Mode

Interview: ISA ARFEN

Von , 17. February 2017

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Isa Arfen Frühjahr/Sommer 2017 © Isa Arfen

Radikal feminin und ehrlich ist die Pose, ungestüm und satt die Emotion im textilen Ausdruck. Isa Arfen liefert mit bewusst zelebrierter Opulenz einen drastischen Gegenentwurf zu Streetwear und Unisex-Mode – mit Erfolg. Wir haben Serafina Sama, die Gründerin des Labels, interviewt

Das britische Label Isa Arfen fängt das typisch italienische Lebensgefühl à la Dolce Vita ein, um es drapiert, gerüscht und gebauscht in Stoff auf den Körper zu übertragen. Gegründet im Jahr 2012 von der Italienerin Serafina Sama mit einer kleinen Kollektion an sommerlichen Kleidern, widmet sich das Label seither dem Rausch der Kontraste. Elemente des klassisch italienischen Kleiderrepertoires verknüpft Sama mit Ironie, Glam und Grunge. Zitate vom New Romanticism und Retro-Chic der 80er sowie Anleihen von Understatement und Anti-Mode der 90er verdichten sich in Samas Entwürfen zu einem erfrischend subversiven, femininen Frauenbild des 21. Jahrhunderts.
Aufgewachsen in der italienischen Stadt Ravenna zog es Sama schnell nach London, um am Central Saint Martins School of Art and Design zu studieren. Bereits während des Studiums sammelte sie Erfahrungen bei Marni, Lanvin und Marc Jacobs. Nach ihrem Abschluss 2006 arbeitete Sama zwei Jahre als Design-Assistenz bei Chloé, bevor sie zur Familiengründung nach London zurückkehrte. Zahlreiche Freelance-Projekte für Chloé, Louis Vuitton, Acne Studios und Charlotte Olympia später, entschloss sie sich für die Gründung ihres eigenen Labels. Ihre Resort 2016 Kollektion – verspielt, bunt und klassisch karnevalesk – bescherte ihr schließlich internationale und prominente Beachtung. Seitdem tragen Rihanna, Dakota Johnson und Karlie Kloss, aber auch Alexa Chung, Leandra Medine und Pandora Sykes die eklektischen Kreationen von Isa Arfen.

Um der Magie von Isa Arfen auf die Spur zu kommen, haben wir Serafina Sama zum Interview gebeten und mit ihr über ihr Verständnis von Mode, die Poesie Italiens und ihren Hang zur Dekadenz gesprochen.

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Isa Arfen Herbst/Winter 17/18 © Isa Arfen

Stichwort Design: Was ist dein modisches Credo?
Meine Entwürfe sollten sich immer begehrenswert anfühlen und liebevoll gestaltet sowie einfach zu tragen sein. Im besten Falle machen sie die Trägerin selbstbewusst, schön und zur besten Version ihrer selbst… und sorgen dafür, dass sie eine gute Zeit hat!

Hat sich deine Ästhetik vom ersten Entwurf an bis heute verändert?
Die allererste Kollektion war viel kleiner, mit einer limitierten Materialauswahl und klaren Linien. Auch wenn meine ursprüngliche Ästhetik viel minimalistischer war, ist die DNA von Isa Arfen schon damals spürbar gewesen: feminin, gebildet, lässig mit einem Hauch Exzentrik. Von Saison zu Saison habe ich mich mehr und mehr mit Stoffen beschäftigt. Farbe und Textur mutig miteinander zu kombinieren, hat in den letzten Kollektionen eine immer größere Rolle gespielt. Einige Silhouetten sind inzwischen dramatischer und ich versehe sie mit überdimensionalen Knoten, Rüschen und Off-Shoulder-Elementen. Das hat sich mit der Zeit zur Charakteristik von Isa Arfen entwickelt – und dennoch sind die Key Pieces der Kollektionen im Kern seit dem ersten Tag gleich geblieben: übergroße Trenchcoats, lässige Blusen und 7/8 High Waist-Hosen, wahlweise eng oder extra weit, in dekadenter Handschrift.

Isa Arfen Frühjahr/Sommer 2017 © Isa Arfen
Isa Arfen Frühjahr/Sommer 2017 © Isa Arfen

Als größte Inspirationsquelle dient dir die Vergangenheit. Was fasziniert dich daran am meisten?
Mein leichter Hang zu den späten 80ern und frühen 90ern rührt wahrscheinlich daher, weil das die Zeit war, in der ich begann, mich wirklich für Mode zu interessieren. Ich habe die Ausgaben der italienischen Vogue meiner Mutter regelrecht verschlungen! Das war genau an dem Punkt in der Mode, als der Exzess und die Übertreibung der 80er sich in den Minimalismus und Grunge der 90er wandelten. Ich merke immer noch, wie sehr mich der Widerspruch zwischen diesen beiden Polen fasziniert.

Hat Mode in deiner Familie damals eine Rolle gespielt?
Niemand aus meiner Familie hat in der Mode gearbeitet, aber meine Mutter und zwei Schwestern hatten schon immer einen sehr starken und individuellen Stil. Entsprechend haben sie meine Faszination für die Art und Weise, wie Kleidung Menschen äußerlich und innerlich verändern kann, seit einem sehr jungen Alter ermutigt. Ihre Liebe für Vintage-Stücke, dekadente Stoffe, folkloristische Kostüme, alte Handtaschen and großen Schmuck hat mich und mein Verständnis von Mode definitiv beeinflusst.

