Mode

Interview: Hugo’s Girl Boss

Von , 14. June 2017

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Hugo Frühjahr/Sommer 2018

Gestern zeigte Hugo seine Frauen- und Männerkollektion für Frühjahr/Sommer 2018 in einer gemeinsamen Show auf der Pitti Uomo in Florenz. Wir waren vor Ort und baten Jenny Swank Krasteva, Senior Head of Creative bei Hugo Womenswear, zum Interview. Ein Gespräch mit der 32-jährigen Designerin über entscheidende Karriereschritte, kreative Einflüsse und das Hinterfragen von Dingen

Du bist in einem kleinen Ort in Montana aufgewachsen. Wie bist du zur Mode gekommen?

Kreative Dinge haben mich schon als junges Mädchen magisch angezogen. Die Art und Weise, anhand verschiedener Medien neue Welten zu kreieren. Kunst, Film und Musik zählten also immer schon zu meinen Leidenschaften, auch wenn ich auf dem Land natürlich nicht die Masse an Input bekommen habe. Ich konnte es nicht abwarten, den Ort zu verlassen und Neues zu entdecken. Irgendwann zog ein Freund aus der High School für sein Modedesign Studium nach Kalifornien, nebenbei arbeitete er für einen kleinen Designer in L.A. Als ich ihn dort besuchte, dachte ich mir „Yep, das ist es!“.

Dann bist du nach San Francisco gegangen.

Genau. Dort habe ich an der Akademie der Künste studiert. Sie haben ein unglaublich tolles Modeprogramm, das viele gar nicht auf dem Schirm haben, wenn sie von guten Modeschulen sprechen. Diese anspruchsvolle Ausbildung hat den Grundstein meiner Karriere gelegt. Zac Posen hat die Abschlusspräsentation meines Jahrganges besucht und mich als Praktikantin mit nach New York genommen. So hat damals alles angefangen.

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Jenny Swank Krasteva, Senior Head of Creative Hugo Womenswear

Gibt es eine besondere Anekdote aus dieser Zeit?

Ich erinnere mich noch genau an die Frühling/Sommer 2008-Show in Bryant Park. Damals war Sean Combs noch in das Geschäft von Zac Posen involviert. Ich war Backstage und hielt diesen wunderschönen Finale-Look in meinen Händen, ein Chiffon Kleid mit Wolken-Print. Wir alle waren seit Stunden auf den Beinen, ich war total fertig mit den Nerven. Plötzlich stand Anna Wintour vor mir und rief „aus dem Weg!“. Diddy fing an, hysterisch zu applaudieren, um alle anzuheizen. Claire Danes und Demi Moore kamen hinter die Bühne, um das Team zu begrüßen. Ich dachte damals nur „passiert das gerade wirklich? Stehe ich hier echt mit diesen Leuten in einem Raum?“ Eine surreale Situation, die ich nie vergessen werde.

Heute leitest du das Kreativteam von Hugo Womenswear. Was ist die Philosophie der Linie?

Hugo ist ein Unternehmen mit reicher Vergangenheit in Sachen Schneiderkunst – dies ist bereits seit den Neunzigern ein wichtiger und sehr erfolgreicher Bestandteil unserer DNA. Frauen brauchen heute eine flexible Garderobe, die sich an ihren vielseitigen Lebensstil anpasst. Unsere Trägerin ist eine sehr individuelle und spontane Frau, sehr offen in ihrer Denkweise und ihrem Stil. Bei uns findet sie für jeden Anlass verschiedene Kleidungsmöglichkeiten, die ihr aber nicht diktieren, wer sie zu sein hat. Wir versuchen, uns nicht allzu ernst zu nehmen.

Wie kam es zu der Entscheidung, die Frauen- und Männerkollektionen für kommenden Sommer in einer einzigen Show zu präsentieren?

Wir verstehen Hugo als eine übergreifende Marke, also als Frauen- und Männerlinie. Eine gemeinsame Präsentation erlaubt es uns, zu demonstrieren, wie wir eine Ästhetik auf beide Geschlechter übertragen. Außerdem ist es eine gute Möglichkeit, um die Definition von „maskulin“ vs. „feminin“ in Frage zu stellen, sich zu fragen, inwiefern diese Unterscheidung überhaupt Sinn macht.

Was ist dein Ausgangspunkt im Designprozess?

Ich starte immer mit der Frau im Kopf, für die ich kreiere. Was macht sie, wo lebt sie, wofür steht sie, was zeichnet sie aus? In meinen Designs reflektiere ich gerne eine Frau, die wir gut kennen, die wir verstehen, die für uns zwar real greifbar aber dennoch inspirierend ist.

Gibt es eine Geschichte hinter deiner neuen Kollektion?

Die Kollektion trägt den Namen „Ritualis Spiritualis“, in Anlehnung an afrikanische Voodoo Rituale und ihr Vorkommen in der westlichen Kultur des Viktorianischen Zeitalters. Man findet ihre Ästhetik insbesondere im Symbolismus alter Gemälde. Die Kollektion ist sehr expressiv, künstlerisch, Bohème inspiriert – insbesondere auch von dem extravaganten Lebensstil des Künstlers, seiner Art, sich zu kleiden, wertvollen Dingen Nonchalance zu verleihen.

