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Reportage: Kunst-Destination Kuba

Von , 23. March 2017

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Fotos: Sven Creutzmann | Die Boje von Sandra Ramos markiert in Key West den südlichsten Punkt der USA

Unser Autor Ulrich Graf fährt seit vielen Jahren alle paar Monate auf seine Herzensinsel. Zuerst verliebte er sich in Land und Menschen, dann in die moderne Kunst des Karibikstaates zwischen Paradies und Kollaps. Er nimmt uns mit auf eine seiner Touren durch die kubanische Kunstszene, die unbekannte Seite der Insel

Ist man erst mal aus dem Gewusel am Flughafen von Havanna heraus, beginnt das Abenteuer Kuba. Im alten Lada-Taxi geht es über holprige Straßen in die Stadt. Der besondere Duft der Karibik liegt in der Luft, gemischt mit Abgasen von den alten Autos. In den letzten zwölf Jahren habe ich Kuba etwa 30-mal besucht, und meistens wohne ich im Hotel Habana Libre, früher ein Hilton-Hotel – eröffnet 1958, wurde es bald Schauplatz der Revolution. Fidel Castro bezog am 8. Januar 1959, quasi direkt nach seinem Sieg, die Suite 2324 und benutzte sie für drei Monate als Hauptquartier. Das Hotel ist zwar nicht der große Luxus, aber es erinnert mich an ein Holiday Inn im Florida der Achtzigerjahre: große, helle Zimmer, die Fenster sind zu öffnen, und von meinem großen Balkon im 19. Stock habe ich einen atemberaubenden Blick auf Alt-Havanna, Vedado und Playa. Vedado ist in meinen Augen das schönste Viertel, früher das verruchte Künstlerviertel, heute voller Ateliers, Restaurants und Bars. Die großen Villen haben oft ihren alten Glanz wiedererhalten. Kubanische Kunst ist meine Leidenschaft geworden, und wir werden einige Künstler besuchen. Erfolgreiche Künstler waren in dem kommunistischen und sozialistischen System immer privilegiert.

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Fotos: Sven Creutzmann | Kuba und die USA – Obama hat die Sanktionen gelockert, die Insel wird sich verändern. Hier wartet man darauf

Als Erstes besuchen wir Douglas Perez in seinem Haus in Vedado. Er vereint traditionelle Kunst mit der modernen, seine Themen sind Afrika und Kuba, das Aufeinanderprallen von Gegensätzen wie Marine auf Infanterie, Nonnen auf Nutten, Cowboys auf Indianer. Sein Stil ist sehr dekorativ, ich sammle auch seine Posterarbeiten nach amerikanischer Werbung der Fünfzigerjahre. Es steckt viel Witz und Sarkasmus darin. Vorbei an der Prachtstraße El Presidente mit den perfekt getrimmten Bäumen und Hecken kommen wir zu Jeff Plus, der übergroße Skulpturen aus Stahl fertigt. Die Arbeiten sind edgy, sarkastisch und stark: große Teddybären, Schneemänner, Pilze und Elefanten – weltweit erfolgreiche Arbeiten, die auch in Berlin zu sehen sind. Weiter geht’s auf dem Malecon, der großen Küstenstraße, vorbei am Sportstadion mit der tollen kubanischen Architektur der Fünfzigerjahre, die mich so fasziniert. In diesem Stadion hat schon der junge Fidel Castro Basketball gespielt. Nicht weit weg davon steht das Riviera Hotel, alles noch original Fünfzigerjahre, mit einem fantastischen Pool. Hier haben die Hollywoodgrößen wie Frank Sinatra vor der Revolution die großen Partys gefeiert.

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Fotos: Sven Creutzmann | Metallskulpturen von Jeff Plus

Unser Weg führt uns jetzt vorbei an dieser einzigartigen Bushaltestelle, die man so nur in Kuba sieht, nach Kohly Playa zu Sandra Ramos – der ersten Künstlerin, die ich vor zwölf Jahren in Havanna kennenlernte und die eine gute Freundin geworden ist. Mittlerweile verbringt sie viel Zeit in Miami, und ihre Werke zeigt sie auch in einigen Museen und Galerien in den USA, Mexiko und auch in Deutschland. Sie ist ohne Zweifel eine der bedeutendsten zeitgenössischen Künstlerinnen Kubas. Ihre Arbeiten sind, wie die Werke vieler Künstler ihrer Generation, geprägt von politischen Ereignissen, der Isolation Kubas. Sie hat die Boje, die wir von Key West kennen – “90 Miles to Cuba, Southernmost Point Continental USA” – umgekehrt in “90 Miles to USA, Mas al Norte Punto Archipielago Cubano”.

