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Pirelli by Peter

Von , 1. December 2016

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Pirelli Calendar 2017, Julianne Moore © Peter Lindbergh

Zum zweiten Mal präsentiert sich der Pirelli-Kalender in neuem Look – mehr Ästhetik, weniger nackte Haut. Peter Lindbergh inszeniert Nicole Kidman, Julianne Moore, Uma Thurman und Co. für die neue Ausgabe ganz natürlich und völlig ohne Make-up. Kann das funktionieren?

Seit 1962 sorgt der Pirelli-Kalender für Wirbel. Als Werbeprodukt des nicht minder bekannten, italienischen Reifenherstellers begeisterte er ursprünglich vor allem Männer mit Hochglanzfotos halbnackter Schönheiten – allesamt reizvoll bis erotisch in Szene gesetzt. Das scheint seit dem letzten Jahr passé. Annie Leibovitz, die derzeit mit der Ausstellung WOMEN durch die Welt tourt, verpasste dem einstigen Pin up-Kalender einen völlig neuen Look. Die berühmten Frauen blieben. Aus den verführerischen Nymphen sind starke Persönlichkeiten geworden, deren Erotik eine viel subtilere ist. Banaler ausgedrückt: Mit einem Mal geht es bei Pirelli ziemlich hochgeschlossen zu. Dem allgemeinen Hype tut das keinen Abbruch. Im Gegenteil. Für 2017 hat sich das Unternehmen hinter den monatlich wechselnden Hochglanz-Bildern jetzt den nächsten hochkarätigen Fotografen geangelt.

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Pirelli Calendar 2017, Robin Wright © Peter Lindbergh

Peter Lindbergh folgt mit seinen Porträts der neuen Bild-Ästhetik. Gleichzeitig verleiht er der Idee von Nacktheit einen ganz neuen Clou. Bei seinen Modellen verzichtet der 72-Jährige komplett auf Make-up. Mara Rooney, Lupita Nyong’o, Lea Seydoux, Helen Mirren – insgesamt 14 Frauen sind in beeindruckender Natürlichkeit inszeniert. Die Fotos wirken ungewohnt intim. Lindbergh selbst begründet das folgendermaßen:

„In einer Zeit, in der Frauen in den Medien und praktisch überall als Inbegriff von Perfektion und Jugend gelten, erschien es mir wichtig, daran zu erinnern, dass es auch eine andere Idee von Schönheit gibt, eine die realer und wahrhaftiger ist und nicht manipuliert von Werbung oder irgendwelchen anderen Interessen. Eine Schönheit, die von Individualität zeugt, von Courage sich selbst gegenüber und einer ganz privaten Sanftheit.“

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Pirelli Calendar 2017, Nicole Kidman © Peter Lindbergh

Soweit so gut. Aber auch nach 44 Ausgaben zählt der mediale Aufmerksamkeitswert und seit den Anfängen des Pirelli-Kalenders hat sich einiges getan. Erotik – vor allem die weibliche – bemisst sich längst nicht mehr nur nach roten Lippen, vollem Dekolleté oder dem Anteil fehlender Kleidung. Der Claim einer ganzen Generation lautet „The Future is female“. Es geht um #Girlbosses und #Girlpower. Feminismus ist Trend; die starke, selbstbewusste Frau die dazugehörige Gallionsfigur. Das musste sogar ein Traditionsheft wie der Playboy mittlerweile feststellen. Hier soll zukünftig mehr Stoff gegen sinkende Verkaufszahlen helfen. Das Centerfold macht Platz für den vielfach proklamierten Inhalt.

Da ist es eigentlich nur eine Zeitfrage, bis der Drang nach optischer Perfektion als Kategorie ausgehebelt wird. Nicht mehr nur noch im Hinblick auf den Körper. Spätestens seit Alicia Keys Mitte des Jahres verkündete, ab sofort komplett auf Make-up zu verzichten, dreht sich alles um die vermeintliche Natürlichkeit. #NoMakeUp scheint das nächste große Ding – sozusagen der radikale Gegenentwurf zu Contouring-Wahn und Photoshop-Exzessen. Selbstbestimmung von Kopf bis Fuß.

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Pirelli Calendar 2017, Uma Thurman © Peter Lindbergh

Der Pirelli-Kalender also als Vorreiter in Sachen Emanzipation? Irgendwie möchte man trotz aller Beteuerungen nur bedingt an diese Message glauben. Ob nun aber Marketing-Trick oder Image technischer Richtungswechsel, am Ende steckt hinter jeder Abkehr von bekannten Mustern immer auch ein Stückchen Wahrheit – mindestens das stimmt doch versöhnlich.