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Was für ein Kind waren Sie, Christian Berkel?

Von , 9. February 2017

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Schon beim jungen Christian Berkel scheint sich eine Vorliebe dafür abzuzeichnen, in Rollen zu schlüpfen © Christian Berkel

Ulrike Döpfner trifft Christian Berkel – Deutschlands heimlich erfolgreichsten Schauspieler, der vom meistgesehenen Tatort bis zu Tarantinos Inglourious Basterds in unzähligen Filmen glänzte

Was für ein Kind waren Sie?
Es gibt eine Kindergartenbeurteilung über mich, also die Empfehlung für die Grundschule, und es gibt eine Beurteilung der ersten Klasse. An beide kann ich mich sehr genau erinnern. Die Kindergärtnerin war eine sehr aufmerksame und mir offenbar sehr zugewandte Frau, die mir ein großes Talent für Geschichten und Figuren attestierte und darauf hinwies, dass ich Linkshänder sei. Mit der Grundschullehrerin bin ich nicht so wahnsinnig gut zurechtgekommen. Ich habe mich nicht ganz in ihr Herz gespielt. Sie schrieb in ihrer Beurteilung: „Christian ist ein sehr lebhaftes Kind, dessen Temperament sehr schwer zu zügeln ist.“ Ich bin mit dieser Lehrerin permanent aneinandergerasselt. Ich bekam auch mal eine Ohrfeige von ihr. Und obwohl ich als Linkshänder vom Kindergarten angekündigt worden war, hat sie mich gezwungen, mit rechts zu schreiben, trotz der Intervention meiner Eltern, die deshalb zu ihr gegangen waren. Sie hat mich vor allen Kindern lächerlich gemacht, dann wurde ich von den anderen Kindern deshalb geärgert. Daraufhin habe ich ganz erschrocken den Stift in die rechte Hand genommen und es fiel mir irre schwer. Die ersten Jahre hatte ich wahnsinnige Rechtschreibschwierigkeiten, sodass man schon dachte, ich sei Legastheniker – war ich aber nicht. Und ich entwickelte eine Schrift, die man kaum lesen kann – das ist bis heute so geblieben. In meiner Kindheit war der Linkshänder ein Außenseiter, ich habe mich zumindest so gefühlt. Durch dieses Schreibthema war ich lange Zeit jemand, der sich gern versteckt hat. Vielleicht hatte meine Berufswahl dann auch damit zu tun, weil ich mich sehr gut hinter Rollen versteckt habe. Es war eine merkwürdige Mischung – auf der einen Seite war ich in der Klasse durchaus der Troublemaker – ich bin keiner Klopperei aus dem Weg gegangen – und habe aber dann recht schnell versucht, das mit Leistung wettzumachen, weil ich merkte, wenn die Leistung stimmt, bekommt man nicht wirklich Ärger. So bin ich irgendwie zweigleisig durch die Schulzeit gefahren – vom Benehmen her war ich wie ein klassisches Problemkind und von der Leistung wie jemand, der keine Probleme hat.

Wann haben Sie begonnen, sich mit Schauspiel zu beschäftigen?
Ich war mit sechs Jahren im Kindertheater und habe Tom Sawyer und Huckleberry Finn gesehen, und da war es um mich geschehen – ich wusste: Da wollte ich hin. Ich verstand: Im Schauspiel kann ich – da muss ich – ein anderer sein. Das erschien mir ein idealer Ort. In diesem Verstecken ist auch immer ein Verstecken vor sich selbst. Das Theater war für mich dann der Ort, wo ich über den Umweg anderer Figuren an meine Emotionen rankonnte. Ich habe meine Ausbildung parallel zur Schule gemacht. Drei Monate vor meinem Bac habe ich meine Abschlussprüfung vor der Deutschen Bühnengenossenschaft gemacht. Ich hatte davor privat Schauspielunterricht genommen und war dann fertig. Ich habe dann, weil ich so jung war, noch ein Jahr Schauspielunterricht genommen. In dem Jahr habe ich dann meine ersten Filme gedreht, der erste war gleich eine Hauptrolle, gedreht mit Ingmar Bergman. Mit knapp zwanzig bin ich dann ans Theater gegangen.

