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Documents On: Shawnee

Von , 7. February 2017

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Shawnee | 22 | Verkäuferin bei DocMartens in Brooklyn | Geboren und aufgewachsen im San Fernando Valley bei Los Angeles, CA ©Karina Rozwadowska

Karina Rozwadowska fotografiert und interviewt Frauen, die ihr auf der Straße begegnen, für ihr Projekt Documents On: Diesmal Shawnee

Kurz mal über: Chancen im Leben

Welche persönliche Stärke hat dir im Leben am meisten geholfen?
Ich war schon immer in der Lage, gut mit Dingen zu dealen, die ich nicht beeinflussen kann.

Dein erster Kuss?

Beim Flaschendrehen, mit 12.

Hast du männliche Seiten?
Meine störrische, aggressive Art kann vielleicht als ein männliches Attribut aufgefasst werden. Ich kleide mich häufig maskulin, aber nichts an mir erscheint mir ausgeprägt männlich.

Hältst du dich für anders als andere?
Meine Mutter ist Indianerin, und mein Vater hat alle möglichen europäischen Vorfahren. Durch ihrer beider Herkunft habe ich mich schon immer anders gefühlt, isoliert vielleicht sogar.

Warum?
Es gibt viele verschiedenstämmige Menschen in Amerika, doch ich habe niemanden getroffen, der meinen ethnischen Hintergrund teilt. Zudem waren meine Eltern niemals daran interessiert, mir etwas über meine Herkunft und Kultur beizubringen.

Gab es dafür einen Grund?
Meine Eltern haben meine Erziehung von klein auf komplett mir selbst überlassen. Das war schwierig, denn wir waren sehr arm. Ich habe bereits als Kind gelernt, wozu Menschen fähig sind, wenn sie versuchen zu bekommen, was sie wollen. Solange ich mich erinnern kann, musste ich selbst herausfinden, wie alles funktioniert: erwachsen werden, Essen organisieren, meinen kulturellen Hintergrund verstehen. Ich habe gelernt, mich durchzusetzen, ohne andere dabei zu verletzen.

Was war das Schwierigste am arm sein?
Du bist schutzlos. Lange Zeit habe ich mich auch isoliert von Gleichartigen gefühlt. In der zweiten Klasse hatte ich mein erstes Sleepover, erstmals übernachten bei einer Freundin. Schlagartig wurde mir klar, dass nicht alle Kinder in den gleichen Verhältnissen leben wie ich. Ich war zwölf oder 13, als ich begriffen habe, dass ich nicht die Katastrophe bin, in die ich hineingeboren wurde. Von da an habe ich immer versucht, meine Person und meine Umgebung getrennt zu beurteilen. Du kannst dir deine Familie nicht aussuchen. Du brauchst gute Freunde. Die hatte ich.

Wie ist die Beziehung zu deinen Eltern heute?
Ich bin mit 14 von Zuhause ausgezogen. Mit 17 habe ich vor Gericht meine Unabhängigkeit erstritten, woraufhin meinen Eltern das Sorgerecht für mich weggenommen wurde. Mit 18 zog ich nach New York.
Inzwischen telefoniere ich mit meinen Eltern nur noch selten. Ein „Herzlichen Glückwunsch“ zu Geburtstagen kriegen wir easy hin, alles andere aber wird schnell kompliziert.

Hast du inzwischen herausgefunden, wer du bist?
In New York habe ich vom Neuen begonnen. Als weißes Blatt Papier. Nach so vielen Jahren in denen ich stets gefragt wurde, zu welcher ethnischen Gruppe ich denn nun eigentlich gehöre, habe ich entschieden, dass ich stolz drauf bin, indianischer Abstammung zu sein.
Ich werde es nicht mehr zulassen, mich aus Angst und Trägheit selbst zu beschränken. Allein das auszusprechen, befreit mich von meinem Stress.