Mode

Andersons Märchen

16. September 2016

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© Dmitry Smirnov

Ksenia Sobchak, Chefredakteurin der russischen Ausgabe von L’Officiel, trifft das Modewunder J. W. Anderson für einen Tag voller Kunst, Gespräche und Mode – weil es in Gedanken nun mal keine Grenzen gibt

Jonathan Anderson entdeckt man in der Lobby des Moskauer Four Seasons in etwa so leicht, wie man Peter Pan unter den Herren des britischen House of Lords erkennen würde: Sein mit Sommersprossen übersätes Gesicht, ­seine zerzausten, weizenblonden Haare und schelmischen Augen wirken fast herausfordernd in der Menge der konzentrierten Gesichter der Geschäftsleute. Sein Frühstück ist der Traum jedes Teenagers: Speck, Rührei und Buttertoasts. Er strahlt eine fast unanständige Zufriedenheit aus, während er es verspeist. „Jonathan? Guten Morgen! Wie haben Sie den gestrigen Tag verbracht?“ – „Oh, ziemlich langweilig! Spaziergang gemacht, paar Cocktails getrunken und dann schlafen gegangen“, antwortet bescheiden lächelnd der Hoffnungsträger der britischen Mode. Ich schaue auf mein Smartphone. Aus dem Instagram-Account des Bonvivants German Larkin lacht mich ihr gemeinsames Foto an: fünf Uhr morgens, Club Propaganda. Jonathan kommentiert das mit einem konspirativen Lächeln: „Es war ein Eintauchen ins kulturelle Leben der Stadt!“

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© Dmitry Smirnov

Kultur ist ihm wichtig, und nachdem alle Interviews ­beendet sind, fahren wir ins Moskauer Kulturmekka, das Museum Garage. Die Räume gefallen ihm. „Es ist hell und geräumig, aber nicht unpersönlich industriell. Nicht so wie in unserer unruhigen Tate Modern. Das muss ich mal ­Dasha schreiben.“ Darya Zhukova, die Gründerin des Museums, ist eine gute Freundin und eine seiner treuen Verehrerinnen, die ideale weibliche Verkörperung der Marke J. W. ­Anderson: eine moderne, kunstinteressierte Städterin, die zur Schau gestellten Prunk und demonstrative Weiblichkeit bewusst vermeidet. Eine fast theatralische Wahrnehmung seiner Kleidung kommt dabei nicht von ungefähr. Jonathans Traum war Schauspielerei: „Oh, ich bin mir ­sicher, ich wäre ein guter Schauspieler geworden, aber ­irgendwann fand ich das theatralische Kostüm aufregender als das Theater selbst. Hätte ich etwa Garderobier werden sollen?“ So wurde er Schaufensterdekorateur bei Prada – und seitdem hat ihn die Modeindustrie fest im Griff.

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© Dmitry Smirnov

Nach der Besichtigung möchte er ein Selfie mit Ksenia machen. Sie trägt Kleidung aus seiner letzten Kollektion, was ihn fast wissenschaftlich interessiert. „Ich finde es spannend zu sehen, wie meine Kleidung an den Menschen aussieht.“ Ksenia, die stets erreicht, was sie will, bringt uns aufs Dach des Museums, einen der schönsten Aussichtspunkte der Stadt, von dem man den ganzen Gorki-Park, die Frunsenskaja-Promenade und einige im Auftrag Stalins ­erbaute Hochhäuser sehen kann. „Eine wahre Parade des Stalinistischen Klassizismus!“, ruft Jonathan. Ksenias Kommentare über die politischen Verwicklungen scheinen ihn nicht zu beunruhigen. „Es existieren schon lange keine Grenzen mehr, das Wichtigste sind menschliche Beziehungen und der Wunsch, etwas Tolles zu schaffen!“

Autorin: Elena Zamyatin

Dieser Artikel ist in der September 2016 Ausgabe von L’Officiel erschienen.

Tags: #Feature, #J.W.Anderson, #Mode