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Mr. Lover Lover: Der Womanizer

Von , 10. May 2016

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Screenshot aus “Love” ©Netflix

Der Womanizer verspricht Orgasmen auf Knopfdruck in 60 Sekunden – unsere Autorin Anne Waak hat ihn getestet

Die Geschichte der Sextoys in meinem Leben ist kurz und uninteressant. Mein erster Freund war aus irgendeinem Grund der Meinung, ich sollte eine Vibrator besitzen und kaufte mir so ein fleischfarbenes, penisförmiges Silikon-Teil. Ich legte es unter die Matratze meines Mädchenzimmers und vergaß es da. Irgendwann muss es jemand (mein Vater?!) wohl da gefunden haben, jedenfalls sah ich es nie wieder. Meine Trauer hielt sich in engen Grenzen. Was die Triebabfuhr angeht, bin ich konservativ und lehne jegliche Technisierung ab. Weniger aus Prinzip, denn aus Zufriedenheit mit den sich mir bietenden Mitteln.

Dementsprechend desinteressiert war ich, als man mich bat, ein neuartiges „Intim-Stimulationsgerät“ namens Womanizer zu testen. Ich meine: allein der Name. Erfunden wurde das Gerät von Michael Lenke aus dem niederbayerischen Klosterort Metten. Lenke hat in den vergangenen 40 Jahren laut eigener Angaben mehr als 100 technische Geräte zum Patent angemeldet, darunter ein Erdbebenfrühwarnsystem, das sich in Japan großer Beliebtheit erfreut.

Nun also der Womanizer. Im Werbevideo dreht eine junge Büroangestellte mit Hochsteckfrisur und rosa Bluse vor Stress schier durch, bevor sie eine gute Idee hat. Wenig später kehrt sie von der Toilette zurück, spaziert entspannt, ja sogar beschwingt, zurück zu ihrem Schreibtisch. „Immer perfekt nach Timing. Für Höhepunkte nach Plan“ heißt es dazu im Spot. Selbstbefriedigung, die als Teil eines umfassenden Selbstoptimierungsplans neben Fitnessstudio, Powerlunch und Networking-Events auch dem Chef gefällt? Damit möchte ich bitte nichts zu tun haben.

Dann wiederum ist es anscheinend so, dass viele Frauen immer noch nicht wissen, wie ein Orgasmus geht. Laut einer britischen Studie aus dem Jahr 2005 kommen 21 Prozent der Frauen selten oder nie – was noch ein wenig trauriger ist als der Gedanke, dass Arbeitgeber demnächst Zuschüsse für Sextoys zahlen, weil diese die Geschmeidigkeit der Mitarbeiter erhöhen. Ich beschloß also, den Womanizer, der quasi mit Orgasmusgarantie geliefert wird, zu testen.

Als er bei mir eintrifft, halte ich ihn erst für einen Föhn einer sehr kleinen, Rosa liebenden Person; Prinzessin Lillifee vielleicht oder Barbie. Der Verursacher dieses „deutschen Top-Designs“ hat sich offensichtlich an der leider üblichen Gestaltung von Frauenwerkzeugen, Frauenuhren oder Frauenmobiltelefonen orientiert. Ein Blick auf die Website der Firma verrät: Neben Rosa mit Rosenmuster wäre noch die Wahl gewesen zwischen Spitzen- oder Totenkopftattoo-Dekor, Lila oder Türkis; Schwarz gibt es nur in Kombination mit Leopardenmuster. Darüber hinaus ist der Womanizer in einer mit 1200 Swarovski-Steinen besetzten Version erhältlich (das kostet dann 499 statt der 189 Euro für die Basisversion).

Aber man wird sich den Womanizer ja nicht ins Regal stellen wollen. Daher zur Technik: An der Vorderseite des Gerätes befindet sich eine zierliche Silikon-Mündung, der sogenannte Behandlungskopf. Er soll mit leichten Druck auf die Klitoris aufgesetzt werden. Schaltet man den Womanizer ein, rattert es ein wenig und das sich vor dem Behandlungskopf Befindliche wird leicht ins Innere der Schnaube gesaugt. Hier macht der Womanizer dann unter leichter Geräuschentwicklung etwas damit. Was genau, das ist der entscheidende Unterschied zu allen bisher existierenden Geräten dieser Art: Wo andere vibrieren oder penetrieren, operiert der Womanizer mit pulsierenden Druckwellen. Statt mit einem Föhn haben wir es also mit einer Art Klitorisstaubsauger zu tun. Oder wie der Rezensions-Blog Oh Joy, Sex Toy es nennt: “a tiny clit-blowjob machine”.

Damit kann die kleine Maschine, was kein Mensch vermag: berührungslos am Sweet spot rütteln. Und das, so haben meine Studien ergeben, ruft ganz neue, interessante Sensationen hervor.

