Mode

Parallelwelt Modeln

19. January 2017

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Gabriella, Prospect Park, New York City, 2014

Lange Beine, dünn, nicht allzu intelligent – das gängige Model-Klischee. Nadine Strittmatter räumt damit auf und zeigt sich bodenständig

Das glamouröse Leben der Models sieht in Wahrheit berührend banal aus. Zumindest im Alltag. Der neue Bildband der Fotografin Hadley Hudson zeigt das in aller Offenheit – wir baten ein Topmodel, sich an ihre Anfänge zu erinnern.

Beim Elite-Model-Wettbewerb hatte ich mich angemeldet, weil Agenten aus Paris und London in der Jury saßen und ich hoffte, meinem Traum vom Leben im Ausland ein Stück näher zu kommen. Ich habe auch gar nicht gewonnen, allerdings tatsächlich eine Agentin in Paris gefunden, die bereit war, sich um mich zu kümmern. So konnte ich meine Eltern davon überzeugen, in Paris zu leben, zunächst bei einem syrischen Lehrer-Ehepaar. Und damit ging es schon los: Beim Abendessen gab es heftige Diskussionen, ich lernte Palästinenser und Iraner kennen, mein Französisch war schnell voller politischer Vokabeln! Und es war gut, dass es diese Gegenwelt gab, denn in meiner Modellaufbahn tat sich erst mal gar nichts!

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Bianca in ihrem Apartment, Paris, 2008

Nach drei Monaten wollte ich aufgeben, lauter Termine, immer nur Absagen, das ist nicht leicht, wenn man gerade 17 geworden ist. Ich saß heulend bei meiner Agentin, aber die hat nicht lockergelassen, und irgendwie ist das dann wieder sehr besonders, dass sich ein fremder Mensch so für dich einsetzt! Prompt hatte ich einen Tag später tatsächlich meinen ersten Job: Ich konnte für Isabeli Fontana einspringen, die verhindert war. Die französische L’Offciel hat mich quasi aus Verzweiflung gebucht. Und das war mein Durchbruch: Es gab ein Cover, die Geschichte kam gut an. Ehe ich nachdenken konnte, saß ich in einem Flieger nach New York, um mich Steven Meisel vorzustellen. Der hat mich dann gleich für die nächste Ausgabe der italienischen Vogue gecastet.

So ging es los. Zunächst wohnte ich im Paramount Hotel, ich wurde ohnehin dauernd durch die Gegend geflogen, oft mehrmals in der Woche. Mein Teddy war immer dabei und mein Handy, um zu Hause anzurufen. Ich komme ja aus einer kleinen Stadt im Aargau, habe meine Kindheit im Wald verbracht, auf meinem Pferd – da war New York schon ein ganz schöner Kulturschock. Nach einem halben Jahr, als alle fanden, dass sich New York für mich mehr lohne als Paris, habe ich dann ein Zimmer in Chelsea bezogen, bei einer netten Restaurant-Besitzerin. Das war im Souterrain, hatte aber einen kleinen Garten hinten und war überhaupt ganz gemütlich.

Mein Alltag bestand jetzt aus ewigen Go-Sees, tatsächlich habe ich in dieser Phase unglaublich viel gearbeitet. Es gab ja noch nicht so viele Models wie heute, aber jede Menge Magazine. Da war man gut beschäftigt, wenn die Stylisten gern mit dir arbeiteten. Überhaupt ging es ja noch gar nicht darum, selbst berühmt zu werden, was heute das Hauptziel zu sein scheint. Wir wurden danach beurteilt, wie wir mit den Fotografen zusammenarbeiten konnten, ob wir in der Lage waren, ihre Visionen zu erfüllen – deshalb war unser soziales Leben reine Privatsache. Man hat gearbeitet, fiel ins Bett, ist früh wieder raus, weiter ging’s. Kommt noch hinzu, dass ich immer sehr diszipliniert war, nie zu spät kam, vielleicht liegt das an meinen Schweizer Genen.

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Nadja in einem Model-Apartment, Paris, 2009

Irgendwann Anfang 20 konnte ich nicht mehr. Ich fühlte mich alt, neue Mädchen rückten nach, die alle Jobs zu kriegen schienen, ich war irgendwie ausgebrannt. Meine Eltern haben mich zurück in die Schweiz geholt, ich habe erst mal ein halbes Jahr gar nichts gemacht, dann langsam wieder angefangen. Das war vielleicht das Beste, was mir passieren konnte. Danach habe ich wieder mehrheitlich in Paris gelebt, auch weil ich hier auf den Runways gefragt war: John Galliano, Dior, Jean-Paul Gaultier, Givenchy, Chanel – das ist ja bis heute geblieben. Und in Paris fühle ich mich auch richtig zu Hause. Meine Freunde sind hier, die Schweiz ist nah, mein Traum vom Reisen ist ja eigentlich auch in Erfüllung gegangen. Ich glaube, das ist für alle Mädchen wichtig, die auf die eine oder andere Weise in diesem Beruf landen: dass man sich von Anfang an darum kümmert, neben dem Modeln eine Parallelwelt aufzubauen. Zu studieren, an den Orten, in die man geflogen wird, Zeit zu verbringen, ein paar Tage anzuhängen, wenn möglich! Man ist ja meist von interessanten Leuten umgeben, die einen inspirieren, weil sie Künstler sind, Menschen mit einem besonderen Horizont – daran muss man sich andocken, mithalten. Dinge abends nachlesen, die man vielleicht nicht verstanden hat, die Gesellschaft von den schlaueren Leuten am Set suchen – nicht nur von denen, die den neuesten, coolsten Club kennen!

Ich glaube, diese ganzen Topmodel-Formate haben viel Schaden angerichtet. Ich war in der Schweiz selbst mal in eins involviert. Da geht es nur ums Geld – und den Mädchen wird eben auch nichts anderes vermittelt. Dabei geht es um so viel mehr! Wenn du das Glück hast, mit Fotografen wie David Sims oder Steven Meisel zu arbeiten, dann fühlst du dich als Teil einer gemeinsamen künstlerischen Arbeit. Dazu gehört aber auch, dass man sich als Persönlichkeit weiterentwickelt! Und, dass man den alltäglichen Kampf aushält. Das Immer-wieder-von-Null-Anfangen! Bei jeder Dior-Show musste ich wieder zum Casting, dabei wussten sie doch, wer ich bin. Das dachte ich jedenfalls am Anfang. Dann habe ich begriffen: Du bist immer wieder jemand anderes, jeden Tag entscheidet sich neu, wer du bist, was du kannst. Ob du bestehst – vor dir und der Welt. Und das liebe ich vielleicht am meisten an diesem komischen Beruf.

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Buch Persona Models at Home by Hadley Hudson, Hatje Cantz Verlag, 128 Seiten, etwa 40 Euro

Autorin: Nadine Strittmatter

Dieser Artikel ist in der Januar/Februar 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen.