Mode

Interview: Agnona Creative Director Simon Holloway

Von , 15. November 2016

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Agnona FW 16/17 © Agnona

Simon Holloway, Creative Director von Agnona, über “La Dolce Vita”, Design als Handwerk und Großbritannien – und was das alles mit Schwänen zu tun hat

Mode in Spielfilmlänge – so würde wohl der Titel lauten, wenn man über das italienische Modehaus Agnona einen Film drehen wollte. 1953 gegründet setzt es noch immer mehr auf Qualität statt Quantität, auf Luxus statt Fast-Fashion, auf kontinuierliche Steigerung statt Senkrechtstart – und lässt sich dabei vor allem von den großen Klassikern des italienischen Kinos inspirieren. Creative Director und, wenn man so will, Regisseur des Modehauses ist seit dem 1. Dezember 2015 Simon Holloway, britischer Designer mit Faible für alles, was eigentlich schon hinter uns liegt. Vielleicht wäre dieser hypothetische Film über Agnona also eine Retrospektive, geladen mit Ikonen früherer Generationen und Entwürfen früherer Designer von Agnona, vielleicht aber auch ein besonders spannendes Werk des Jetzt, das aus einem Pool voll gesammeltem Wissen, Handwerk und Einflüssen schöpfen kann.

Wir haben Simon Holloway zwischen dem Screening von Agnonas Kurzfilm Await und Aufnahmen von Louis Faurer in der Galerie Camera Work in Berlin getroffen und einen Bogen vom Früher zum Jetzt, vom Klassischen zum Modernen, von den USA nach Italien geschlagen – und so für Agnona vielleicht ein ganz eigenes Genre gefunden.

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Agnona Heritage © Agnona

Sie sind in Großbritannien aufgewachsen, haben eine lange Zeit in den USA gearbeitet, designen jetzt für ein Mailänder Modehaus, das sehr viel Wert auf sein italienisches Erbe legt. Ist das nicht ein Kultur-Clash?
Gute Frage. Zum Glück sind wir Briten ein wenig wie Schwämme – wir reisen viel und saugen diese verschiedenen Eindrücke dann alle auf. Als Schnittstelle zwischen den USA und Europa sind wir ständig verschiedenen Einflüssen ausgesetzt. Das britische Grundinteresse, unsere Offenheit, hat mir bei Agnona sehr geholfen mich voll auf die italienische Quintessenz des Modehauses und die sich dadurch eröffnenden Möglichkeiten einzulassen.

Würden Sie sich selbst als britischen oder italienischen Designer bezeichnen?
Ich sehe mich als internationalen Designer. Ich habe viele Jahre in den USA gearbeitet, wo vorallem Marketing und Verkauf die Kollektionen bestimmen. Zurück in Europa kann ich mich wieder mehr auf das Kreative konzentrieren. Ich versuche, die Balance aus beidem zu finden.

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Simon Holloway © Agnona

Sie waren lange Creative Director bei Jimmy Choo in New York und bezeichneten den “Jimmy Choo Look” in einem Interview einmal als sehr “leicht verständlich, aber nicht unbedingt intellektuell”. Wie würden Sie Agnona beschreiben?
Agnonas Geschichte ist schon immer eng mit Kunst und Kultur verknüpft, das Haus hat sich einfach mit diesen Themen auseinandergesetzt, in dem Sinne besitzt Agnona also einen intellektuellen Look. Das Label hat als Textilmanufaktur begonnen, es war schon immer sehr innovativ und hat seine Stoffe sogar an andere Couturiers verkauft – das gab dem Haus von Beginn an eine Art Metaebene.

Wie essenziell ist dieses Handwerk für Sie als Designer heute noch?
Für mich ist die handwerkliche Seite des Modehauses fundamental. Wir stellen noch immer unsere eigenen Stoffe her und beginnen jede Kollektion mit den Materialien als Ausgangspunkt. Diese Arbeitsweise nimmt sehr viel Zeit in Anspruch, weil dieser Herstellungsprozess natürlich sehr aufwändig ist, gleichzeitig aber auch mit einer gewissen Qualität, einem gewissen Luxus einhergeht.

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Agnona FW 16/17 © Agnona

Viele Modehäuser und Labels scheinen diesen Luxus, diesen Aufwand allerdings gerade in den Hintergrund zu stellen. Stichwort “See now, buy now”.
Es gibt zur Zeit tatsächlich viele Designer, die mit ihren Entwürfen zwar sofort ins Auge springen, dafür aber keinen langfristigen Eindruck hinterlassen. Meine Entwürfe sind da zurückhaltender, sie sollen der Trägerin schmeicheln und ihre Vorzüge betonen. Es wird hoffentlich immer ein Publikum geben, das diese gut gemachten und durchdachten Dinge, unser italienisches und modisches Erbe, zu schätzen weiß.

Welches Jahrzehnt ist für Agnona am interessantesten?
Agnonas goldenes Zeitalter waren wohl die 70er Jahre, der Hochpunkt des kreativen Schaffens. Alles, was das Label ausmacht, hat sich damals perfekt zusammengefügt. Die Erfahrung in der Herstellung von Materialien, die Ready-To-Wear-Kollektionen, die gerade begonnen hatten, die Designkunst, die von dem damaligen Designer Walter Albini ausging. Er war quasi die italienische Antwort auf Yves Saint Laurent oder Karl Lagerfeld. Das möchte ich unbedingt in der Zukunft für Agnona wiederbeleben.

Sie beziehen sich in Ihrer Arbeit auch immer wieder auf klassische italienische Filme. Woher kommt dieses Interesse?
Um es mit einem der bekanntesten italienischen Filme überhaupt zu sagen: “La Dolce Vita”! Er transportiert dieses Lebensgefühl, das Italien umgibt, diese Zelebration von gutem Essen, Mode, Design. Das ist für mich die Essenz von Agnona und was uns von anderen italienischen Modehäusern unterscheidet.

Inwiefern?
Viele der anderen Marken feiern ihre italienischen Wurzeln nicht, sie stellen ihre Herkunft lieber in den Hintergrund, anstatt darauf aufzubauen. Das ist ein Fehler.

Gehen Sie manchmal auch an das Designen einer Kollektion wie an einen Film heran, stellen sich beispielsweise die Kundinnen als bestimmte Charaktere vor?
Ich denke schon. Als Designer möchte ich immer eine Idee zu visualisieren und ganz bestimmte, teilweise extreme, Figuren zu kreieren – wie in einem Film also.

Und die Kollektionen sind dann die Welten, in denen sich Ihre Figuren bewegen?
Ja, und das bereits seit der allerersten Saison. Ich habe mich intensiv mit der Geschichte von Agnona beschäftigt, den Frauen, die unsere Kleidung früher. Es waren immer die am besten angezogenen Frauen. Truman Capotes Schwäne, die Socialites von damals, zum Beispiel oder Marella Agnelli, Slim Keith, Frauen, die über Jahrzehnte für ihren tollen Geschmack, ihre Bildung und ihren Lebensstil bekannt waren.

Und wer sind diese Schwäne heute?
Unsere heutigen Kundinnen sind sehr unterschiedlich. Das macht das Designen manchmal ein bisschen schwierig (lacht). Mit meinen Designs versuche ich die Brücke zu schlagen, zwischen Modernität und Romantik, Minimalismus und einer gewissen Weichheit, den Schwänen von damals, und den Schwänen von heute.

Vielen Dank für das Gespräch.