Mode

Interview: Uniqlo LifeWear

Von , 12. April 2017

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Uniqlo LifeWear Herbst/Winter 2017/18 © PR

Vor zwei Wochen präsentierte Uniqlo seine neue LifeWear-Kollektion für den kommenden Herbst und Winter in New York – wir trafen Creative Director Shu Hung und Design Director Naoki Takizawa zum Interview

“Clothes to change the way we live.” Zunächst eine vielleicht arg bedeutungsschwer bis absurd klingende Vision, die der japanische Textilgigant da mit seinem LifeWear-Konzept verspricht. Tatsächlich trifft sie aber den Kern der Unternehmensphilosophie, begreift sich Uniqlo doch nicht als Modekette im traditionellen Sinne: die Kreationen der Marke reichen über schnelllebige Trends hinaus, auch erhebt Uniqlo nicht den Anspruch auf modischen Hype.
Immer unter den obersten Prämissen der Funktionalität, Langlebigkeit und Simplizität designt, geht es den Japanern vielmehr darum, dass sich ihre Kleidungsstücke als unkomplizierte und erschwingliche Basics in die tägliche Garderobe ihrer TrägerInnen einfügen, gerne auch in der Nebenrolle zum Designer-It-Piece. Ihre wahrscheinlich nicht “lebensverändernde” aber dafür sicher alltagserleichternde Wirkung entfalten sie diskret im Hintergrund – dank einer Innovationspalette, die von selbstkühlenden Geweben bis zu solchen, die Körperfeuchtigkeit in Wärme umwandeln, reicht.
Ende März zeigte Uniqlo seine neue LifeWear-Kollektion in den New Yorker Spring Studios und auch im kommenden Herbst verbindet die Linie abermals fortschrittliche Materialien mit moderner Schnittführung und absolutem Komfort. Wir waren vor Ort und sprachen mit Uniqlos Creative Director Shu Hung und Design Director Naoki Takizawa über das Zusammenspiel von Technologie und Kleidung, neue Anforderungen an die Mode und die Zukunft der Industrie.

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Uniqlo LifeWear Herbst/Winter 2017/18 © PR

Was ist die Idee hinter der LifeWear-Kollektion?

Shu Hung: LifeWear steht für Technologie, Praktikabilität und Qualität, gepaart mit gutem Design. Im Zentrum unserer Kollektion steht der Kunde mit seinen Bedürfnissen und Herausforderungen im Alltag. Es dreht sich bei der Kollektion also weniger um Trends – vielmehr ist uns wichtig, dass die Teile leicht zu kombinieren sind und dabei einen Zweck erfüllen.

Herr Takizawa, seit 2011 zeichnen Sie sich als Design Director für die LifeWear-Kollektion verantwortlich. Davor haben Sie etwa 30 Jahre für Issey Miyake gearbeitet, zuletzt als Creative Director. Wie haben Ihre Erfahrungen bei Miyake Ihre modische Vision geformt?

Naoki Takizawa: Ich bin in den Achtzigern zu Issey Miyake gekommen und schon damals ging es Issey immer stark um neue Technologien. Sein Atelier arbeitet sehr eng mit den fortschrittlichsten Textilentwicklern zusammen. Bei ihm dreht sich alles um die Entwicklung und Verarbeitung innovativer Materialien. Dieses zukunftsorientierte, konzeptuelle Denken hat mich sehr geprägt.

Wie lässt sich Ihre Designphilosophie auf Ihre Arbeit für Uniqlo übertragen?

NT: In dem Punkt der textilen Innovation sind sich Uniqlo und Issey Miyake durchaus ähnlich, was sich auf die japanische Identität beider Labels zurückführen lässt. Aber ihre ästhetischen und wirtschaftlichen Ansätze sind grundverschieden. Bei Issey konnte ich meine modische Vision eins zu eins umsetzen. Wenn der Saum eines Kleidungsstückes nicht mit der durchschnittlichen Körperform harmonierte, war dies eben meine Auffassung von Schönheit. Bei Uniqlo ist das natürlich etwas komplizierter.

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Design Director Naoki Takizawa © Uniqlo

Heute müssen Sie für ein viel größeres Publikum designen – Uniqlo besitzt mittlerweile Stores in 17 Ländern weltweit. Was sind die größten Herausforderungen im Designprozess?