Haben Sie Niederlagen als Kind erlebt?
Eine empfundene Niederlage war sicherlich, dass ich mich aufgrund unserer Familiengeschichte nicht als ganzer Deutscher fühlte. Ein Schlüsselerlebnis meiner Kindheit war das Entdecken der jüdischen Geschichte in der Familie. Ich kannte von meiner Mutter viele jüdische Geschichten, aber ich wusste nicht, dass ich im Sinne des jüdischen Glaubens Jude bin. Ich bin katholisch getauft, bin katholisch erzogen worden und war auch Messdiener. Mein Vater war evangelisch getauft, war aber eigentlich ein überzeugter Atheist. Meine Mutter ist zum Katholizismus übergetreten. Sie war als Jüdin von den Nazis verfolgt worden und in Frankreich im Lager gewesen. Sie ist dann in den Vierzigerjahren nach dem Krieg nach Argentinien ausgewandert und hat dort mit meinem älteren Bruder gelebt. Mein Vater war zu der Zeit in russischer Gefangenschaft. Meine Mutter hat bis 1955 in Argentinien gelebt, dann kehrte sie nach Deutschland zurück. Sie hatte eine Zeit lang Briefkontakt mit meinem Vater in das Lager gehabt, der riss irgendwann ab. Als sie nach Berlin kam, fragte ihre Freundin sie, was denn mit Herrmann – meinem Vater – sei. Meine Mutter sagte, sie hätte keinen Kontakt mehr. Die Freundin meinte, sie solle doch einfach mal ins Telefonbuch gucken. Dort war er tatsächlich verzeichnet. Sie rief ihn an und er erkannte ihre Stimme nicht – sie hatten sich zehn Jahre nicht gesehen und gehört. Irgendwann fragte er: „Woher kennen Sie mich denn, haben wir irgendetwas gemeinsam?“ Meine Mutter antwortete: „Ja, ein Kind.“ Daraufhin trafen sie sich im Café Kranzler. Er war inzwischen verheiratet, ließ sich aber sofort scheiden und heiratete sie.

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Christian Berkel, Jahrgang 1957, wuchs ab dem 14. Lebensjahr in Frankreich auf. Hier gab ihm Ingmar Bergman 1977 eine Hauptrolle in Das Schlangenei. Unzählige Rollen folgten, unter anderem 1978 im Tatort Rot – rot – tot, Der Untergang und TV-Serien wie Der Kriminalist. Er lebt mit seiner Frau Andrea Sawatzki und seinen zwei Kindern in Berlin © Christian Berkel

An einem Sonntag, als ich vielleicht sechs Jahre alt war, kam eine Freundin der Familie, die eine sehr mutige Deutsche gewesen war und während des gesamten Krieges Juden bei sich auf dem Dachboden versteckt hatte. Sie kam mit ihrem Mann, der rechtzeitig nach Amerika emigriert war und es hieß: Es kommt der Onkel Walter, und der ist Amerikaner. Ich hatte noch nie einen Amerikaner gesehen und war sehr gespannt. Es wurde Kaffee und Kuchen auf der Terrasse serviert, und ich guckte den Amerikaner immer an und wunderte mich, dass er so gut Deutsch sprach wie wir. Irgendwann fragte ich dann nach und meine Mutter erklärte, dass er ein deutscher Jude sei, der nach Amerika emigriert war. Das fand ich doppelt spannend, da ich der Ansicht war, noch nie einen Juden kennengelernt zu haben. Ich sagte dann sehr beeindruckt: „Ach, dann gehört er ja zum auserwählten Volk.“ Alle waren natürlich sehr zufrieden mit der Aussage und lächelten mich an. Und dann sagte meine Mutter – was sie vorher noch nie gesagt hatte – „Du bist ja auch ein bisschen Jude.“ Und dann fragte ich: „Nicht ganz?“ und sie antwortete: „Nicht ganz.“ Für mich bedeutete “nicht ganz” “kaputt” und ich hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht ganz mit mir stimmte. Es wurde mir unheimlich – erst war ich Linkshänder, nun auch noch “nicht ganz”. Und dann sagte ich auf einmal ganz trotzig: „Ich will aber ein ganzer Deutscher sein.“ Daraufhin war Totenstille, alle starrten auf den Boden, und Walter wurde ganz bleich und sagte: „Das ist schon bei den Kindern im Blut, sie lernen es nie.“

