Mode

Barbara Vinken: Die Blumen der Mode

Von , 17. January 2017

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Jean-Paul Gaultier, Haute-Couture Spring Summer 2015 © Marcio Madeira

Faszination über Jahrhunderte: Barbara Vinken versammelt 45 Modeschriften der vergangenen 400 Jahre in einem Sammelband

„Eigentlich ist Mode ja Rechnen. Und zwar mit allem.“ Mit diesen Worten von Elfriede Jelinek eröffnet Barbara Vinken ihr neustes Buch Die Blumen der Mode. Schon immer haben sich Schriftsteller, Philosophen und Gelehrte über Mode geäußert. Hierzulande gerne als reines Konsumgut abgetan, schien es also längst überfällig, diese zu bündeln und dem bis dato etwas stiefmütterlich behandelten Kulturzweig ein Kompendium mit relevanten Auseinandersetzungen aus der Vergangenheit und Gegenwart zu widmen. In 45 ausgewählten Schriften aus dem 18. bis 21. Jahrhundert beweist Barbara Vinken: Anders als kurzlebige Trends, wird die Mode selbst nie aus der Mode kommen.

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Die Blumen der Mode, Barbara Vinken © Klassische & Neue Texte zur Philosophie der Mode

Dabei täuschen der blumige Titel und das verspielte Cover. Sie wecken die Illusion, Vinkens Werk würde wieder einmal das weibliche Prinzip der Mode in den Vordergrund rücken. Vielmehr weiß die Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie jedoch mit diesem zu brechen. Nicht mit derselben Vehemenz wie Giacomo Leopardi, seinesgleichen italienischer Dichter, Essayist und Philologe, aber immerhin. In seinem inszenierten Dialog mit dem Tod ordnet er die Mode keiner geschlechtsspezifischen Kategorie, sondern dem gekünstelten Manierismus zu. Der Grund: ihre für ihn durch und durch grotesk erscheinende Intention, den Körper “tyrannisch“ zu verformen. Gott sei Dank ja nur eine von vielen Meinungen.

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Angezogen, Barbara Vinken © Klett-Cotta

2013 vertritt Barbara Vinken mit ihrem Buch Angezogen. Das Geheimnis der Mode noch die These, dass die Mode des 20. Jahrhunderts mit Weiblichkeit synonym geworden und es keine männliche Mode (mehr) zu geben scheint. Doch Zeiten ändern sich und so ist der Grundtenor dieses Mal ein anderer: John Carl Flügel bedauert 1930 die mit dem Aufstieg des Bürgertums einhergehende “Verkehrung der bisherigen Kleiderordnung“ und den “Männern aufgebürdete Entsagung“ durch den Anzug (bis dahin galten Frauen als das bescheidenere Geschlecht). 1994 kürt Anne Hollander, Historikerin und leidenschaftliche Modekritikerin, in ihrer Abhandlung Sex and Suits eben diesen allerdings zum Zugpferd der Ästhetik der Moderne. 22 Jahre später hebt Nora Weinest das weibliche Prinzip schließlich gänzlich ausser Kraft, indem sie in ihrer Analyse zur Dior-Kollektion von 2016 fordert, dass sich die „Frauenmode an den Stilprinzipien des männlichen Anzugs orientieren sollte“, um endlich modern zu werden. So schnell kann es gehen!

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Sex & Suits – The Evolution of Modern Dress, Anne Hollander © Bloomsbury

Die Mode hält es also weiterhin wie so oft in der Kunst: Eindeutig zweideutig. Und der andauernde Diskurs über ihre Rolle beweist einmal mehr, dass sie noch immer Spielball des Klassenkampfes – zwischen Nationen, Geschlechtern oder sozialen Schichten – und die unmittelbarste Form, sich auszudrücken, ist. Mit Möglichkeiten, die anders als in der bildenden Kunst, für jeden frei zugänglich sind. Dabei ist heutzutage alles erlaubt; Vorgaben der Designer dienen nur noch als Orientierung. Michael Müller bezeichnet das als “dionysisches Identitätspostulat” und “systematisches Außer-Kraft-Setzen der Alltagsordnung“. Eine Erkenntnis, die in Gegenwart aktueller Trends wie der Unisex-Mode längst Realität ist. Was bleibt, ist die Einsicht, dass Mode wohl stets eine Gleichung ohne gemeinsamen Nenner sein wird. Womit wir am Ende wieder am Anfang und Elfriede Jelinek wären.

Barbara Vinkens neues Buch “Die Blumen der Mode”, 551 Seiten, Klett-Cotta Verlag, ist seit dem 15. Oktober 2016 erhältlich.