eines Footballspielers erinnert.

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Jil Sander Spring Summer 2017 © Marcio Madeira

Diese Form der extremen Betonung bestimmter Körperpartien macht die Mode von Vetements und Balenciaga so speziell und überraschend. Hinzu kommt, dass die 80er-Jahre als Jahrzehnt generell ein modisches Revival erleben, zum Beispiel bei Isabel Marant. Plötzlich scheint die breite Schulter als Stilelement für die eigene Garderobe wieder denkbar.
Jahrelang weckten Amazonen-Schultern unterhaltsame Erinnerungen an intrigante Biester in Retro-Serien wie „Denver-Clan“ oder Filmen wie „Die Waffen der Frauen“ mit Melanie Griffith. In den 80er-Jahren galt der Blazer mit Schulterpolstern als das ultimative Erkennungszeichen ehrgeiziger Frauen, die wie die Männer ein konsumfröhliches Yuppie-Leben in den Chefetagen großer Unternehmen anstrebten.
Aus heutiger Perspektive wirkt der Look von damals ulkig, fast kostümiert – als würden Frauen versuchen, Eigenschaften des männlichen Körpers modisch zu imitieren. Trotzdem geben ihnen ihre mächtigen Jacken unweigerlich Präsenz – breite Schultern nehmen Raum ein, fallen auf und wirken dominant.

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Céline Spring Summer 2017 © Marcio Madeira
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Louis Vuitton Spring Summer 2017 © Marcio Madeira

Glücklicherweise gelingen den meisten Designern von heute Nostalgie-freie Interpretationen, die etwas wagen aber von aggressiven Büro-Klischees weit entfernt sind. Die kantigen Trenchcoats und Sakkos von Balenciaga verleihen ihren Trägerinnen etwas Maschinenhaftes, bei Jacquemus nehmen breite Schultern einem lieblichen langen weißen Baumwollkleid seine Unschuld. Ein Beispiel aus den aktuellen Herbstkollektionen, das herzförmige Fuchscape von Saint Laurent, geht das Thema von der humoristischen Seite an – und schaffte es damit zum Streetstyle-Liebling der vergangenen Schauensaison.
Man kann die Rückkehr der breiten Schulter durchaus als Ruf nach mehr Girlpower verstehen. Labels wie Versace und Christian Dior nutzten ihre neuen Kollektionen für den kommenden Frühling als Vermittler feministischer Botschaften. Viele amerikanischen Designer ergriffen in den vergangenen Monaten lauthals Partei für Hillary Clinton und unterstützten sie beim Kampf um den Posten als erste weibliche Präsidentin der Vereinigten Staaten. Die breite Schulter ermutigt Frauen dazu, modisch die Muskeln spielen zu lassen. Zwar braucht keine Frau Schulterpolster, um sich stark zu fühlen – aber sie zeigt damit, dass sie gerne auffällt. Und damit ist schon vieles gesagt.