Mode

Kolumne: Quo Vadis, Modewelt?

Von , 11. February 2016

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©Marcio Madeira

Lisa Feldmann – Mein Leben als Chefredakteurin

Als vergangene Woche bekannt wurde, dass Burberry vom kommenden Herbst an ein neues Modeschauen-Konzept verfolgt, waren die internationalen Reaktionen erstaunlich verhalten. Dabei verbarg sich hinter der Verlautbarung meiner Meinung nach die Ankündigung „eines vorläufigen Todes“, wie man das in der Literatur nennt. Des zumindest wahrscheinlichen Unterganges einer Modewelt, wie wir sie heute kennen.

Nicht nur gab der oberste Kreative der britischen Erfolgs-Marke zu Protokoll, dass man in Zukunft Frauen und Männer zusammen fassen werde, ganz offen, aus Kostengründen; Christopher Bailey verkündete noch eine weitere Neuerung – und die ist so ungeheuerlich, dass es nicht verwundert, dass die Medien vor lauter Schreck erstmal nicht darauf einstiegen.

Die Burberry-Kollektion, die im kommenden September während der Modeschauen in London gezeigt werden wird, soll nämlich bereits am darauf folgenden Tag online und in den wichtigsten Verkaufsstellen erhältlich sein. Das heisst, eine Bericht-Erstattung darüber, eine Einschätzung, Einordnung, geschweige denn: Umsetzung durch die gedruckten Medien wird somit nicht mehr möglich sein!

Warum sollten internationale Stylisten oder editors also weiter die frontrows verstopfen, wenn sie ohnehin niemand mehr nach ihrer Vision fragt? Die bisher üblichen vier bis fünf Monate, in denen die Mode-Teams Themen besprechen, konzipieren und schliesslich fotografierten, sind ersatzlos gestrichen, gerade einmal eine verbale Bericht-Erstattung, illustriert von Runway-Bildern wird vielleicht noch am Tage danach  stattfinden – in Titeln wie International Herald Tribune oder New York Times. Und das eher online als auf grauem Zeitungs-Papier gedruckt. Das Gros der medialen Aufmerksamkeit wird ohnehin eindeutig im Internet stattfinden. Durch die Blogger, von smarten online editors.

Und die Einkäufer? Werden die noch kommen zu den Mode-Defilées, um sich dort anzuschauen, was sie längst eingekauft haben für ihre Filialen und websites? Und: Werden die wirklich grossen, wichtigen Magazine zusammen mit eben diesen Einkäufern vorab Kollektionen anschauen können, um sie doch noch rechtzeitig in Szene setzen zu können?

Fragen über Fragen – und das untrügliche Gefühl, dass hier wieder einmal einer dieser Skifahrer unterwegs war, der vor lauter Glückseligkeit im unsicheren, aber aufregenden Neuschnee fern der Piste, eine Lawine losgetreten hat, von der noch nicht raus ist, wen sie am Ende alles unter sich begraben wird.

Ich packe gerade meine Sachen, morgen geht es nach New York, danach nach Mailand und Paris. Flankiert von zwei Redakteuren sitze ich pro Tag in bis zu zehn verschiedenen Modeschauen, wir machen uns Notizen, fotografieren mit dem I-phone und diskutieren bei späten dinners, was zu halten ist von dem, was wir da gesehen haben.

Gleichzeitig sind wir damit beschäftigt, uns auf diese neue Welt vorzubereiten: Die Deutsche Ausgabe von L´Officiel hat Print und Online von Anfang an gleich behandelt – wir betrachten unsere gedruckte Ausgabe als eine Art scrap-book, das die gesammelten Inhalte der vergangenen Wochen nochmal bündelt, neu ordnet, inhaltlich ausführlicher anrichtet. Damit erwirkt das geruckte Magazin sozusagen das Recht, noch einmal Zeit auf Couch-Tischen, neben Badewannen, im Flugzeug oder Zug an unserer Seite zu verweilen. Während online täglich rapportiert, stündlich aktualisiert, kategorisiert, zensiert wird.

Kurz nach Burberry bekannte sich Ende letzte Woche auch Tom Ford zu einem veränderten Schauen-Regime, das französische Label Vetements verkündete ebenfalls einen neuen Rythmus, der Londoner Designer Esteban Cortazar wiederum verkündete verkürzte Produktionsleiter, nachdem eins seiner Kleider online berühmt wurde, weil es Cate Blanchett auf einer Premiere trug: die Department-Stores konnten auf den Ansturm am nächsten Tag nicht reagieren – so etwas soll bitte nicht wieder vorkommen!

Mir gefällt das alles. Wieder einmal zeigt sich die Mode-Industrie von ihrer toughen, Innvoations-begeisterten Seite. Wie vor gut fünfzig Jahren, als Couture über Nacht bedeutungslos und für immer von Prêt-à-Porter überholt wurde. Damals hiess der Pionier Yves Saint Laurent, auf der Gegenseite standen grosse Kollegen wie Cristóbal Balenciaga, der sein Haus verliess, weil er mit den veränderten Bedingungen nicht umgehen wollte.

Es bleibt also spannend. Und das ist doch das wichtigste.