Mode

Interview: Marques’Almeida

Von , 21. September 2016

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MARQUES’ALMEIDA BOOK via marquesalmeida.com

„Selten geht es uns in unseren Ansätzen um das Schöne oder Ansehnliche.“ Kaum ein anderes Label steht so klar für eine neue Generation in Londons Mode-Meisterschmiede, wie das portugiesische Design-Duo Marques’Almeida

Analytisch, emotional, rau, unangepasst und allem voran stets auf der Suche nach dem passenden “Vibe”. Marta Marques und Paulo Almeida geht es um das große Ganze ­und Mode dient ihnen dabei als Ausdrucksmittel. Grenzen zwischen Arbeit und Privatem kann man da schwer ziehen. Das Paar kennt sich aus gemeinsamen Studienzeiten in Portugal, beide zogen 2009 nach London, arbeiteten zunächst für Vivienne Westwood und Preen, bevor sie ihren Master am renommierten Central Saint Martins College absolvierten. 2011 gründeten sie ihr Label Marques’Almeida, das seine Einflüsse klar in der Streetwear findet. Ihre Neuinterpretation von Denim gilt als ihr Durchbruch und vergangenes Jahr gewannen sie den hochdotierten LVMH Preis für Jungdesigner.
An Geheimnisse glauben sie nicht, an die Wichtigkeit von Unterschieden dafür umso mehr. Ein Gespräch mit Marta und Paulo.

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MARTA MARQUES UND PAULO ALMEIDA, LAUNCH OF COLLECTION AT VOO STORE © Christian Werner

Wie habt ihr euch kennengelernt?
Marta: Ich glaube, dass müsste in den ersten Monaten während unseres Studiums in Portugal gewesen sein. So genau kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern. Es war aber eine dieser merkwürdigen Situationen, in denen man merkt, dass der “Vibe” zwischen dir und deinem Gegenüber sofort stimmt und man einen natürlichen Dialog miteinander beginnt. Von Beginn an steckte da viel Ehrlichkeit und Direktheit drin.

Auch in euren Kollektionen geht es immer mehr um einen allgemeinen Vibe, als um bestimmte Lieblingsteile.
Paulo: Definitiv. Es geht uns zum einen um die Energie zwischen uns und dem, was wir kreieren und zum anderen, um die Beziehung zwischen unseren Kunden und der Mode. Ist dieser Pullover oder diese Hose spannend genug für uns als Designer, ebenso wie für unsere Träger?“, solche Fragen stellen wir uns konstant. Oder, welche Filme gucken sie, in welches Theater würden unsere Kunden gehen. Wir kreieren also diese eine bestimmte Person, bevor wir ein Kleidungsstück designen. Der Inhalt prägt das Tragbare, nicht umgekehrt.
Marta: Ein Vibe ist viel abstrakter und nicht leicht zu greifen. Gleichzeitig kann er aber viel dimensionaler werden als Farben oder Stoffe. In einer Stimmung steckt mehr Leben.

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MARQUES’ALMEIDA BOOK via marquesalmeida.com

Mir fällt eure Kollektion von 2015 ein. Damals habt ihr eure Freunde darum gebeten, die Kollektion zu interpretieren und den Kampagnenfilm zu drehen.
Paulo: Die Art, wie wir unsere Kollektionen aufbauen, ist immer ein Mix aus ganz unterschiedlichen Parametern. Wir treffen zum Beispiel ein Mädchen, das total auf Gothic steht und ein anderes Mädchen, das sich nur für Kleider von Dolce & Gabbana interessiert, und die mixen wir dann zusammen. Unterschiede sind für uns im allgemeinen spannender als Gemeinsamkeiten und deshalb war diese Kampagne auch so cool. Wir haben unsere Kleidung anderen Personen gegeben, die unseren Stil dann noch einmal ganz neu verstanden haben.

Und zwischen euch beiden? Sind es die Gemeinsamkeiten oder die Unterschiede, die eure Arbeit so stark machen?
Marta: Die Unterschiede. Ich glaube, dass gerade sie es sind, die einen jeden Dialog spannend machen können.
Paulo: Wir sind beide leidenschaftlich und kämpfen für unsere Meinungen und genau das ist dann auch die Ebene, auf der wir uns wieder zusammenfinden. Wir glauben an das gleiche, sind überzeugt von dem gleichen und respektieren uns.