Wir ziehen weiter ins Penthouse von Cucu Diamantes. Sie ist Sängerin, Schauspielerin und Künstlerin und pendelt zwischen Havanna und New York – “zu sehr Kubanerin für New York und zu viel New Yorkerin für Havanna”. Ihr Stil ist das Drama des Cabarets: Big Bands, Night Clubs, Songs im Stil der Fünfziger. Sie war dreimal für Grammys nominiert, sowohl in der Kategorie “Latin” als auch “American”. Eine perfekte Pendlerin zwischen den Kulturen. Ihr Mann und sie sind auch verantwortlich für das Business-Forum TED Havanna. Cucu nimmt uns mit zu einer Probe von Alain Pérez, Sänger und Multiinstrumentalist. Ich gehe nur noch selten in die Altstadt, Habana Vieja – aber ein Besuch der Galerie Factoria lohnt sich. In einer ehemaligen Fabrik hat Concha Fontenla die wichtigste Galerie für zeitgenössische kubanische Kunst geschaffen, und sie kann mit jeder Galerie in New York mithalten.

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Fotos: Sven Creutzmann| Die Factoria von Concha Fontenla ist die wohl wichtigste Galerie für moderne kubanische Kunst

Um die Ecke von der Factoria hat mein guter Freund José Angel Toirac sein Studio. Er ist berühmt für seine politischen Bilder mit Che Guevara; die von Fidel Castro als Werbeikone für das Parfum “Obsession” oder als Marlboro-Mann sind weltweit bekannt, obwohl sie das Studio nie verlassen – denn obwohl Künstler auf Kuba privilegiert waren, ist der Staat natürlich längst nicht mit jeder Kunst einverstanden. Der legendäre Maximo Líder als Werbefigur für erzkapitalistische Produkte – das geht den Mächtigen dann doch um einiges zu weit. Auch Toiracs Bild mit dem toten Che und den 638 Attempts to kill Fidel Castro sollte man gesehen haben. Auf dem Plaza Vieja bestaunen wir noch die dort aufgestellte Bronzeskulptur Viaje Fantástico von Roberto Fabelo. Er ist längst ein international bekannter Künstler, seine Fabelwesengemälde und -zeichnungen sind in vielen Museen der Welt zu sehen.

Ein Stück weiter liegt Tarará, ein Strandort im Dornröschenschlaf. In den Vierzigerjahren war hier eine Kommune für reiche Kubaner. Dort wurden die tollsten und schrägsten Häuser gebaut. Heute sind nur noch 17 von 500 bewohnt. Die Villen verfallen, die Natur wächst in die Häuser hinein, aber der Staat will nicht an Investoren verkaufen – schwer nachvollziehbar für uns, auf Kuba gang und gäbe. Aber zurück zur jungen Kunst, zum Beispiel zu Alejandro Piñeiro von Stainless. Die Gruppe ist weit weg von den politischen Problemen, sie fertigen riesige Skulpturen aus Metall und Kunstharz, waren groß auf der Biennale in Havanna vertreten und sind jetzt mit der Rockefeller Foundation in New York.

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Fotos: Sven Creutzmann | In dem ehemals imposanten Sportstadion José Martí spielte der junge Fidel Castro Basketball

Im genialen Studio von Ariamna Contino und Alex Hernandez bewundern wir die Papierarbeiten über internationale Themen wie Drogenhandel oder Völkerbewegungen, alle in verschiedenen Lagen aus weißem Papier oder graviert auf Glas (ihre Werke sind jetzt auch in einer Münchner Galerie zu sehen). Havanna boomt, es wird an jeder Ecke gebaut und restauriert, aber in Centro Habana wird es noch Jahrzehnte dauern, bis alles modernisiert sein wird. Und wer das echte, einfache Kuba erleben will, geht nachts an den Malecon, Havannas berühmte Meerespromenade. Hier treffen sich die jungen Kubaner, die Musiker und Sänger. Die Jungen hier träumen von Miami, das 180 Meilen entfernt gegenüber auf der anderen Seite des Meeres liegt. Sie erzählen Geschichten, wie sie versucht haben, mit kleinen Booten über das Wasser zu fliehen, getrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben. Aber zumindest für heute Nacht macht sie eine Flasche Rum glücklich.

Fotos: Sven Creutzmann

Dieser Artikel ist in der Januar/Februar 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen.

Tags: #Feature, #Kuba, #Kunst, #Reise, #Reportage