Mode

Haute Couture und eine Revolution?

Von , 8. July 2016

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Giambattista Valli Haute Couture 2016/17 Kollektion © PR

Fünf Tage Haute Couture in Paris – ein Résumé bleibt nicht aus

Die gerade vergangenen Couture Schauen in der französischen Hauptstadt – ein Wechselbad der Gefühle. Zeigten sie sich so experimentell, identitätslos und gleichzeitig modern wie noch nie, beinhaltete dieser Kurswechsel eine ganz fundamentale Frage: Wie sieht die Zukunft der Haute Couture Anno 2016 und beyond aus?

Den Start der Haute Couture Schauen machte in dieser Saison kein geringeres als das ultra-gehypte französische Label „Vetements“. Damit war zu Beginn zwar noch keine Antwort auf die Frage gegeben, aber bereits ziemlich gut zusammengefasst, was das Gesamtbild der Schauen auch zum Ende widerspiegelte: Es liegt ein Wandel in der Luft. Sagen wir mal, der Sturm ist noch nicht ganz angekommen, aber der Wind aus allen Himmelsrichtungen deutlich spürbar.

War es für „Vetements“ eine freie künstlerische Entscheidung für eine Neuinterpretation des dogmatisierten Begriffs der „Haute Couture“, so blieb anderen Marken schlichtweg nicht weiteres übrig, als einen Wandel einzuläuten. Verließen im vergangenen Jahr so einige renommierte Designer ihren Posten: Raf Simons, Albert Elbaz, Hedi Slimane. Folglich ist klar, dass sich solche einschlägigen Entscheidungen ebenso auf Kollektion und Kreativität einer Marke übertragen und sie an neue Ufer zwingt. Allen voran zeigte Dior dabei, dass man noch mitten im Meer schwimmt, ohne ein Ufer in Sichtweite. Methaphorisch – oder ironisch – präsentierte das Label in unfertigen Räumen und die Kollektion, entworfen von Lucie Meier und Serge Ruffieux als Zwischenlösung nach Raf Simons Weggang, schien ebenso unvollständig. „Demi-Couture“, wie Tim Blanks es so schön nannte. Keine schlechten Entwürfe per se, aber so viel ist sicher: die Entscheidung über die neue Dior-DNA bleibt definitiv dem Nachfolger überlassen.

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Dior Haute Couture 2016/17 Kollektion © Dior
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Dior Haute Couture 2016/17 Location © Dior

Kontrastprogramm bei Chanel; würde doch keiner ernsthaft an ein Chanel ohne Karl denken. Die Identität der Marke ist durch Lagerfeld seit einigen Jahrzehnten in Stein gemeißelt. Nun platzierte er in dieser Saison über siebzig seiner Schneiderinnen und Näherinnen auf der Bühne. Während der Rest der Modewelt mit größtem Respekt nur passiv zuschauen konnte, wurde zwischen Tweet- und Tüll-Stoffrollen genäht – eine Hommage an das Handwerk und die vielen Gesichter hinter einer Marke. Ob das nun großzügig oder einfach einmal an der Zeit war, sei dahingestellt.

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Chanel Haute Couture 2016/17 Präsentation © Chanel

Facettenreichtum innerhalb einer Kollektion gab es hingegen bei Giambattista Valli schon immer. Der Römer konnte sich während seiner langjährigen Couture Laufbahn zu unserem Glück noch nie so wirklich zwischen dramatisch und leger entscheiden. In dieser Saison siedelte er seine Entwürfe zwischen Rokoko und Modernismus an, ließ sich von dem Film „Russian Ark“ stark inspirieren. Der Film gilt als kinematographisches Highlight – Valli sprengte diesen Rahmen phänomenal und kompromisslos.

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Atelier Versace Haute Couture 2016/17 Präsentation © PR

Und um auf die Identitätsfrage zurück zu kommen: Nachdem es Donatella Versace so unfassbar gut gelungen ist, die Ready-to-Wear Kollektion des Hauses aufzufrischen, scheint ihre Haute Couture Linie zunächst vom Weg abgekommen. Aufwendige Drapierungen, gewagte Farbkombinationen. Ein zweifellos spannender Ansatz, auch wenn am Ende alles ein wenig zu angestrengt wirkte und – hart gesagt – italienische Sinnlichkeit durch undefinierbare Seltsamkeit ersetzt wurde.

Was wir über die letzten Tage also gesehen haben, war wohl erst ein Vorgeschmack auf eine mutige Zukunft einer jahrhundertealten Tradition. Doch eines ist dabei sicher: trotz problematischer Wirtschaftslage und Marktwandel wird nicht auf Haute Couture verzichtet werden. Vielleicht bedarf es des ein oder anderen neuen Anstrichs, ein paar mehr neuer Gesichter und sicherlich vieler neuer Ansätze. Jedoch bleibt genauso klar, dass der wichtigste Wert, den Haute Couture in der Mode hat, so schnell nicht verloren geht: die Fantasie.