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Schaut auf diese Bühne!

Von , 1. November 2016

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Thomas Ostermeier, Foto: Brigitte Lacombe

Mit Brigitte Lacombe ließ Intendant Thomas Ostermeier eine der berühmtesten Fotografinnen der Welt sein Ensemble porträtieren. Das Portfolio »Schulterfrei« wirbt in dieser Saison für die Berliner Schaubühne. Wir haben Thomas Ostermeier zum Interview getroffen

Lieber Thomas Ostermeier, was sind das für Fotos?
Wir hatten vor einigen Jahren den Wunsch, das Ensemble von herausragenden Fotokünstlern porträtieren zu lassen. Dass Theater ihre Schauspieler vorstellen, ist ja nichts Außergewöhnliches. Es gibt zwar auch Kampagnen wie die der Volksbühne, die grafisch aufgezogen sind. Wir aber stellen die Schauspieler in den Mittelpunkt. Für das erste Jahr konnten wir Juergen Teller gewinnen. Es folgten Ute Mahler und Werner Mahler, Pari Dukovic und jetzt Brigitte Lacombe – für 2017 sind wir mit Paolo Pellegrin im Gespräch –, also Fotografen, die ganz unterschiedliche Handschriften haben. Nach fünf Jahren, das heißt im kommenden Jahr, soll aus ihren Bildern ein Katalog entstehen, der zeigt, wie stark ein Fotograf durch seine Bildsprache die Persönlichkeit des Abgebildeten formt. Für Medienleute ist das vielleicht ein bekanntes Phänomen – der normale Zuschauer aber wird verblüfft sein, wie unterschiedlich Schauspieler erscheinen, je nachdem, wer sie fotografiert.

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Alina Stiegler, Foto: Brigitte Lacombe

Das klingt, als würde der Fotograf eine ähnliche Arbeit leisten wie Sie als Theaterregisseur.
Das sehe ich nicht unbedingt so. Mich interessiert bei unserem Ansatz die Sprache der Fotografie, unabhängig von Parallelen zu anderen Medien. Im Wort „Objektiv“ einer Kamera steckt ja schon der Glaube, es gebe einen objektiven Blick, aber das ist ein Missverständnis. Arrangement, Licht, Inszenierung und Rahmung verändern die Erzählung. Wenn fünf unterschiedliche Porträts von Nina Hoss in einem Katalog nebeneinanderstehen, wird man das sehen.

Sie sind ein „Schauspieler-Regisseur“, heißt es immer. Können Sie mir erklären, was das bedeutet?
Das bedeutet, dass für mich der Schauspieler das wichtigste Element im Theater ist. Auf der Probe versuche ich, ihn von Klischees zu befreien und in seinem Spiel in Bereiche zu führen, in denen er sich bisher noch nicht so viel aufgehalten hat. Es ist tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal des deutschen Repertoiretheaters im internationalen Vergleich, wenn ein Ensemble über viele Jahre zusammenarbeiten und gemeinsam wachsen kann, weil es die staatliche Subventionierung noch gibt. Das ist auch an der Volksbühne von Frank Castorf so. Das ergibt einen besonderen Spielstil. Und das Publikum weiß das. Es geht wegen der Schauspieler ins Theater. Es hat sehr viele konzeptionelle und formalästhetische Veränderungen im Theater gegeben, die den Schauspieler in den Hintergrund gedrängt haben…

Zum Beispiel?
Das Dokumentartheater, in dem sogenannte „Experten des Alltags“ auf die Bühne gestellt werden.

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Nina Hoss, Foto: Brigitte Lacombe

Überlebt ein Theater ohne großen Namen?
Es gibt viele Theater, die kein berühmtes Ensemble haben und trotzdem funktionieren. Wir haben unsere Stars ja auch nicht eingekauft, sondern an unserem Theater hervorgebracht. Lars Eidinger ist nach der Schule an die Schaubühne gekommen und spielt seit 16 Jahren im Ensemble. Mit Nina Hoss habe ich bereits gearbeitet, als sie noch Studentin war. Nach ihrer Zeit am Deutschen Theater ist sie vor vier Jahren zu uns an die Schaubühne gekommen.