Welche Person hat den größten kreativen Einfluss auf dich?

Eine sehr gute Freundin von mir. Sie ist eine unglaublich gute Musikerin, Künstlerin, Schreiberin, Muse. Am inspirierendsten finde ich ihre Verbindung zur Natur. Sie ist eine sehr leidenschaftliche und spirituelle Person. Es ist fast unmöglich, mit ihr Zeit zu verbringen und dabei nicht kreativ beeinflusst zu werden. Dieses spirituelle Element plus die Naturverbundenheit sind zwei Dinge, die ich mit der neuen Kollektion vermitteln möchte.

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Hugo Frühjahr/Sommer 2018

Die Modewelt zeigt sich aktuell von ihrer feministischen Seite – was ist deine Meinung dazu?

Endlich spricht man wieder über Feminismus! Und der ist mehr als nur ein Trend. Uns Frauen wird man jedenfalls so schnell nicht wieder los.

Welchen Herausforderungen ist man als Frau heutzutage in der Modebranche ausgesetzt?

Ich glaube, dass wir von Glück sprechen können – schließlich ist die Mode eine der wenigen Industrien, in der wir Frauen gefeiert werden. Momentan ist die Modewelt dabei, sich einen so nie da gewesenen feministischen Spirit anzueignen. Ich finde das sehr inspirierend. Dennoch muss man sagen, dass wir trotz all unserer Erfolge noch einen weiten Weg vor uns haben.

Was war der wichtigste oder folgenreichste Schritt auf deinem Karriereweg?

Meinen Mann zu heiraten. Er verleiht mir Bodenhaftung und ist mein größter Unterstützer in meiner Karriere. Als Designer, Schneider und Lederexperte kreiert er ständig Dinge mit seinen Händen. Es ist sehr inspirierend, nach Hause zu kommen und seine kreative Energie zu spüren. Die Ideen fließen nur so vor sich hin.

Du hast deine Modekarriere mit 22 Jahren begonnen. Hat sich deine modische Vision seither verändert?

Auf jeden Fall! Ich denke, es ist ganz selbstverständlich, dass sich dein Stil und deine modischen Vorstellungen entlang deiner Karriere weiterentwickeln. Ich habe so viele Erfahrungen gemacht, mit vielen verschiedenen Menschen zusammengearbeitet. Als Designer hört dieser Prozess nie auf.

Was liebst du an deinem Job?

Ich liebe die prinzipielle Offenheit, mit der man sich ausprobieren, seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Meine Tätigkeit erlaubt mir, inne zu halten, um Schönheit oder Begriffe wie Weiblichkeit in Frage zu stellen, aber auch mich selbst und meine eigene Gefühlswelt. Ich glaube, dieses ständige Hinterfragen ist eine wichtige Aufgabe der Mode.

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Hugo Frühjahr/Sommer 2018

Und was gefällt dir weniger?

Leider ist es nicht immer einfach, diese Idee des kreativen Experimentierens auch tatsächlich umzusetzen. Mode sollte instinktiv und losgelöst von Restriktionen entstehen können. Es geht um Kreativität und Freiheit. Aber eben auch darum, die Dinge zu hinterfragen. Am Ende produzieren wir nunmal Kleidung – man sollte loslassen können.

Wie schätzt du die Zukunft der Mode ein?

Die Branche befindet sich in einem konstanten Wandel – Erfolgsstrategien von letztem Jahr sind heute nicht mehr unbedingt verlässlich. Und nur mit der Konkurrenz mitzuhalten, wird morgen nicht mehr ausreichen. Ich hoffe, dass die Häuser zukünftig zu ihrem ursprünglichen Gespür für Ästhetik und Individualität zurückfinden. Außerdem glaube ich, man neben der digitalen Innovation mit all ihren Analysen und Erfolgsfaktoren die menschliche Komponente der Mode nicht außer Acht sollte. Unsere Kleiderwahl ist nach wie vor von Emotionen geleitet und weniger von Kennzahlen.

Wie kann es gelingen, Design und Marketing auf eine smarte Weise zu vereinen?

Mir ist es sehr wichtig, dass sich unsere ursprüngliche konzeptuelle Idee in Werbebildern, Brand Image und Zielgruppe widerspiegelt. Wir arbeiten sehr eng mit den Marketing- und Kommunikationsteams zusammen, wenn es darum geht, kreative Wege zu finden, die unsere Ästhetik transportieren. Ich denke, das beste Branding Ergebnis erzielt man heutzutage anhand einer guten Verbindung von digitaler Kommunikation und realen Erfahrungsmöglichkeiten.

Was ist dein Rat an junge Designer, die eine Karriere in der Industrie anstreben?

Deine Anzahl an Instagram-Fans bestimmt nicht den Erfolg deiner Karriere. Geh’ zur Uni. Arbeite hart. Erlerne das Handwerk. Absolviere ein Praktikum. Lerne. Erweitere deinen Horizont. Und sei immer, wirklich immer freundlich.

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Hugo Frühjahr/Sommer 2018

Vielen Dank für das Gespräch.