Mode

Schauriger Stoff

Von , 21. December 2016

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Spring Summer 2015, Rodarte © L’Officiel France

Die Weihnachtszeit strotzt nur so vor Sagen und Märchen – und auch die Designer werden immer wieder zu Geschichtenerzählern. Das aber auf ihre ganz eigene Weise

Eigentlich müsste dieser Artikel mit “Es war einmal” beginnen. Es war einmal ein Designer, der pompöse Prinzessinnen auf dem Laufsteg zeigte. Es war einmal eine Kollektion, die vor riesigen Roben nur so platzte. Nun beginnt er aber nicht mit “Es war einmal”, sondern damit, dass Alexander McQueen in seiner Herbst 2002-Show ein verängstigt wirkendes Mädchen mit riesiger, lila Kappe und zwei großen Hunden über den Laufsteg schickte, die Leinen um die Arme geschnürt.

Denn Märchen, Sagen und Erzählungen in der Welt der Designer, das sind meistens eben nicht magische Geschichten, Happy End und “Es war einmal”, sondern schaurige Stories, die dennoch in schönste Textilien übersetzt werden. Schließlich glichen Märchen früher eher Geschichten voller Blut und Missgunst, Tod und Verdammnis, als den magischen Kindergeschichten, die sich heute neben schönen Illustrationen in dicken Büchern finden. Macht das die modischen Pendants makaber? Nein, nur umso spannender.

Alexander McQueen ist wahrscheinlich einer der prägnantesten Vertreter, wenn es um die Verbindung von Mode und Märchen geht, sagte er doch einmal selbst, für ihn gleiche das ganze Leben einer Geschichte der Gebrüder Grimm. Er schickte Models mit aufgesetzten Geweihen über den Laufsteg, die an Fabelwesen erinnerten, schnürte anderen Capes um und ließ sie als furchteinflößende Kämpfer auftreten. Es ist diese Verbindung von Schönem und Schaurigen, die McQueens Kollektionen auszeichnete, und die auch viele seiner Kollegen immer wieder aufgreifen.

Vielleicht, weil es sich so schön als Metapher für die gesamte Branche verstehen lässt, dass alles noch so schimmernde auch immer eine dunklere Seite hat, die in der Hetze der Saisons schnell unter den Tisch fällt. Oder, weil die Kleidung, um die sich am Ende ja auch jede Modenschau drehen sollte, in Märchen eine so essenzielle Rolle spielte. Oft signalisierte die Garderobe sofort, ob der Charakter gut oder böse, wohlhabend oder arm war, und einige Geschichten wären wohl direkt ganz anders verlaufen, hätte sich nicht ein Kleidungsstück als Dreh- und Angelpunkt entpuppt. Man denke nur an Aschenputtels gläsernen Schuh.

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Aschenputtel, Zeichnung © Gustave Doré

Trotzdem sind die Adaptionen auf den Laufstegen meist von einer schaurigen, mystischen Aura umgeben. So zeigte Rei Kawakubo in Comme des Garçons Frühjahr 2015-Show ein Rotkäppchen samt überproportionaler Kapuze, mit der sie dem Wolf wohl direkt ins Maul gelaufen wäre. Kate und Laura Mulleavy von Rodarte erinnerten mit ihrer Kollektion für das Frühjahr 2015 an Hans Christian Andersens Geschichte der Kleinen Meerjungfrau – und auch wenn die Entwürfe vor Glitzer und Pailletten nur so strotzten, wirkten die Models doch mehr wie alienartige Wesen als nette Zeitgenossen.

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Spring Summer 2015, Rodarte © L’Officiel France

Wenn eine Kollektion doch immer eine Idee, und vor allem sich selbst, verkaufen soll, ist es fast schon bemerkenswert, dass anstelle der romantischen, harmlosen Attribute die schaurigen Eigenschaften der Märchen auf den Moodboards und der Kleidung so vieler Designer landen. Ein bisschen ist es wohl auch die Freude am Schock, die Möglichkeit der wirklichen Erzählung, oder Erinnerung, einer Geschichte durch Kleidung und diese Welt des Unmöglichen, die sich in Märchen doch immer wieder auftut, die so verlockend ist – und die Kreativen immer wieder zum Träumen einlädt. Auch wenn die Visionen manchmal wohl eher Albträumen gleichen.