NT: Für den Mainstream zu kreieren, bedeutet, stets auch die kleinsten Designentscheidungen und Details gut abzuwägen. Die Menschen dieser Welt teilen eben nicht „diesen einen“ Lifestyle. Das Gefühl für Stil, Farben und Passform ist tatsächlich sehr verschieden. Japaner mögen voluminöse Silhouetten, Koreaner tragen kleinere Größen, Amerikaner mögen es körperbetonter, Europäer natürlicher. Außerdem fühlt es sich schon anders an, ein Design mit einer Stückzahl von fünf Millionen in Auftrag zu geben, als mit einer Stückzahl von höchstens 500. Der Druck ist natürlich enorm.

Ist es einfacher, für Männer zu designen, oder für Frauen?

NT: Oh, für Männer. Männer setzen auf klare Essentials in ihrem Kleiderschrank: Jacken, Shirts, Hosen. Bei den Frauen ändern sich die modischen Vorlieben dagegen ständig.

Wie gestaltet sich Ihre Zusammenarbeit mit DesignerInnen wie Inès de la Fressange, Carine Roitfeld oder Christophe Lemaire?

NT: Inès und Carine haben beide sehr unterschiedliche Vorstellungen. Inès geht es um die Bedürfnisse der Kunden, ihre Kreationen richten sich nach dem Lifestyle der Menschen. Wenn ein Kleidungsstück nicht gebügelt werden muss, ist das für sie ein klarer Pluspunkt. Carines Entwürfe sind dagegen klassischer, konstruierter, modischer. Ich versuche, mich im Designprozess so gut es geht nach ihnen zu richten. Oftmals sind es am Ende die Stoffe, bei denen wir Kompromisse eingehen müssen.

SH: Und Christophe Lemaires Kreationen für Uniqlo U bilden mittlerweile ja eher eine Art Inhouse-Kollektion. Mit ihm zu arbeiten ist sehr angenehm. Er hat ein untrügliches Gespür für Basics, Farben und Materialien.

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Uniqlo LifeWear Herbst/Winter 2017/18 © PR

Und was ist Ihr eigener Ausgangspunkt im Designprozess, Herr Takizawa?

NT: Ein menschliches Bedürfnis und ein neues, vielversprechendes Material – oft gehen diese zwei Dinge Hand in Hand. Wir arbeiten sehr eng mit verschiedenen Stoffherstellern zusammen und stimmen unsere neuesten Ideen und Erkenntnisse regelmäßig aufeinander ab. Eines unserer Partnerunternehmen hat beispielsweise Ummantelungen für Flugzeuge oder Stoffe für Autositze entwickelt; dieses Material nutzen wir heute für Unterwäsche und Sportkleidung. Kleidung ist für uns mehr als Mode. Hinter unseren Produkten steht immer zunächst eine funktionale, Technologie-orientierte Idee, wir haben sozusagen einen Crossover-Ansatz.

Wie eruieren Sie die aktuellen Bedürfnisse Ihrer Kunden?

SH: Wir verfügen über ein sehr gut funktionierendes Wissensnetzwerk zwischen unseren internationalen Stores, den R&D Centern und unserem Headquarter in Tokio. Tatsächlich sind es die Store-Mitarbeiter, die Kundenvorlieben, Kritikpunkte und stadtbezogene Trends aufschnappen und diese Informationen mit uns teilen, sodass wir kurzfristig produzieren können. Unser Store-Angebot ergibt sich nicht aus saisonalen Trends, sondern aus der aktuellen Nachfrage auf Konsumentenseite.

Welche Rolle spielen hier Ihre Research Center in New York, Tokio und Paris, letzteres geführt von Christophe Lemaire?

SH: Die Research Center beschäftigen sich ununterbrochen mit den neuesten Innovationen im Bereich Strick, Form, Material und Technologie. Sie arbeiten sehr experimentell und sehr eng zusammen, es gibt tägliche Videokonferenzen mit Tokio. Unsere dort beschäftigten Teams sind essentiell, wenn es um die Frage geht, wie man Innovation und Mode zusammenbringen kann. Unsere bekannten BlockTech-, HeatTech- und AirIsm-Produkte wurden dort entwickelt.

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Global Creative Director Shu Hung © Uniqlo

Welchen Stellenwert nimmt das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen ein?

