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Widerspruch in Öl

Von , 26. October 2016

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BUILDING THE BOAT WHILE SAILING, 2012 © Courtesy of the artist, CFA Berlin & Petzel NY

In der Kunstszene wird die Amerikanerin Dana Schutz todernst als Nachfolgerin Picassos gehandelt. In der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts zeigt die Künstlerin noch bis zum Wochenende, dass Malerei immer noch so relevant ist wie zu Zeiten von Guernica

Gowanus ist eine Art Null-Gegend Brooklyn: alte Fabrikgelände, Vorstadt-Häuser mit billig Fassade, Beton-Vorgärten, dicke Autos, amerikanische Flagge. Am Horizont wirbt ein Neonschild halbherzig für Bruno’s Truck Sales. Hier, hinter einem unscheinbaren grauen Metall-Tor verbirgt sich das Atelier der Malerin Dana Schutz. Die 41-jährige aus Livonia, Michigan, nahe Detroit, studierte in Yale und später an der Columbia University bevor sie 2000 nach New York zog und sich dort blitzschnell zu einer der angesehensten Künstlerinnen in einer immer wieder totgesagten Disziplin katapultierte. Ihre Bilder loten mit explosiver Energie scheinbar unmögliche Dilemmas, Peinlichkeiten, Bedrohungen des modernen Lebens aus. Dunkel und grotesk, aber durch eine resolute Farbpalette erfrischt, wirken viele dieser Szenarien trotzdem erstaunlich lustig.

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DANA SCHUTZ © Elfie Semotan

In ihrer frühen Serie Self Eaters fressen sich die Protagonisten selbst, in Shaving rasiert sich eine Person die Schamhaare am Strand, Yawn portraitiert Menschen beim Gähnen, Building the Boat While Sailing wird noch während des Schiffsbaus zu See gegangen. Dana Schutz hat ein spendables Lächeln unter klaren blauen Augen, die wilde Löwenmähne halbherzig mit einem Gummi gebändigt. In ihrem großzügigen Atelier lehnt an jedem Meter eine Leinwand, hunderte von Pinseln, Farbtuben stapeln sich auf Werkbänken. Ein gebrochener Spiegel hält sich verzweifelt an einem Stativ fest. Am Boden liegt eine von Farbe fossilisierte Jeans aus der die Künstlerin offensichtlich soeben ausgestiegen ist und gegen eine unbefleckte eingetauscht hat. Zur Zeit arbeitet sie an einer großen Ausstellung, die im September die weitläufigen Räume über zwei Etagen der Berliner Galerie Contemporary Fine Art füllen soll. Das ist genau in drei Monaten. Viel ist noch nicht fertig, aber das scheint Schutz nicht zu beunruhigen. „Erst war ich ein bisschen nervös, weil diese Arbeiten noch niemand gesehen hat. Jetzt finde ich es cool, dass in so frühem Stadium zu zeigen. Ein paar von den Skizzen, die du hier siehst werden es gar nicht zu CfA schaffen.“ 

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SHAVING, 2012 © Courtesy of the artist, CFA Berlin & Petzel NY

Die Galeristen Nicole Hackert und Bruno Brunett der Galerie Contemporary Fine Art entdeckten die Künstlerin 2003 auf der Biennale in Venedig. „Don und Mera Rubel waren ganz begeistert. Bruno (Brunett) ging dann wenig später zur Galerie Zach Feuer in New York und war begeistert. Feuer wiederum interessierte sich für einen unserer Künstler Tal R und wir für seine Künstlerin Dana Schutz. Und so kam es zu einer Art Tauschhandel,“ so Hackert, die wie viele in Schutz den klaren Nachfolger Picassos sieht. Inzwischen hat es Schutz häufiger nach Berlin verschlagen. Umziehen will sie nicht, sie liebt ihr Leben in New York, wo sie nicht weit von ihrem Atelier mit ihrem Mann, dem Künstler Ryan Johnson und ihrem zweijährigen Sohn lebt. „Ich fand allerdings den Diskurs damals gleich um 2003 dort viel interessanter. In Berlin gingen die Leute nicht so verklemmt um mit figurativer Malerei wie hier, wo zeitweise so getan wurde, als hätte es die Moderne nie gegeben. Manches davon war wie Volkskunst die versucht Renaissance Malerei oder ein Foto zu sein.“ Die Künstlerin arrangiert Situationen in welchen alles gedrängt, gestapelt, gequetscht, bis die Perspektive in unendlichen Linsen splittert, bis keine objektive Lesart mehr möglich ist. Sie malt, wie es sich anfühlt wenn alles gleichzeitig passiert, widersprüchlich ist und noch nicht in Gedanken geordnet ist. Fight in The Elevator bezieht sich vage auf den berüchtigten Aufzugsstreit zwischen Beyoncé, Jay-Z und Solange. „Ein Gemälde ist natürlich trotzdem sein eigenes Ding. Ich mochte die Idee mit den Spiegelungen und Brechungen, die die Dinge aus verschiedensten Perspektiven zeigen. Das ist ein Weg hinein in die Arbeit. Interessant ist auch, dass es eigentlich nicht gesehen werden sollte und so wurde etwas sehr privates plötzlich öffentlich.“ 