Und wie verhindern Sie, dass erfolgreiche Schauspieler zum Film abwandern wie Jörg Hartmann?
Der große Schauspieler Gert Voss hat mir geraten: Sag deinen Leuten, auf der Bühne können sie sich weiterentwickeln, beim Film nicht. Für mich liegt es auf der Hand, dass Schauspieler sich nach Regisseuren sehnen, die ihre Erfüllung in der Arbeit mit dem Schauspieler finden – das sieht man auch jetzt durch den Protest der Mitarbeiter der Volksbühne. Jörg Hartmann kommt übrigens, nachdem er durch die Serie Weissensee und als Tatort-Kommissar berühmt wurde, zurück in unser Ensemble; seine Arbeit bei Film und Fernsehen geht natürlich weiter.

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Jörg Hartmann, Foto: Brigitte Lacombe

Sind Sie und Lars Eidinger wie Vater und Sohn?
Eher wie zwei Brüder. Wenn man so lange zusammenarbeitet, muss man nicht mehr so viel reden. Unsere Kommunikation ist eher nonverbal. Er weiß, dass er bei mir selbst kreativ sein kann und dass ich fast alle seine Vorschläge aufnehme und einbaue.

Hat Lars Eidinger auch Brigitte Lacombe überzeugt, die Kampagne zu fotografieren? Beide waren ja Jury-Mitglieder auf der diesjährigen Berlinale.
Der Kontakt kam eher über Andreas Wellnitz und seine Agentur für Visual Consulting. Brigitte Lacombe liebt Theaterschauspieler, sie kennt Nina Hoss und mein Theater auch von internationalen Festivals. Außerdem kann ich mit ihr französisch sprechen. Ich glaube aber auch, dass es für einen Fotografen sehr attraktiv ist, bei diesem Projekt dabei zu sein – bei den Namen, die involviert sind.

Ist dann der Name des Fotografen größer oder der des Schauspielers?
In solchen Kategorien denke ich nicht. Sie sind alle gleich klein und groß.

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Lars Eidinger, Foto: Brigitte Lacombe

Wie lange dauert so eine Produktion?
Brigitte kam aus China, und wir haben ihr erst mal Gelegenheit gegeben, den Jetlag zu überwinden. Dann hat sie in nur sieben Tagen fotografiert, sehr konzentriert und am Tag mit bis zu fünf Schauspielern; auch die Maskenbildner und die Kostümabteilung der Schaubühne waren involviert. Lediglich die Nachbearbeitung hat sehr viel Zeit in Anspruch genommen. Brigitte war zurück in New York und ich in China, auf Gastspielreise. Dort kontrolliert die Regierung das Internet, und es ist sehr schwer, Dateien hin- und herzuschicken, wie wir es gewohnt sind. Das hat die Kommunikation sehr erschwert. Wir haben zwei Strecken fotografiert, hatten also eine Auswahl aus einer sehr großen Anzahl an Bildern zu treffen.

Für die zweite Strecke sollten die Schauspieler ihre eigene Rolle erfinden.
Sie wurden gebeten, sich in einen bestimmten Charakter zu verwandeln, den sie schon immer mal spielen wollten. Andreas Schröder ließ sich eine Gesichtshälfte als Frau schminken, Uli Hoppe hat sich ein Froschkostüm angezogen, Nina Hoss trat mit blauem Auge vor die Kamera.

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Moritz Gottwald, Foto: Brigitte Lacombe

Im Ausland reden alle von der Schaubühne und nicht von der Volksbühne, wie haben Sie das geschafft?
Wenn man einmal drin ist in dem Gastspiel- und Festival-Zirkus und dann konstant Qualität liefert, geht das. (Sie müssen jetzt die Klammer aufmachen „lacht“ hineinschreiben und die Klammer wieder schließen.) Aber ja: In der hinter uns liegenden Saison spielten wir in 20 Ländern, 2017 haben wir noch mehr Einladungen. Fast könnte man zu Hause aufhören zu spielen und nur noch auf Tournee gehen. Es liegt aber sicher an der Qualität der Aufführungen oder auch daran, dass wir sehr accessible sind.