Warum hast du dich dafür entschieden, am Central Saint Martins College in London zu studieren?
Seit meiner Kindheit war es meine Lieblingsbeschäftigung, Mädchen in unterschiedlichen Outfits zu zeichnen. Ich habe ganze Tage damit verbracht, wie in einem Tagtraum-ähnlichen Zustand. Es ist mir allerdings nie in den Sinn gekommen, dass es etwas sein könnte, mit dem Leute ihr Geld verdienen. Es war einfach nur die beste Freizeitgestaltung für mich. Als ich dann 16 Jahre alt war, hat jemand in der Schule eine Universität für Mode und Design in London erwähnt, mit dem Namen Central Saint Martins, und das war meine Erleuchtung. Plötzlich konnte ich mir nichts anderes mehr vorstellen, das ich im Leben lieber machen wollte.

Was hat dich nach dem Studium und deiner Zeit bei Chloé dazu veranlasst, dein eigenes Label mit einer kleinen Auswahl an Kleidern zu gründen?
Mein eigenes Label zu gründen, ist schon sehr lange ein sehr großer Traum von mir gewesen – aber ich hatte so große Angst davor! Eine kleine Kollektion an Sommerkleidern zu designen, war meine Art, die Gewässer auszutesten. Ich habe diese Entwürfe nie der Presse oder Einkäufern gezeigt, aber dank meiner Familie, Freunden und Mundpropaganda habe ich schließlich viel mehr verkauft als erwartet. Die enthusiastische Nachfrage gab mir genau das Selbstbewusstsein, das ich brauchte, um mit der Arbeit an einer vollständigen Kollektion zu beginnen.

Isa Arfen Frühjahr/Sommer 2017 © Isa Arfen
Isa Arfen Frühjahr/Sommer 2017 © Isa Arfen

Warum der Name „Isa Arfen“?
Ich wollte auf keinen Fall meinen eigenen Namen verwenden. Ich bin eine recht introvertierte Person und die Vorstellung davon, ihn jeden Tag auf Labels zu sehen und über mich in der dritten Person zu sprechen, fühlte sich recht unbehaglich an. Deswegen kam ich auf den Namen Isa Arfen: ein Anagramm meines Namens und eine kleine Hommage an meine Großmutter mütterlicher Seits, Isa.

Wie ist es für dich, deine Entwürfe inzwischen an Celebrities zu sehen?
Es fühlt sich unglaublich schmeichelhaft und aufregend an, inspirierende, starke und erfolgreiche Frauen zu sehen, die meine Stücke tragen. Am meisten hat mich bis jetzt aber eine Frau berührt, die ich nicht kannte und zufällig auf der Straße sah: Sie war mit ihren Kindern auf dem Weg zur Schule und trug einen Mantel von Isa Arfen.

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Isa Arfen Resort 2017 © Isa Arfen

Du lebst bereits seit 17 Jahren in London und besuchst Italien regelmäßig. Welcher Ort beeinflusst deine Arbeit auf welche Weise?
Zeit in Italien zu verbringen, fühlt sich immer inspirierend und regenerativ an. Dort liegt dieser antike Glamour, diese Schönheit und Poesie in der Luft. Die historischen Schätze, so wie die byzantinischen Mosaike in Ravenna, waren für mich als Kind immer selbstverständlich. Inzwischen rauben sie mir aber wirklich den Atem! Auf der anderen Seite ist London für mich ein pulsierendes Herz, das sich stetig weiterentwickelt und mich immer stimuliert. Ich bin sehr glücklich darüber, in einer Stadt zu leben, die ein so großes Angebot an Kunst, Musik und Tanz bietet und die Vielseitigkeit auf den Straßen ist außerordentlich beflügelnd.

Was sind die Designer, die dich am meisten inspirieren?
Meine Lieblingsdesigner sind Miuccia Prada wegen ihrer eklektischen, intellektuellen Raffinesse und subversiven Sexualität; Yves Saint Laurent für seine Zeitlosigkeit und den einmaligen Gebrauch von Farbe; und Romeo Gigli wegen der Romantik, Emotion und Poesie seiner Arbeit.

Du hast einen sechsjährigen Sohn – wie bringst du Arbeit und Familie unter einen Hut?
Ich bin immer noch auf der Suche nach der perfekten Balance! Die Zeit mit meinem Sohn Ari bringt meinen Geist sofort weg von all dem Stress der Arbeit und erinnert mich an die wichtigen Dinge im Leben. Aus diesem Grund sind die gemeinsamen Abende und Wochenenden heilig. Pilates in der Mittagspause hilft mir, meinen Geist zu reinigen und mich von all der Anspannung freizumachen. Die Pyrit-Steine auf meinem Schreibtisch unterstützen mich dabei, mich auf die Arbeit zu fokussieren. Freitags auf dem Portobello Market nach Vintage-Schätzen zu suchen, Samstagmorgen Blumen zu kaufen, mir mit meinem Ehemann ein Ballett anzusehen oder eine nächtliche Karaoke-Session mit meinen Freunden sind augenblickliche Stimmungsaufheller.

Wie würdest du deinen persönlichen Stil beschreiben?
Mein Stil ist sehr entspannt mit einer Prise Dekadenz. Im Grunde besteht meine Alltagsuniform aus High Waist Jeans, weißen T-Shirts, Isa Arfen-Blusen und einem lässigen Trenchcoat. Wenn ich nach der Arbeit ausgehe, wechsele ich zu Charlotte Olympia High Heels und füge mutigen Schmuck meines Lieblingsschmuckdesigners und Freundes Giorgio Vigna hinzu. Ich sammele Vintage und die liebsten Teile in meinem Kleiderschrank sind meine langen Kleider von Ossie Clark und ein bedruckter Samtanzug von Dior.

Vielen Dank für das Interview.

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Isa Arfen Frühjahr/Sommer 2017 © Isa Arfen