SH: Wir haben ein ganzes Team, das sich tagtäglich mit nachhaltigen Innovationen befasst. Und obwohl der Name unseres Mutterunternehmens (Anm. d. Red. „Fast Retailing Company“) zwar etwas anderes suggeriert, ist Mode für uns alles andere als ein Wegwerfprodukt. Wir wollen, dass unsere Kunden lange Zeit Freude an ihren Kleidungsstücken haben. „Fast“ sind wir also lediglich im Sinne unserer schnellen Reaktionsmechanismen.

Immer mehr Textilentwickler widmen sich heute dem Thema „Smart Clothing“. Auch Uniqlo-Gründer Tadashi Yanai betont in Interviews immer wieder, dass seine Firma mehr Technologie- als Modeunternehmen ist. Wäre die Idee digitaler Kleidung auch für Uniqlo spannend?

NT: Ich persönlich finde die Idee von „Connected Garments“ höchst spannend, meine Vorstellungen spiegeln aber nicht zwangsläufig auch die Bedürfnisse des globalen Marktes wider. Wir müssen ja nicht nur experimentierfreudige Menschen in Tokio oder Berlin, sondern auch die Kunden in ländlichen Gegenden mit unseren Designs erreichen.

SH: Ich glaube, vor allem in eben diesen Regionen brauchen die Menschen noch Zeit, bis sie bereit für solche Innovationen sind. Aber wir haben das Thema definitiv auf unserem Radar.

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Uniqlo LifeWear Herbst/Winter 2017/18 © PR

Trendforscherin Li Eidelkoort schreibt in ihrem “Anti-Fashion”-Manifest, dass sich die Zukunft nicht um Mode, sondern um Kleidung drehen wird. Wie stellen Sie sich die Zukunft der Mode vor?

NT: Schon heute brauchen die Menschen Luxuslabels nicht mehr, um sich zu identifizieren und sich in der Gesellschaft zu positionieren. Sie können ihre Outfits heute spielend einfach selbst kombinieren und anhand ihrer Art des Stylings ihre Persönlichkeit ausdrücken. Anstelle von teurer Kleidung, die eine aktuelle Mode widerspiegelt, investieren sie ihr Geld lieber in Zeit – für sich oder ihre Liebsten. Das „Ich“ rückt immer weiter in den Vordergrund. Kleidung wird zukünftig vor allem flexibel sein müssen, sich dem stetig wandelnden Lebensstil des Individuums anpassen können.

SH: Ich denke, dass dabei vor allem Sports- oder Athleisure-Wear einen großen Auschwung erfahren wird. Die Menschen beschäftigen sich heute weniger mit Moden, sondern mit Themen, die näher an ihrer Realität sind: der eigene Job, der Wandel der Gesellschaft, das aktuelle Weltgeschehen. Kleidung wird zukünftig mehr und mehr den Zweck der Praktikabilität und des eigenen Komforts erfüllen.

Sind die Trend-Zyklen der Mode also ein veraltetes Konzept?

NT: Ja, mindestens ebenso veraltet wie die starren Geschlechtergrenzen in den Designs. Die Menschen wollen tragbare, hochwertige Kleidung und das saisonunabhängig. Sowohl etablierte Modehäuser als auch Nachwuchsdesigner müssen sich eine neue Strategie überlegen, wenn sie die Menschen zukünftig noch erreichen wollen.

SH: Schon heute ist der Modekalender mit seinem starren Saisondiktat so gut wie obsolet – die Jahreszeiten hingegen behalten natürlich dennoch Gültigkeit. Mit unserer erhöhten räumlichen Flexibilität wird klimasensible Kleidung wahrscheinlich sogar wichtiger denn je.

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Uniqlo LifeWear Herbst/Winter 2017/18 © PR

Sie sind beide schon viele Jahre in der Modebranche tätig. Was begeistert Sie heute besonders an Ihrem Beruf?

NT: Früher habe ich mich unglaublich darüber gefreut, wenn ich meine Kreationen in einem Museum wiederentdeckt habe. Ich habe wirklich selten Personen mit meinen Designs gesehen. Heute begegnen mir meine Kleidungsstücke an beinahe jeder Straßenecke. Das ist ein großartiges Gefühl und genau deshalb bin ich Modedesigner geworden: um den Menschen Kleider zu schneidern.

SH: Mich reizt vor allem der Gedanke, innovative Technologien aus völlig anderen Bereichen auf tragbare Kleidung zu übertragen. Den verschiedenen Materialoptionen so intensiv auf den Grund zu gehen und zwar mit einem designorientierten Ansatz – das hat schon etwas sehr Aufregendes.

Vielen Dank für das Gespräch.