Was meinen Sie damit?
Ich bin fast immer vor Ort dabei, führe Publikumsgespräche, treffe Künstler aus der Region, Zuschauer, Veranstalter. Wir sind keine elitäre Theatergruppe, die durch die Welt fliegt, eher Botschafter des Theaters als Kunstform. In der Welt, in der wir leben, wird die Sehnsucht nach Live-Unterhaltung und einem unmittelbaren Erlebnis ja wieder größer. Unser Publikum ist zum Großteil zwischen 15 und 45, die Digital Natives erleben bei uns etwas, was sie sonst vielleicht vermissen. Im Internet kann alles geshared werden, bleibt aber doch secondhand. Das Theater bietet eine leibhaftige Erfahrung in einem dreidimensionalen Raum, die so im Internet nicht möglich ist.

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Eva Meckbach, Foto: Brigitte Lacombe

Und ich dachte, dass Digital Natives den älteren Generationen die Nostalgie ausgetrieben haben. Ich könnte mich vor dem Skype-Fenster doch genauso in Sie verlieben, Herzklopfen bekommen. Digital erzeugte Gefühle sind nicht weniger körperlich.
Ist das so?

Ich finde es immer komisch, wenn Kulturkritiker behaupten, digitale Kommunikation sei nicht real.
Aber wir würden uns doch schneller verlieben, wenn wir uns dreidimensional treffen.

Verstehen Sie eigentlich die Aufregung um Chris Dercon, der die Intendanz der Volksbühne übernimmt?
Nein, ich kann das nicht in der Schärfe teilen. Er hat ja auch nicht den Streit verursacht, sondern die Politik.

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Laurenz Laufenberg, Foto: Brigitte Lacombe

Grabenkämpfe zwischen dem Theater und der bildenden Kunst – das ist doch interessant?
Wenn ich gefragt würde, ob ich die Tate Modern leiten möchte, und dann gäbe es Widerstand im Milieu der Museumsleiter, und als Reaktion darauf würden Theaterleute einen Solidaritätsbrief schreiben (analog zu dem Unterstützerbrief aus der Szene der bildenden Künste für Dercon), in dem es heißt: „Der kann das, der hat ja schließlich auch seinen Job an der Schaubühne gut gemacht“, dann wäre das absurd und lächerlich. Absurd und lächerlich ist auch, Interdisziplinarität und Cross-over als große Neuerung zu verkaufen. Ich habe gemeinsam mit Sasha Waltz die Schaubühne geleitet, Tanz- und Sprechtheater haben erfolgreich nebeneinander existiert. Falk Richter hat mit Anouk van Dijk in vielen Arbeiten Tanz- und Sprechtheater miteinander verschmolzen. Heute arbeiten wir mit Katie Mitchell, die in vielen ihrer Arbeiten Medienkünstlerin ist, und Romeo Castellucci, der Installationen macht und wie ein bildender Künstler an das Theater herangeht. Was Dercon ankündigt, ist schon längst da.

Also brauchen wir Dercon nicht?
Ich brauche Dercon. Er soll unbedingt die bildende Kunst aufmischen, ein Museum leiten, der Plan von Klaus Wowereit, eine Kunsthalle für zeitgenössische Kunst zu bauen, könnte endlich realisiert werden, das Humboldtforum könnte zeitgenössisch werden.

Castorf soll bleiben?
Der bleibt sowieso. Der bleibt auch, wenn er nicht mehr da ist. Der ist ein so großer Berg, der einen so großen Schatten wirft. Castorf muss noch nicht einmal anwesend sein, und er bleibt.

Dieses Interview ist in der September 2016-Ausgabe von L’Officiel erschienen.