Mode

Rei Kawakubo: Art of the In-Between

Von , 3. May 2017

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© Met Museum, Photo: Paolo Roversi

Dieses Frühjahr wird die Comme des Garçons Gründerin und vielfach verehrte Modedesignerin mit einer Ausstellung im Met Museum in New York geehrt – wir blicken zurück auf die Karriere von Rei Kawakubo

Man ist leicht verleitet, Rei Kawakubo als Anarchistin in der Mode zu beschreiben. Wütend, so betont die 74-jährige Japanerin in den raren Interviews, die sie gibt, sei sie generell immer. Besonders, wenn Zuschauer es wagen ihre Shows, die mehr abstrakten Konzepten als bloßer Kleiderschau gleichen, zu verstehen. Oder, wenn sie um ein Interview gebeten wird, man eine Porträtaufnahme von ihr machen möchte oder sie im Zuge einer Preisverleihung ehren will. Als der Council of Fashion Designers of America Kawakubo im Frühjahr 2012 mit einem Preis für ihr Lebenswerk auszeichnet, taucht diese bei der Zeremonie einfach nicht auf. Stattdessen zeigt sie demonstrativ, wie herzlich wenig sie die gängige Prozedur der Branche interessiert, hüllt sich lieber in einen Mantel der Mystik, so dunkel und undurchsichtig wie ihre gefeierten avantgardistischen Designs selbst.

Doch Kawakubo als bloßen Antikörper in ihrer eigenen Branche zu sehen, der sich mit Guerilla-Aktionen und verweigerter Konformität einen Tunnel durch Lagen an Stoff fräst, würde bedeuten, Kawakubo, die Geschäftsfrau, außer Acht zu lassen. Diejenige, die genau zu verstehen scheint, wie das Spiel funktioniert und gekonnt als Teil dessen agiert. Nicht umsonst gehört der Designerin, die Comme des Garçons 1969 gründete und seit 1981 auf der Pariser Fashion Week zeigt, ihr Label noch immer zu einhundert Prozent selbst. Gemeinsam mit ihrem Ehemann und CEO von Comme des Garçons, Adrian Joffe, etablierte Kawakubo das Konzept der Pop-Up-Shops, machte ihre Parfums und das beaugte Herz der Unterlinie Comme des Garçons Play zu Dauerbrennern und revolutionierte mit den Dover Street Markets die Idee des Concept Stores. Ziemlich viel kommerzieller Erfolg für jemanden, den das doch so ziemlich wenig interessiert.

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Rei Kawakubo | © via BOF, Photo: Paolo Roversi, Comme des Garcons 2016

Rei Kawakubo mag oft wütend sein, vor allem aber ist sie auch clever, eigensinnig und dennoch so omnipräsent, dass sie eine Art magnetisierende Wirkung auszuüben scheint. Am 04. Mai wird die ihr gewidmete Ausstellung “Art of the In-Between” im Metropolitan Museum of Art eröffnet. Sie ist erst die zweite Ausstellung in der Geschichte des Museums, die sich nur auf einen Designer fokussiert (1983 wurde das Werk Yves Saint Laurents ausgestellt). Anlässlich dessen blicken wir auf fünf Momente ihrer Karriere zurück, die bis heute prägend für Rei Kawakubo und die Mode bleiben.

“Destroy”, 1982

1981 zeigte die Designerin mit Comme des Garçons zum ersten Mal auf der Pariser Fashion Week – nur ein Jahr später rüttelte sie die Branche mit ihrer “Destroy”-Kollektion bereits so ordentlich wach, dass diese sich erst einmal nicht so recht entscheiden konnte, ob man die Japanerin für ihre Entwürfe nun feiern oder verachten sollte. Kawakubo zeigte schwarze, mit Löchern durchzogene Pullover und ausgestellte Maxiröcke, die den engen, bunten Kleidern ihrer Kollegen plötzlich präzise ausgeführten Dekonstruktivismus entgegenbrachten. “Hiroshima Chic” wurde dieser Stil von Kritikern im Nachhinein genannt – und Kawakubo hatte es geschafft sich in nur einem Jahr nicht nur einen Namen zu machen, sondern auch gleich eine ganz neue Art von Mode zu prägen.

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© Met Museum | Im oberen Bereich werden Kreationen der “Destroy” Kollektion gezeigt

“Lumps and Bumps”, 1997

Eigentlich mit dem Titel “Body Meets Dress, Dress Meets Body” präsentiert, sollte Kawakubos Frühjahr/Sommer 1997 Kollektion dennoch unter dem Namen “Lumps and Bumps” in die Modegeschichte eingehen. Mit eingenähten Kissen versehene Kleider gaben die Illusionen von Buckeln und blasenartigen Verformungen am Körper, die Kawakubos ganz eigenes Verständnis von Weiblichkeit ausdrückten. Wieder spielte sie mit dem, was wir im Gemeinen als ästhetisch betrachten – und wieder schaffte sie Entwürfe, an die sich auch Jahre später noch erinnert wird.

Während der Aufführung des Choreographens Merce Cunningham trugen die Tänzer Kleider der “Lumps and Bumps” Kollektion

Die Guerilla Stores, 2004

Nicht nur auf, sondern auch abseits des Laufstegs weiß sich Rei Kawakubo ein Denkmal zu setzen. 2004 etablierte sie zusammen mit Ehemann Adrian Joffe Comme des Garçons’ Guerilla Stores – nur temporär und versteckt vorhandene Läden, die deshalb schnell zu Geheimtipps avancierten und die Vorläufer der heute weitverbreiteten Pop-Up-Stores bilden. Im selben Jahr setzten Kawakubo und Joffe auch mit einem weitaus dauerhafteren Shop-Konzept ein Zeichen: In der Dover Street in London eröffnete der erste Dover Street Market, der Designern die Möglichkeit gibt, kleinere Verkaufsflächen im Laden selbst zu gestalten.

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© doverstreetmarket.com | Comme des Garçons im Dover Street Market

“The Broken Bride”, 2005

Ein Thema, das Rei Kawakubo, der oft gefeierten Königin des Schwarz, doch so fern scheint, ist gleichzeitig eines, das sie meist besonders detailliert ausarbeitet: Die Hochzeit. Ihre Herbst/Winter 2005 Kollektion stellte sie ganz unter dieses Motto, zeigte Blumenhaarschmuck und bodenlange, weiße Kleider – aber natürlich nicht, ohne auch einen Bogen zu ihren Wurzeln zu schlagen. Nicht umsonst betitelte Kawakubo die Kollektion “The Broken Bride” und durchzog sie mit ihrer dekonstruktiven Handschrift.


Fashion Show “Comme des Garcons” Pret a Porter… von FashionChannel

“Not making Clothes”, 2014

2014, so scheint es, hatte Kawakubo dann plötzlich keine Lust mehr, Kleidung zu designen. Zumindest Kleidung, die man einfach nur als Kleidung definieren kann. Obwohl das bei Comme des Garçons vielleicht noch nie so wirklich der Fall war. Mit ihrer Frühjahr/Sommer 2014 Kollektion “Not making clothes” widmete sie sich stattdessen Objekten, wie sie sie nennt, die sie für den Körper kreiert. Abstrakte Formen, verschobene Proportionen – was sich durch die gesamte Karriere der Japanerin zog, wird seit dieser Show von ihr auf die Spitze getrieben. Denn wer, wenn nicht sie, wäre in der Lage Kleidung auch nach über 50 Jahren noch als etwas völlig neues definieren zu können.