Mode

Rive Droite, Rive Gauche

Von , 6. October 2016

Versace SS 2017 © Marcio Madeira
Versace SS 2017 © Marcio Madeira

In ihrer Kolumne berichtet Lisa Feldmann regelmäßig aus ihrem Leben als L’Officiel Chefredakteurin – diesmal von dem soeben beendeten Schauenmonat

An diesem Morgen scheint die Sonne in Paris. Die Fashion Week hat diese Saison einen perfekten Herbst-Anfang erwischt, Altweibersommer nennt man das, da, wo ich herkomme…

Noch bevor das erste Kleid den Runway herunterspazierte (ein Shift-Dress, lässig wie ein Sweatshirt, elegant wie ein Cocktailkleid, in einem distinguierten Grauton, dazu goldfarbene Cowboystiefel aus geprägtem Leder), war man verzaubert: Die Musik, ein Remix aus Michel Bergers wunderbar melancholischer Filmmusik für „Rive Droite, Rive Gauche“, hatte den sonnigen Raum mit Emotionen geflutet – der Soundtrack für eine Kollektion, wie sie moderner und dabei smarter nicht hätte sein können. Angedockt an einen Zeitgeist, der Schönheit im Unperfekten, Authentischen sucht, hat Nicolas Ghesquière mit seiner neuesten Kollektion unmissverständlich klar gemacht, dass er den Spirit der Marke Louis Vuitton respektiert: Hier wurde Luxus definiert, jünger vielleicht, aber in jedem Detail augenfällig hochwertig.

Ray Of Lite @louisvuitton

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Ein schöner letzter Tag war das, nach einem Monat voller Modeschauen, ein versöhnlicher Abschluss. Das muntere Finale bei Miu Miu wenige Stunden später sorgte endgültig für gute Laune – mit Bademänteln, die feierlich wie Pelzmäntel vorgeführt wurden und diesem und jenem mehr, was man gern in den Ferienkoffer packen wird. Wenn es dann im nächsten Frühling soweit ist. So lange wird man nämlich warten müssen, bis die Kollektion vollständig ausgeliefert sein wird, bei einem (Online-)Händler Ihres Vertrauens. Und das will heutzutage ausdrücklich erwähnt sein.

Fashion Director Going Virtual @stellywood @tommyhilfiger Ein von Lisa Feldmann (@lisafeldmann_) gepostetes Video am

Noch zwei Tage früher hatten wir die Sommersachen von Tommy Hilfiger lediglich mit Hilfe einer „Virtual-Reality-Brille“ erleben können, die eine Modeschau in der Wüste simulierte – das aktuelle Defilee zwei Wochen zuvor in New York hatte Mode gezeigt, die noch in der darauf folgenden Nacht in den Flagship-Stores auf der ganzen Welt in Schaufenstern dekoriert wurde und dann umgehend zum Verkauf bereit stand.
Auch Burberry, Tom Ford und Hugo Boss nutzen neuerdings den „Buzz“, der vor allem im Internet während einer Modenschau erzeugt wird, um ihre Umsätze zu stimulieren. Andere Häuser folgen dem Beispiel, zumindest mit einer Auswahl ihrer Accessoires. Man kann davon ausgehen, dass diese Marketing gesteuerte Strategie weiter Schule machen wird.

Tommy Hilfiger SS 2017 © Marcio Madeira
Tommy Hilfiger SS 2017 © Marcio Madeira

Geld regiert die Modewelt, und die Modewelt, so scheint es, dominiert immer mehr unsere Welt.

Das fällt einem auf, wenn man selbst in entlegenen Quartieren von Mailand Bäcker oder Gemüsehändler vergeblich sucht, stattdessen die zigste Filiale einer Bekleidungskette findet. Und noch eine. Und gleich einen Block weiter noch eine.

Das irritiert einen, wenn sich der Pariser Bürgermeister öffentlich entschuldigt, wenn ein Besucher der Modeschauen in einer gemieteten Villa trotz Bodyguards ausgeraubt wird. Als handele es sich bei der nun um einige Millionen leichteren Kim Kardashian West um ein Mitglied der amerikanischen Regierung, deren gute Beziehungen man nicht aufs Spiel setzen möchte („bitte besuchen Sie uns recht bald wieder!“).

Das beschämt einen, wenn man die Stadt Richtung Flughafen verlässt, und plötzlich zwischen Gare de L´Est und Porte de la Chapelle Hunderte von Menschen sieht, die auf Matratzen unter Bahn-Trassen kampieren, „Flüchtlinge“, erklärt der Taxifahrer, „die Auffanglager in Paris sind längst überfüllt.“

Und die Mode? Diese Momentaufnahme, deren Wahrhaftigkeit ich so viele Jahre glaubwürdiger fand als die in Literatur oder auf Theaterbühnen beschworene?

Die Mode, so kommt es mir vor, duckt sich gerade ein wenig weg. Sie will gefallen, Erfolg haben, gefeiert werden – einen Diskurs sucht sie nicht, keine Auseinandersetzung darf stattfinden, no thanks. Geld soll verdient werden, und zwar im Bereich zweistelliger Zuwachsraten, alles andere gilt als Katastrophe.

Prada SS 2017 © Marcio Madeira
Prada SS 2017 © Marcio Madeira

Natürlich gibt es immer noch und immer wieder Marken, die eine intellektuelle Ausstrahlung zu haben scheinen (sagen wir mal: Balenciaga oder Céline, Prada sowieso und, na klar, Jil Sander), im Gegensatz zu den Hübsch-Machern aus Überzeugung (Dolce & Gabbana, Sonia Rykiel, Bottega Veneta, um nur einige zu nennen). Müssen sie ja vielleicht auch gar nicht, früher war doch eine Handtasche vor allem eine Handtasche und ein Sommerkleid ein Sommerkleid.

Nur wenige Schauen bleiben im Gedächtnis: Versace war stark. Soundtrack, Setting, Model-Casting: perfekt. Die Mode, sexy, aber casual, sporty – die Mädchen holten weit aus, liefen rasch und selbstbewusst den langen Runway entlang. Donatella Versace gehört eindeutig zu den „people who listen“, ihr junges Team hat das Sagen. Und das ist gut so. Margiela fand ich wunderschön – John Galliano haucht dem Brand mit seinem Talent neues Leben ein, wer hätte das gedacht?

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Versace © Marcio Madeira

Und dann war da noch Gucci, ganz am Anfang meiner Reise. Gleich am ersten Tag in Mailand. Durchgedreht, irr, wunderschön, kommerziell, kompliziert, albern, von Herzen, jung und jetzt. Sowas geht also auch.

Schon nächste Saison soll die Show im Hangar des neuen „Gucci-Hub“, eine ehemaligen Flugzeug-Fabrik vor den Toren der Stadt, gezeigt werden. Hier hat die Firmenzentrale, fern vom heimatlichen Florenz, seine Zelte aufgeschlagen. Man wähnt sich auf dem Gelände eines der großen Hollywood-Studios – was passt, denn Alessandro Michele scheint mit kindlichem Ernst seine Fantasien auszuleben – und erreicht gerade so unsere Herzen…

Gucci SS 2017 ©
Gucci SS 2017 © Marcio Madeira

Mit dem dazu gehörigen Selbstbewusstsein gab er denn auch in Interviews zu Protokoll, wie praktisch es sei, wenn die Einkäufer und Journalisten demnächst direkt vom nahen Flughafen Linate zu ihnen kämen – und danach wieder zurück flögen. Mehr müssten sie doch gar nicht sehen in Mailand…

Hoffen wir mal, dass er nicht schon wieder Recht behält.