Wie wirkt sich das mit den Unterschieden auf den Designprozess aus?
Marta: Paolo hat einen viel analytischeren Ansatz. Ein Journalist meinte einmal zu uns, dass es eine sehr klischeebehaftete Arbeitsweise von uns ist, und da hat er leider gar nicht mal so unrecht. Paulo ist sehr auf Konstruktion und Produktion fokussiert, bei mir wiederum geht es primär um die Atmosphäre. Wohin wollen wir gehen? Warum ist etwas relevant? Was ist unsere Vision? Paulo ist Gott sei Dank sehr gut darin zu lesen, was in meinem Kopf vorgeht und schafft es, meine Ideen in die Praxis umsetzen.
Paulo: Wohingegen man sagen muss, dass ich wiederum in der Ästhetik die feminineren und Marta die maskulineren Dinge gestaltet. Von Anfang an habe ich mich mehr von weicheren Silhouetten und Ansätzen in Kollektionen leiten lassen. Marta hingegen interessiert sich mehr für Dekonstruktion und japanisches Design. Da hebt sich das Klischee also wieder auf.

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MARQUES’ALMEIDA BOOK via marquesalmeida.com

Wann ist Modedesign in euren Augen gut?
Paulo: Wenn es eine Balance aus Aufregendem und zugleich Tragbarem ergibt. Denn, am Ende des Tages, wenn wir einen Pailettenrock oder ein Spitzentop machen, wollen wir natürlich trotzdem, dass man die Teile im Alltag anziehen kann und man sie nicht nur einmal trägt und das war’s dann.

Hier kommt wahrscheinlich auch Londons stilistischer Einfluss durch.
Paulo:
Ja, der Punk zum Beispiel, die Kombination aus Chic und High-Street. Was immer wir machen, machen wir auf jeden Fall aufgrund von London.

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MARQUES’ALMEIDA BOOK via marquesalmeida.com

Im Gegensatz zu vielen anderen Designern, erwähnt ihr vergleichbar wenig eure Heimat und Wurzeln. Vielmehr scheint euch die Gegenwart in London zu inspirieren und zu prägen. Welchen Stellenwert nimmt Portugal für euch da überhaupt noch ein?
Marta: Wenn du in Portugal aufwächst, dann denkst du nicht daran, dass du mit Mode eine ernsthafte Karriere machen kannst. Ich bin in einer Vorstadt Portos groß geworden und da lernt man in der Regel, einen soliden Beruf auszuüben – mehr Kopf als Herz ist bei solchen Entscheidungen oftmals dabei. Im Endeffekt dann doch das Risiko einzugehen und Modedesign zu studieren, fühlte sich zunächst unbeständig und vergänglich an. Nach dieser harten Erfahrung hat uns London dann plötzlich bestärkt und uns die nötige Energie gegeben. Die Stadt ist bis heute unser Hauptkatalysator. Portugal spielt in anderen Bereichen eine wichtige Rolle, aber nicht unbedingt in unserer Kreativität.
Paulo: Ich glaube, mehr als in unserer Inspiration, hat uns unsere Heimat wohl in unserer “seriösen” Arbeitsethik geprägt. Wir nehmen das, was wir machen, einfach sehr ernst und das kommt definitiv von unseren portugiesischen Wurzeln und der portugiesischen Mentalität.

Sprich, London und nichts anderes?
Marta: Exakt. Es macht für uns absolut keinen Sinn, irgendwo anders zu leben und zu arbeiten.

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MARQUES’ALMEIDA BOOK via marquesalmeida.com

Wie schafft ihr es, euch immer wieder gegenseitig zu überraschen und zu motivieren?
Paulo: Wir versuchen, uns jede Saison mehr und mehr aus unserer Komfortzone zu bewegen. Nicht nur im Sinne des Umfangs einer Kollektion, was ja eine sehr objektive Art des Denkens ist, aber auch im Sinne des Stils. Oftmals spielen wir zu Beginn einer neuen Kollektion sehr gerne mit der Idee etwas zu kreieren, das uns fast schon geschmacklos oder hässlich erscheint. Etwas, an das die Augen noch nicht gewöhnt sind. Selten geht es uns in unseren Ansätzen um das Schöne oder Ansehnliche.

Und wie wichtig ist es, in einer solch engen Beziehung, Geheimnisse voreinander zu behalten?
Marta: Ich glaube, dass wir darin wirklich nicht gut sind. Zu viel und zu direkt reden wir über alles miteinander. Überhaupt sind wir noch nie wirklich auf die Idee gekommen, Geheimnisse voreinander hüten zu müssen. Das klingt ziemlich komisch, oder?

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MARQUES’ALMEIDA BOOK via marquesalmeida.com