Mode

Leben auf dem Laufsteg

Von , 7. November 2016

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John Galliano Spring 1995 © RUNWAY:The Spectacle of Fashion by Alix Browne, Rizzoli New York, 2016

Der Bildband „Runway“ ehrt die denkwürdigsten Modenschauen der vergangenen 20 Jahre

Vier Wochen lang von einer Weltstadt zur nächsten touren, Stunden in Flughäfen, Flugzeugen und Taxis verbringen, von neun Uhr morgens bis zehn Uhr Abends im 30-Minuten-Takt von einem Termin zur nächsten Modenschau eilen. Warum tun sich Hunderte von Journalisten, Stylisten, Blogger, Einkäufer, Fotografen und Models das eigentlich an? Wo man sich doch die Show bequem per Live-Stream im Büro anschauen könne, wo einem Instagram doch ohnehin parallel zur Show mitteilt, wie die Looks der neuen Saison aussehen und wer gerade in der ersten Reihe sitzt.

Doch kein Bild auf Social Media und keine Bildschirm-Show kann den Zauber eines „Fashion Moments“ vermitteln, wie man ihn nur live und direkt vor Ort bei einer Modenschau erlebt. Es ist dieser Moment, wenn sich Musik, Mode, Models und Atmosphäre auf magische Weise zu einem berührenden, aufwühlenden Bildergewitter vereinen und die Modenschau sich über die bloße Marketing-Vorstellung erhebt und zu etwas Größerem wird – dafür nimmt man jede Fashion Week-Strapaze auf sich.

Solche Momente regen zum Weinen an, zum Lachen oder sie verstören – erleben tut man sie nur sehr selten. Alix Browne, Features Director beim „W Magazine“, saß im Laufe ihrer Journalisten-Karriere bei vielen, vielen Modenschauen, und die Komplexität und emotionale Kraft, die hinter einigen dieser Gesamtkunstwerke steckte, ließ sie nicht mehr los. In dem nun bei Rizzoli erschienenen Bildband „Runway“ ehrt sie die denkwürdigsten Modenschauen der vergangenen 20 Jahre.

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Marc Jacobs, Fall 2013 © RUNWAY:The Spectacle of Fashion by Alix Browne, Rizzoli New York, 2016

Natürlich zählen dazu beispielsweise die pompösen Chanel-Spektakel mit Kulissen, die in tagelanger Arbeit und für hohe Summen aufgebaut wurden, und mit denen Karl Lagerfeld das Konzept des Défilés auf ein neues Level hob. Ob er 2012 eine Unterwasserwelt im Grand Palais aufbauen und Florence Welch in einer Muschel singen, oder 2010 gigantische Eisblöcke aus echtem Eis anfertigen ließ – inzwischen ist die Marke bekannt für ihre „Wonderlands“, die sie jede Saison aufs Neue erschafft.

Martin Margiela hingegen faszinierte in den 90er Jahren mit weitaus bescheideneren Mitteln, zum Beispiel, als er seine Models in einem Bus zu drei verschiedenen Locations in Paris karrte und die Gäste per Stadtplan dorthin bestellte. Und Alexander McQueen sorgte für Unmut, als er 1995 für seine Show „Highland Rape“ Models mit blutenden Körpern in zerrissener Spitze und Tartanröcke kleidete. Den provozierenden Auftritt legte man ihm als frauenfeindlich aus, warf ihm vor, vergewaltige Frauen zu glorifizieren. In Wahrheit prangerte er das Leid an, das die Briten seiner Heimat Schottland angetan hatten.

Fanden sie einst hinter verschlossenen Türen statt, sind Modenschauen heute mehr und mehr zu allgemein zugänglichen Entertainment-Spektakeln geworden. Dabei hat die Übertragung einer Show in die ganze Welt durch das Internet, sowie das Überangebot an Modenschauen und Modewochen generell leider nicht dazu geführt, das „Fashion Moments“ zugenommen hätten. Während Marken und Show-Producer jeden Winkel durchstylen um auch jedes Instagram-Bild kontrollieren zu können, fragt sich das Publikum bisweilen, wer sich das alles eigentlich noch anschauen kann.

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RUNWAY:The Spectacle of Fashion © RUNWAY:The Spectacle of Fashion by Alix Browne, Rizzoli New York, 2016

Die Show ist ein Massenprodukt geworden und nur wenige Events stechen mit ihrer Kraft aus dem immer größer werdenden Bildermosaik heraus. „Runway“ erinnert daran, warum sie als Konzept und Botschafter dennoch wichtig ist und welche Protagonisten mit ihren Inszenierungen Modegeschichte geschrieben haben. Die Show gibt dem Designer die Möglichkeit, sein Publikum für wenige Minuten vollkommen in seine Vision eintauchen zu lassen, sie erweckt eine Idee und eine Kollektion zum Leben. Und das Glücksgefühl, mit dem man eine wirklich gelungene Modenschau verlässt, treibt einen jede Saison wieder dazu an, den Schauenmarathon zu rennen. Selbst, wenn man es nur einmal in vier Wochen erlebt.

„Runway: The Spectacle of Fashion“ von Alix Browne, Rizzoli, 50,95 Euro