„Das ist mein Ende!“, sagt mein Freund M., als ich ihm vom Womanizer erzähle. Mit dieser Befürchtung ist M. nicht allein, wie die Netflix-Serie Love zeigt. In der geht es um das komplizierte Datingverhalten Anfang 30-Jähriger in Los Angeles. Als die beiden durchschnittlich geistes- und beziehungsgestörten Hauptfiguren Gus und Mickey nach einigem Hin und Her dann endlich vögeln, stellt Mickey Gus auch gleich ihren Vibrator vor. Für Gus bleibt nicht viel mehr übrig, als sie zum Summgeräusch des Geräts verständnisvoll zu löffeln.

Erstaunlich, dass sich das Ende der sechziger Jahre erstmals aufgekommene Motiv von der Abschaffung der Männer durch den technischen Fortschritt noch immer hartnäckig hält. Als würden Orgasmen Beziehungen zerstören und nicht eher das Ausbleiben derselben. Ich meine: 21 Prozent!

Wie kann das sein? Klar ist: Die Geschichte der weiblichen Selbstbefriedigung ist voller Missverständnisse. So heilte der Arzt Joseph Mortimer Granville seine Patientinnen im viktorianischen Großbritannien per Handmassage von ihrer Hysterie. Das Frauen überhaupt Orgasmen haben, war damals noch unbekannt. Weil der fingerfertige Doktor irgendwann nicht mehr hinterherkam mit dem Massieren nervöser und reizbarer, in Wahrheit aber schlicht sexuell unbefriedigter Damen, entwickelte er eine kompakte batteriebetriebene Maschine: den ersten Vibrator.

Als der japanische Elektronikkonzern Hitachi 1968 den Magic Wand einführte, war das 30 cm lange, weiß-blaue, an ein Mikrofon erinnernde Gerät als Massagestab für verspannte Nackenmuskeln gedacht. Ungeachtet des durchschlagenden Erfolgs als Frauenglück behauptete ein Hitachi-Sprecher noch mehr als 30 Jahre später, der Magic Wand sei allein für die Behandlung gesundheitlicher Probleme gedacht. Was vielleicht nicht einmal ein Widerspruch darstellt, siehe oben. Obwohl der Magic Wand da längst wahlweise als Cadillac, Rolls-Royce oder Mutter der Vibratoren galt – als bestes Gadget aller Zeiten – stoppte das um seine Seriosität besorgte Unternehmen 2013 die Produktion des Magic Wand. Bis der amerikanische Zwischenhändler des Geräts den Konzern überzeugen konnte, den Magic Wand ohne die Nennung des Firmennamens weiter produzieren zu dürfen. Ein Stoßseufzer der Erleichterung ging durch die Welt.

Anders als der strombetriebene Magic Wand, der für lange Steckdosenreihen in Swingerclubs und Sexcam-Klitschen verantwortlich gemacht wird, läuft der Womanizer mit einer einzigen Akkuladung bis zu vier Stunden lang. Das ist laut Hersteller auch nötig, erleben mit ihm doch 73 Prozent der Verwenderinnen multiple Orgasmen (die Autorin allerdings nicht, danke der Nachfrage).

Fun fact in dem Zusammenhang: Womanizer-Erfinder Michael Lenke entwickelte 2006 den magicFinger, ein elektronisches Gerät für den Zeigefinger, mit dem sich Gesichtscremes besser in die Haut einmassieren lassen sollten. Die Verkäufe über den Teleshopping-Kanal QVC liefen so lange überaus schleppend, bis Lenke zufällig erwähnte, dass sich das Gerät auch gut zur Massage eigne. Der magicFinger heißt jetzt tantraBeam und wird auf Erotikmessen vertrieben. Sein neues Gerät, behauptet Lenke, sei längst das weltweit erfolgreichste Produkt im Erotikbereich. „Den Magic Wand haben wir längst einkassiert.“

Früher, so heißt es, führten reisende Frauen elektrische Zahnbürsten als Vibratorersatz mit sich, um in der Sicherheitskontrolle am Flughafen nicht in Erklärungsnot zu geraten. Heute dagegen: Der Klitorisstaubsauger erregt auf einer Testreise nach London weder die Aufmerksamkeit der deutschen noch der britischen Flughafenmitarbeiter. Nicht mal ein müdes Lächeln.

Das wäre 1979 noch anders gewesen. Da nämlich tauschte die italienische Sängerin Gianna Nannini auf dem Cover ihres Albums California die Fackel in der Hand der Freiheitsstatue gegen einen Vibrator aus und löste einen Skandal aus. Im Song America sang sie, begleitet vom Wutgeheul der Katholiken ihres Heimatlandes: “Aber wie viel Fantasie braucht es, um sich als zwei zu fühlen?«

Zumindest mit dem Womanizer: nicht viel bis gar keine.