Von der Entwicklung ganzer Deutscher sein zu wollen, kam ich dann relativ schnell zu dem Entschluss, kein Deutscher sein zu wollen, denn ich stellte natürlich viele Fragen. Meine Mutter erzählte mir dann ihre ganze Geschichte, und daraufhin setzte eine Identitätskrise bei mir ein, und ich wollte kein Deutscher mehr sein. Ich ging dann mit zehn Jahren auf das Französische Gymnasium, meine Mutter sprach ab meinem vierten Lebensjahr immer Französisch mit mir, und wir reisten damals viel nach Frankreich in die Ferien. Da mein Vater nicht so gut Französisch konnte, war das ein bisschen unsere Geheimsprache. Als ich aufs Französische Gymnasium kam, wollte ich möglichst schnell nur noch weg – nach Frankreich. Eine befreundete Familie aus Paris lud mich dann ein, mal ein Trimester bei ihnen zu leben und dort zur Schule zu gehen. Da war ich 14 Jahre alt, und es gefiel mir so gut dort, dass ich nach einem Monat meinen Eltern einen langen Brief schrieb und ihnen sagte, dass ich gern dort bleiben würde. Dann wurde der Aufenthalt immer stückchenweise verlängert. Letztlich war ich zwei Jahre da. Es war natürlich eine Flucht. Ich war bereits zweisprachig und die Leute haben nicht gemerkt, dass ich Deutscher bin. Ich konnte durch die Stadt gehen und behaupten, ich sei Franzose. Da schienen der Identitätswechsel und das Verstecken zu gelingen. Allerdings sagte mir ein französischer Lehrer damals, ich müsse aufpassen: Ich käme aus einer geteilten Stadt, aus einem geteilten Land, wäre zwischen zwei Sprachen und zwei Kulturen aufgewachsen – in mir sei viel Teilung. Er meinte, ich müsste mich irgendwann einmal entscheiden, wo ich hingehörte, sonst würde ich ein Leben zwischen den Stühlen verbringen. Das hat mich schon verunsichert, bis ich irgendwann einmal dachte: Warum eigentlich? Als ich etwa 40 Jahre alt war dachte ich, vielleicht ist ja mein Ort zwischen den Stühlen. Die Andersartigkeit ist auch ein Ort, das ist kein Niemandsland.

Hatten Sie Ängste als Kind?
Ich wurde als ich klein war von meinen Eltern sehr viel allein gelassen, und es gab nie ein Kindermädchen. Wenn meine Eltern abends ausgegangen sind, haben sie mich ins Bett gebracht und haben mir nicht erzählt, dass sie weggingen, sie sind dann einfach gegangen. Dann bin ich nachts aufgewacht, und es war niemand da. Ich bin dann immer rausgegangen und habe mich auf die Straße gesetzt. Das haben die Nachbarn dann gesehen und haben mich zu ihnen reingeholt. Das wussten meine Eltern und ließen mich trotzdem weiter allein. In den ersten Schulaufsätzen habe ich nur von Überfällen geschrieben und mir verrückte Geschichten ausgedacht – wie ich überfallen werde und keine Munition habe und deshalb mit Kugelschreiberminen dem Einbrecher ins Auge schieße. Das waren riesige Konstrukte, wie ich mir in einer an sich hilflosen Situation dann doch helfe. Es waren alles Beschreibungen von Horrorszenarien.

Hatten Sie einen Lieblingsgeruch?
Nein, ich habe nur einen verhassten Geruch, den kann ich heute noch nicht riechen – Linoleum. Das ist für mich gekoppelt an Krankenhäuser. Ich bekam sehr jung das Pfeiffersche Drüsenfieber und kam deshalb längere Zeit auf eine Isolierstation. Da durfte ich meine Eltern nur durch das Fenster angucken, und das war für mich ein Horror.

Hatten Sie einen Lieblingsort?
Als Kind war es immer der Garten und die Straße. Jetzt fällt mir doch ein schöner Geruch ein: der Geruch von Erde beim Buddeln im Garten, was ich immer sehr gern gemacht habe, und der Geruch von frisch geteerten Straßen.

Am 16. Februar 2017 kommt der Film ELLE von Paul Verhoeven mit Christian Berkel in die Kinos

Dieser Artikel ist in der März 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen