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Künstlerin Yoko Ono im Interview

22. February 2016

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©Citizens of Humanity

Pünktlich zu ihrem 83. Geburtstag hat Yoko Ono ein neues Album released: „Yes, I’m a Witch Too“. Im Interview spricht die japanische Künstlerin über ihre Kindheit in Tokio, die Abgründe des Mutterseins und ihre Liebe zu John Lennon

Wie bist du aufgewachsen?

Meine Familie war einzigartig. Meine Großmutter ist auf eine französische Schule in Japan gegangen und war engagiertes Mitglied einer wichtigen feministischen Gruppe. Damals gab es in England die Suffragetten, eine feministische Bewegung, die es gleichzeitig auch in Japan gab. Meine Ur-Großmutter war eine von ihnen – eine starke Frau, die wirklich Grenzen überwunden hat. Meine Mutter war ganz anders: Sehr ruhig und stets darauf bedacht, niemanden aufzuregen.

Das heißt, du kommst nach deiner Großmutter.

Das kann man so sagen, ja.

Bist du in Japan aufgewachsen?

I wurde in Japan geboren und lebte bis ich zweieinhalb Jahre alt war in Tokio. Als meine Mutter mit mir schwanger war, sagte ihr mein Vater knapp zwei Wochen vor meiner Geburt: „Wenn es ein Junge wird, nenne ihn Yosuke. Sollte es ein Mädchen werden, nenne sie Yoko.“ Dann verließ er sie.

Er ist einfach gegangen?

Ja. Meine Mutter war sehr aufgebracht und ich in ihrem Bauch wahrscheinlich auch. Ich glaube, mein Vater war einfach überfordert und hatte Angst vor der Verantwortung. Einige Männer sind eben so. Er war kein schlechter Mann und wurde auch nie beleidigend oder gewalttätig – aber er war nicht dafür gemacht, ein Vater zu sein. Deswegen entschied er sich für ein eigenes, unabhängiges Leben. Ich glaube, er fühlte sich, wie wenn man Klavier spielt: Man muss weiterspielen, bis das Stück zu Ende ist.

Hast du jemals eine Beziehung zu ihm entwickelt?

Ich erinnere mich nicht daran, dass er einen ernsthaften Kontakt mit mir aufbauen wollte.

Hat dich deine Familie bei der Kunst unterstützt?

Meine Familie hatte wohl gehofft, dass ich eine wirklich große Künstlerin oder Sängerin werden würde. Ich habe mich immer schuldig gefühlt, dass ich nie so geworden bin, wie sie es gerne gehabt hätten. Meine Familie hasste Avantgarde. Sie haben es mir nie gesagt – ich wusste es einfach. Sie kamen auch nie zu meinen Konzerten. Als John und ich geheiratet haben wusste ich, dass sie ebenfalls nicht kommen würden, also habe ich meine Familie gar nicht erst eingeladen.

©Citizens of Humanity
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Was inspiriert dich und gibt dir Anlass, deine Kreativität ausdrücken?

Das weiß ich gar nicht genau – Kunst und Musik scheinen einfach in mir drinnen zu sein und mir zu liegen. Sie ergeben Sinn mit meinem Gehirn und meinem Körper.

In deinem Buch sprichst du auch über deine Tochter. Du schreibst, du seist nicht bereit gewesen Mutter zu werden – du wärest immer noch Künstlerin und wolltest Musik machen.

Ich war nie bereit eine Mutter zu sein. Für einige ist es wundervoll, aber es gibt so viele Frauen, die nicht das Bedürfnis nach dem Mutterdasein verspüren. Also wollte ich etwas dazu sagen. Ein Freund von mir warnte mich „Schreib das nicht, man wird dich dafür hassen. Und du wirst doch schon gehasst.“

Trotzdem bist du Mutter geworden. Wie hat sich deine Perspektive darauf verändert?

Ich denke, die Gesellschaft vermittelt Frauen eine klare Botschaft: Bekommt Kinder. Sonst stirbt die Menschheit irgendwann aus. Also sagt man immer „Das Muttersein ist so wundervoll“ und „Frauen lieben es Mutter zu werden“. Ich erinnerte mich noch an eine Frau aus England, die meine Mutter im Haushalt unterstützt hat. Wann immer ich meine Mutter besucht habe, erschien mir diese Frau sehr hart und wütend. Eines Tages fragte ich sie: „Was ist dein Problem?“ Sie antwortete: „Mein Ehemann. Er schwängert mich jedes Jahr, damit ich ihn nicht verlasse“. Wahrscheinlich haben viele Männer das getan, ihre Frauen mit Absicht schwanger gehalten – einfach unvorstellbar!

Wie schrecklich.

Es ist furchtbar, jemandem so etwas anzutun. Aber ich fürchte, es war sehr verbreitet. Ich habe mich mittlerweile daran gewöhnt, zwei Kinder zu haben. Die beiden sind einfach großartig – und ich schätze mich jetzt sehr glücklich sie zu haben, auch wenn es sich seltsam anfühlt, dies erst so spät in meinem Leben zu realisieren.

Vielleicht weil du so lange für die Kunst gelebt hast?

Ich fühlte mich einfach besser, wenn ich an etwas Kreativem gearbeitet habe, dabei haben mich viele gefragt: Was ist mit Kinder haben? Sie groß zu ziehen – das ist doch kreativ. Für einige Menschen mag das stimmen, für mich nicht.

Warum wolltest du dann noch ein Kind, Sean, bekommen? War es geplant?

Das war eine lustige Geschichte. John war ganz besessen darauf, noch ein Baby zu bekommen. Er sagt: „Wir müssen noch ein Baby bekommen, wir müssen einfach.“ Ich erlitt einige Fehlgeburten und die Leute tuschelten „Oh, sie kann es nicht halten“. Das ist doch ein eigenartiger Ausdruck, oder? – Sie konnte es einfach nicht halten! Ich erinnere mich noch, wie John damals völlig ausgetickt ist. Als ich wieder schwanger wurde, bat ich ihn: „Erzähl’s niemandem, diesmal behalten wir es für uns.“ Im dritten oder vierten Monat, fragte er dann: „Ist es jetzt sicher?“ und kündigte unser Kind wieder an. Zum Glück ist dann alles gut gegangen und wir bekamen Sean – das war eine großartige Zeit.

Ist es schwierig, als verheiratetes Paar auch gemeinsam zu arbeiten? Wie haben John und du euch gegenseitig inspiriert?

Es war wie ein Wunder. Ich dachte immer, Männer seien ziemlich einfältig, bis ich auf John traf – jemand, der so anders war als alle anderen. Ich möchte meine zwei vorherigen Ehemänner gar nicht beleidigen. Sie waren gute Männer, freundlich, sensibel und sehr talentiert. Aber neben mir wurden sie wie Assistenten. John sagte immer: „Yoko denkt, alle Männer seien ihre Assistenten“ – was ich tatsächlich auch dachte. Als ich John traf, glaubte ich zunächst, wieder so eine formbare Puppe vor mir zu haben, bis ich begriff, dass er meilenweit davon entfernt war so zu sein und überhaupt nicht der Vorstellung, die ich damals von Männern hatte, entsprach. John war so inspirierend und natürlich. Ich fand ihn unheimlich spannend und wir verstanden uns einfach blind.

Also war es selbstverständlich, sich gegenseitig im kreativen Schaffen zu unterstützen und gleichzeitig Ehepartner mit Familie zu sein?

Es wird als Frau von dir erwartet, deinen Ehemann zu unterstützen – und viele Frauen tun dies auch. Aber Männer wie John, die ihre Partnerinnen bei ihrem Werdegang unterstützen, sind selten. John war einfach besonders, mit ihm war alles anders.

Es scheint, als habe er deine Musik wirklich geliebt und du ihn inspiriert.

Er war inspiriert, wie ich es war. Es war wundervoll.

Du warst sehr jung als John starb. Hattest du seitdem eine Beziehung?

In meinem Leben gibt es zum Glück viele Dinge, die mich ausfüllen, besonders meine Arbeit. Mit der Kunst möchte ich die Gesellschaft zu einer Besseren machen, das bedeutet mir sehr viel. Seit John habe ich nie wieder jemanden getroffen, der so war wie er. Und wenn ich nicht jemanden wie ihn an meiner Seite habe, erscheint mir alles andere als Verschwendung.

Was ist mit Intimität? Ist Intimität eine andere Sache?

Für mich sind Liebe und Intimität untrennbar. Vielleicht bin ich da altmodisch – ich möchte keinen Sex mit jemandem haben, ohne eine mentale oder spirituelle Verbindung zu dieser Person. Ein One-Night-Stand ist nichts für mich. John war die letzte Person für mich, die alles hatte: Wir liebten und verstanden uns.

Eines eurer schönsten Zitate ist “A dream you dream alone is just a dream,” and “Dream, dream together.”

All diese Dinge, die ich schrieb, stammten aus der Zeit, als ich mit John zusammen war.

Das klingt schön.

Das Zitat war von unserer Beziehung inspiriert. Wir wollten darin mitteilen, was wir zusammen und voneinander gelernt haben.

Du hast dich schon immer für Menschen und gesellschaftliche Themen eingesetzt. Welchen Rat würdest du der heutigen Generation geben?

Verschließt nicht die Augen vor dem Weltgeschehen – haltet sie immer hoffen.

Das Interview ist erschienen in Humanity No.8 / Spring 2016

Übersetzung: Lea Busch.

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Tags: #Interview, #Kultur, #Kunst, #Musik, #Yoko Ono