Mode

David LaChapelle x Diesel: Make Love Not Walls

Von , 7. April 2017

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“Make Love Not Walls” DIESEL Kampagne 2017 © Diesel

Hyperrealismus, dem die Wahrheit als Grundlage dient. Die Arbeiten des Fotografen David LaChapelle erfüllen keinen Status quo und auch seine aktuelle Kampagne für Diesel fantasiert und fordert: “Make Love not Walls”

Künstler und Geschichtenerzähler sind unsere Träumer — sie sind diejenigen, die unsere neuen Wirklichkeiten erschaffen. Denn einzig ihre künstlerischen Anstrengungen eröffnen uns Wege von noch nie dagewesenen Philosophien“, schreibt der Autor und Verleger Jefferson Hack in seinem neuen Buch We can’t do this alone. Es ist eine Hommage an Künstler die bereit sind, alles für ihre Kunst zu riskieren. Künstler die ihre und unsere Daseinsberechtigung hinterfragen.

© Thomas Schweigert
© Thomas Schweigert

Bei David LaChapelles Fotografien gab es noch nie einen Mittelweg: Man liebt oder hasst sie. Seine Aufnahmen sind laut, voyeuristisch, so beladen mit kunsthistorischen Referenzen wie mit Sex. Sie sind bis aufs Maximale poliert, glatt und endlos fantastisch. So hyperrealistisch, dass einem beim Anblick beinahe schon die Augen wehtun; David LaChapelle ging es vielleicht schon immer um das Schöne, aber niemals um das Gefällige. Wenn Zeitgenössin Annie Leibovitz danach suchte, ihre Subjekte schön aussehen zu lassen, so ging es LaChapelle stets um das Konzept. Und Nur wenigen Künstlern seiner Generation gelingt es, Popkultur und Zeitgeist mit solch einer Pluralität zu durchkreuzen. „Ich war ein Außenseiter in der Modewelt und nun bin ich ein Außenseiter in der Kunstwelt. Ich fühlte mich von keiner Welt jemals abhängig und das macht einiges einfacher.“ David LaChapelle spricht sanft, extrem überlegt.

Ein Außenseiter, der es in der Mode sehr weit gebracht hat. LaChapelles kommerzielles Portfolio sprengt sich selbst, findet man darin alle Persönlichkeiten, die unsere Popkultur in den 80er, 90er und 00er Jahren maßgeblich mitprägten – Britney Spears, Michael Jackson, Leonardo DiCaprio, Tupac Shakur, Pamela Anderson. Obendrauf dutzende Modekampagnen und Musikvideos. In einem gängigen Kunstkontext ist LaChapelles Werk nicht einfach zu verstehen, wirken seine Arbeiten zunächst doch oft so platt und ohne Intellekt? Gegen diese Denkmuster musste sich bekanntlich auch schon sein erster Arbeitgeber, Andy Warhol, behaupten und erst bei etwas genauerer Auseinandersetzung mit seinen Fotografien wird plötzlich deutlich: er fordert von uns ein Verständnis für Popkultur, ebenso wie für Kunstgeschichte – die Renaissance dabei im besonderen – und Weltgeschehen. Zum Verständnis bleibt uns am Ende nichts anderes übrig, als dass wir uns von herkömmlichen Denkweisen lösen müssen. Denn Relevanz hat nicht unbedingt etwas mit persönlichem Gusto zu tun.

Auf die Frage, wie sein Verhältnis zu Tupac Shakur war: „Tupac war zunächst Künstler, Musik seine Ausdrucksform. Er adaptierte die Welt um ihn herum und übersetzte diese auf sein eigenes Werk. Ich habe damals eine Menge Rapper fotografiert, kein anderer hätte sich so inszenieren lassen. Und ob man schwul, hetero oder ein Transvestit war, interessierte ihn schon gar nicht.“

LaChapelle und Tupac, ein Vergleich der sich anbietet. Beide provozieren sie unsere Denkweisen zu tiefst – Kunst, die nicht gerahmt sein muss, um zu funktionieren und die am Ende mehr Auseinandersetzung fordert als so manche Eintrittskarte fürs MoMa. In Teilen ist LaChapelles Werk eine harsche Kritik an unserer Gesellschaft, an unserem moralischen Wertesystem. Dennoch: stets bietet er uns im gleichen Atemzug einen positiven Blick auf unsere Probleme, gibt uns eine Alternative, immer überfüllt mit purem Glück und reiner Freude. „Ich glaube, dass jeder eine Verantwortung gegenüber seiner eigenen Arbeit haben sollte. Das kann in der Kunst, genauso wie in der Mode der Fall sein. Ohne Frage begeistere ich mich für diese, aber dennoch begreife ich sie als eine Art Nachtisch. Sie kann nicht das einzige sein, für das du lebst. Sie ist Teil deines Lebens, aber nicht alles.“

Nur selten zeigt sich LaChapelle noch in einem modischen Kontext. Für die Marke Diesel konzipierte er jüngst die neueste Kampagne inklusive Film. „Make Love Not Walls“ hat dann auch wenig mit Kleidung zu tun – wir sehen den Balletttänzer Sergei Poloulin tanzend an einer Mauer, dazu ein Meer aus Blumen, eine Transgender-Hochzeit. Eine Kampagne, so beladen mit Kitsch wie mit Zeitgeist. „Von einem Foto in einem Magazin wird nichts erwartet, außer dass es einen Celebrity gut aussehen lassen muss oder Mode zeigen soll.“ Es geht ihm immer um die Kontextualisierung, denn LaChapelle arbeitet nah am Zeitgeist. Das Leben als Inspiration.

A New World © David LaChapelle
A New World © David LaChapelle

„Die Welt wird, nicht nur durch extreme Formen von Individualismus, sondern vor allem durch leidenschaftliche Menschen nach vorne katapultiert. Du musst unbeliebt sein und alles riskieren“, schreibt Jefferson Hack weiter. Ob er mit seiner Arbeit jemals zu weit gegangen ist frage ich David LaChapelle. „Definitiv.“