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FIGHT IN THE ELEVATOR, 2015 © Courtesy of the artist, CFA Berlin & Petzel NY

Schutz zerrt verborgen gehaltene Welten, Phobien, Disaster, Gewalt, Alpträume aus dem Cocoon des privaten und schleudert ihn gefiltert mit ihrem unnachgiebigen Blick vor die Betrachter und thematisiert dabei oft die Grenzen der Malerei und der Leinwand selbst. Es sind natürlich nicht die Themen allein, die den Wert ihrer Arbeiten auf dem Kunstmarkt so in die Höhe geschleudert haben. Death Comes to Us All erzielte 2012 im Auktionshaus Phillips de Pury atemberaubende 482.500 Dollar. Schutz ist natürlich auch technisch virtuos, fest verankert im Kunst Diskurs, weil im engen Kontakt mit anderen Künstlern, sie unterrichtet in Yale und ist darüber hinaus quasi bodenständig diszipliniert. Völlige Kontrolle, glaubt sie über das Produkt habe man als Künstler trotzdem nie. „Ein Bild hat auch ein Eigenleben, es entwickelt seine eigene Logik und sein eigenes Leben. Irgendwann malt sich ein Gemälde selbst. Das ist auch das Aufregende daran. Sonst wäre es einfach nur tot und egal.“ Ein fast fertiges Bild zeigt ein Paar in den Nachwirkungen eines Alkoholexzesses, nicht autobiografisch, ihr letzter ist ewig her. „Es zeigt den Körper als Wrack. Das nenne ich einfach Hungover, ursprünglich wollte ich es Hangover nennen, dann dachte ich aber das sei peinlich wegen der Hangover-Kinoserie.“ Auf der linken Bildseite ein schwarzer (Trink-) Vogel, rechts eine grüne leere Flasche, dazwischen menschliche Körper. Daneben ein anderes Bild Home Birth, eine Hausgeburt in der Badewanne, die Fußsohle fest gegen die Glasscheibe am linken Bildrand gedrückt. „Ich selbst hatte natürlich keine Hausgeburt. Warum sollte man dies tun? Es ist Wahnsinn. Ein Kind zu haben ist großartig, aber es zu bekommen das allerschlimmste. Es ist so wir das hier (sie zeigt auf das Hungover Bild) mal 100 und eine schwere Erkältung oben drauf. Du denkst du stirbst.“ In Five Guys in A Car sitzen fünf Männer in einer leichten Oberansicht in einen Wagen gedrängt. Ein Arm hängt lässig aus dem Fenster. Es wirkt selbst als Skizze bedrohlich. „Ja man fragt sich, was die vorhaben. Warum sitzen die zu fünft in dem Auto? Wo wollen die hin? Und wie fühlt sich das an, wenn sich deren Knie berühren?“ In den letzten Jahren erweiterte Schutz ihr Repertoire mit Kohlezeichnungen, eine temporäre Befreiung von der Wahl zwischen Farben. Ihre Kernarbeit liegt weiter in Öl. Schutz malt in Nass-in-nass-Technik, wobei die Ölfarbe innerhalb weniger Stunden trocknet so und deshalb quasi in einem Tag gemalt werden muss. „Ich will mehr Zeit mit dem Baby verbringen, das macht so viel Spaß, also arbeite ich oft spät nachts.“ Schutz spielt laute Musik oder hört Radio. Sie braucht diese Energie: „Wenn es richtig gut läuft ist es fast wie eine Choreographie.“

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Manchmal hört sie auch politische Sendungen im Radio. Der Wahlkampf beunruhigt sie. Aber Ärger sorgt auch für Stimmung. Zur Zeit hadert sie an einer ganz bestimmten Bildidee, die mit amerikanischer Rassenpolitik zu tun hat: 1954 flirtete der 14-jährige Emmett Till angeblich mit einer weißen Frau. Aus Rache kidnappte der Ehemann den Jungen und tötete ihn auf brutalste Weise. Die verstümmelte Leiche wurde aus dem Fluss gezogen und seiner Mutter in Chicago geschickt. Emmetts Mutter bestand darauf ihren Sohn im offenen Sarg beizusetzen um der Welt zu zeigen, wie man im Süden immer noch mit Schwarzen umging. Das Bild wurde für viele zum Symbol des nachfolgenden Civil Rights Movements. „Ich versuche nun dieses Bild zu malen und weiß nicht, wie. Es ist so als wolle ich ein Bild finden in einer Situation, wo das Bild, also das Gesicht, entfernt wurde. Vom ethischen Standpunkt aus geht das eigentlich nicht. Wahrscheinlich muss ich die Idee wieder vergessen.“ Es scheint nicht so, als würde ihr das mit dem Vergessen so leicht gelingen. Vielleicht wird Emmett Till ihr Guernica.

Die Ausstellung Dana Schutz: “Waiting for the Barbarians” ist noch bis 29. Oktober im CFA Berlin zu sehen