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Between the Devil and the Deep Blue Sea

Von , 16. May 2017

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© Pieter Hugo | Thoba Calvin and Tshepo Cameron Sithole-Modisane, Pretoria, aus der Serie “Kin”, 2006-2013

Im Kunstmuseum Wolfsburg zeigt Pieter Hugo die Schatten des Andersseins in bildgewaltigen Fotografien 

Pieter Hugos Fotografie ist unbequem, manchmal schmerzhaft, aber immer Kunst. Viel zu selten wagt sich diese in Zeiten der Kommerzialisierung noch über dekorative Zwecke hinaus. Die bildgewaltigen, dokumentarischen Fotogramme des Südafrikaners tun jedoch genau das – mit Lebensentwürfen von Menschen am Rande der Gesellschaft: Obdachlosen, Schrottsammlern, Albinos. Schonungslos dokumentieren sie die Schatten des Andersseins und agieren damit als Abbild einer Wirklichkeit, die viele nicht sehen oder gar wahrhaben wollen. Das Unerfreuliche ist Hugos Geschäft – seine Werke stoßen ab und ziehen doch an.

Obwohl der 1976 in Johannesburg geborene und heute in Kapstadt lebende Südafrikaner auch hierzulande längst kein Unbekannter mehr ist, ist es die erste institutionelle Einzelausstellung in Deutschland, die ihm das Kunstmuseum Wolfsburg mit „Between the Devil and the Deep Blue Sea“ widmet. In einer umfassenden Werkschau zeigt das Museum mit 16 Serien und rund 250 Fotografien eine breite Auswahl aus seinem exorbitanten Oeuvre.

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© Pieter Hugo | Zeng Mei Hui Zi, Beijing, aus der Serie “Flat Noodle Soup Talk”, 2015-2016

Der von Hugo selbstgewählte Titel könnte nicht treffender sein für sein verstörendes Gesellschaftsportrait, das so surreal wie monumental erscheint und Nicht-Sichtbares auf schmerzliche Weise sichtbar macht. Dafür überschreitet er regelmäßig die Grenzen der Privatsphäre, dringt in Wohnzimmer und Krisengebiete ein und schafft es so einen Dialog zwischen ihm als Künstler und Überbringer, seinen Protagonisten als Akteuren und dem Betrachter als Empfänger herzustellen. Die Message sorgt bei vielen Menschen schlichtweg für Unbehagen.

Als ehemaliger Bildreporter für diverse Magazine und NGOs ist allerdings genau das seine Intention. Die Themen sind dieselben geblieben, er hat nur die Branche gewechselt – vom Journalismus in die Kunst. Seine gewaltige Bildsprache bewegt sich daher irgendwo zwischen Anthropologie und Dokumentation. Auch darauf ist der Ausstellungstitel eine Anspielung. Er steht sinnbildlich für das Dilemma, in dem sich die Fotografie im Grunde befindet: als Momentaufnahme kann sie immer nur oberflächlich aufzeigen, was wirklich da ist und damit nie mehr als eine Facette der Wahrheit ins Bild bannen – egal für welchen Zweck.

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© Pieter Hugo | Abdullahi Mohammed with Mainsara, Lagos, Nigeria, aus der Serie “The Hyena & Other Men”, 2005-2007

In beiden Fällen, trotz der eher schwermütigen Themen, verklärt Pieter Hugo seine Protagonisten nie zu Opfern. Vielmehr stellt er sie als starke, heroische, ja beinahe ikonische Persönlichkeiten in scheinbar glücklichen Momenten dar; eine Tatsache, die den sorglosen Betrachter umso mehr treffen dürfte. Seine inszenierte Ästhetik suggeriert eine Harmonie, die so nicht existiert, und rückt damit ein Gesellschaftsproblem in den Fokus des Interesses, das eigentlich längst der Vergangenheit angehören sollte: politische Dominanz sowie der Ausschluss von Randgruppen aus der Gesellschaft.

Zu dem bisher ausschließlichem Abbild (s)eines geschundenen Afrikas kommen mittlerweile auch Portraits von Menschen aus Asien und den USA hinzu. Noch bis zum 23. Juli 2017 bleibt Gelegenheit, diese in Wolfsburg live zu erleben. Allen anderen sei der dazugehörige Ausstellungskatalog ans Herz gelegt – kein Coffeetable-Book der gängigen Art, weil laut und unbequem, aber schließlich hat alles im Leben zwei Seiten.

„Between the devil and the deep blue sea“ von Pieter Hugo ist im Kunstmuseum Wolfsburg noch bis zum 23.07.2017 zu sehen.