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Interview: Venus Williams

13. February 2017

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Venus Williams © Citizen of Humanity

Sie ist mehr als nur die Schwester von Serena Williams: im Interview spricht Venus Williams über ihre Kindheit, Erfolg und ihre Passion als Tennisprofi

Seit zwei Jahrzehnten bist du professionelle Tennisspielerin und hast dabei so viel erreicht. Was motiviert dich nach so einer langen Zeit noch?
Ich liebe was ich tue, vor allem die Herausforderung. Ich glaube es macht einen großen Unterschied, wenn du die Dinge, die du magst, auch schätzt. Es motiviert dich besser zu werden und aus dir das Beste herauszuholen. Das ist was ich immer möchte: mir beweisen, dass ich das Beste aus mir herausholen kann.

Hattest du als Kind auch schon diese Einstellung?
Vielleicht. Aber um ehrlich zu sein habe ich nicht allzu viel darüber nachgedacht. Ich liebte es einfach, Tennis zu spielen. Unterbewusst, oder wenn ich jetzt zurückblicke, muss ich Tennis einfach lieben, denn ich habe so viel Zeit in den Sport gesteckt und viel dafür aufgegeben. Wenn ich es nicht lieben würde, wäre es unmöglich, dieses Tempo zu halten.

Was liebst du besonders an deinem Sport?
Vor allem liebe ich den Wettbewerb. Ich denke das ist fast der beste Teil daran. Aber ich liebe auch die physische Herausforderung. Ich mag es viel Arbeit in den Sport zu investieren, rauszugehen und gute Ergebnisse zu erzielen. Zwar regt es mich auf, wenn ich nicht die gewünschten Ergebnisse erreiche, weil ich weiß, dass ich dann noch härter und härter an mir arbeiten muss.

Welchen Tipp würdest du Nachwuchsathleten geben, die von einer Profikarriere träumen?
Ich würde ihnen als allererstes sagen: genießt, was ihr tut. Glaubt an euch, denn es macht sehr viel aus, an sich selbst zu glauben. Es gibt viele Spieler die zwar gut sind, hart trainieren und viel investieren, aber am Ende des Tages zählt nur: hast du auch das Selbstvertrauen? Wenn du selbstbewusst und locker auf den Platz gehst, bist du schwer zu schlagen. Selbstverständlich ist es nicht immer einfach. Es ist eine große Herausforderung und manchmal auch ganz schön taff.

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Venus Williams © Citizen of Humanity

Wie findest du dieses Vertrauen in dich selbst?
Ich denke ich bin so erzogen worden. Natürlich geht das nicht immer. Manchmal muss man auch bluffen und so tun, also ob. Es geht darum das zu tun, was getan werden muss, um erfolgreich zu sein. Nicht nur auf dem Court, auch im wahren Leben. Man kann nicht erwarten, dass man immer 100 Prozent geben kann. Aber wenn man fest an sich glaubt, nehmen die Dinge Gestalt an.

Die Bedeutung von Erfolg ändert sich mit der Zeit. Was unterscheidet dein Verständnis von Erfolg heute von deinem Verständnis am Anfang deiner Karriere?
In meiner Familie gab es keine allgemein gültige Definition von Erfolg. Es ging mehr darum eine gute Persönlichkeit zu haben. Uns wurde nicht eingetrichtert „Oh, du musst gewinnen, um erfolgreich zu sein“ oder du musst dies oder das tun. Uns wurde beigebracht rauszugehen und in den Dingen gut zu sein, die wir gerade ausprobierten. Ich habe also ein eher lockeres Verständnis von Erfolg, obwohl ich hart arbeite. Ich definiere mich und mein Leben aber nicht über Siege und Niederlagen.

Was bedeutet also Erfolg für dich?
Für mich bedeutet es, mein Leben so zu leben, ohne etwas zu bereuen; zurückzublicken und sagen zu können „ich habe mein Leben genossen. Ich hatte eine gute Zeit, ganz gleich ob ich gewonnen, verloren oder unentschieden gespielt habe. Egal, ob es eine harte Zeit war, ich hab es genossen. Ich habe es genossen, zu leben. Ich denke das ist das Wichtigste. Dein Leben kann nicht erfolgreich sein, wenn du es nicht genießt. Immer dein Bestes geben, in den Spiegel schauen und sagen: „Ich habe es versucht. Ich hab alles gegeben. Ich habe nichts unversucht gelassen.“ Das ist Erfolg für mich.

Wer waren die Sporthelden in deiner Kindheit?
Ich habe tatsächlich nur Tennis geschaut. Ich mochte Boris Becker und Monica Seles. Aber ich habe den beiden nicht übermäßig nachgefeiert und gesagt „Oh mein Gott, irgendwann muss ich so sein wie sie.“ Die beiden waren cool, aber ich war vor allem auf meine eigenen Ziele konzentriert. Ihr Spiel und ihre Hartnäckigkeit habe ich dennoch sehr bewundert.

Wer sind deine Helden abseits des Courts?
Definitiv meine Eltern und Serena. Sie ist wirklich eine große Heldin für mich. Alle meine Helden kommen aus meinem familiären Umfeld, sie waren es schließlich, die mich durch die harten Zeiten begleitet haben.

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Venus Williams © Citizen of Humanity

Welche Werte haben sie dir vermittelt oder welche Werte schätzt du besonders an ihnen?
Meine Eltern haben uns beigebracht, unsere eigene Persönlichkeit zu haben und Risiken einzugehen, an uns zu glauben und hart zu arbeiten – all das, was du tun solltest, aber manchmal nicht machst. Zudem habe ich viel von Serena gelernt, im Leben als auch im Tennis. Sie war immer für mich da und zeigte mir den Weg, ob sie es wollte oder nicht.

Wie ist deine Beziehung zu Serena? Wie schafft ihr es, unmittelbare Konkurrenten und gleichzeitig die größten Fans von einander zu sein?
Wir gehen auf den Court. Wir pushen uns gegenseitig, ob wir gegeneinander spielen oder nicht. Wir spielen im Team oder trainieren zusammen. Wenn Serena spielt, möchte ich sie natürlich gewinnen sehen. Ein Sieg für sie ist auch ein Sieg für mich und ich denke, dass sie das Gleiche fühlt. Eigentlich ist es ziemlich simpel. Wir haben viel Spaß und eine wirklich tolle Zeit. Sie ist einfach super und sehr lustig. Sie ist zwar meine kleine Schwester, aber sie hat immer eine Menge guter Ratschläge.

Du hast im Tennis viele Hürden überwunden – warst du dir dessen bewusst?
Nein, ich dachte nicht wirklich darüber nach. Es ging mir immer nur darum, meine Ziele zu erreichen. Ich wollte professionell spielen und bei großen Turnieren aufschlagen. Deshalb konzentrierte ich mich mehr darauf, als auf alles andere.

Wie siehst du deine Rolle als Vorbild für so viele Menschen?
Es ist nicht unbedingt so, dass ich jemals dachte: “Oh, ich bin ein Vorbild” oder dass ich darauf aus war, eines zu sein. Sehr wohl ist es aber so, dass ich erkenne, es gibt bestimmte Dinge, die ich wahrscheinlich nicht tun sollte, weil das einfach nicht gut für mich oder andere wäre. Es gab für mich also schon einen Punkt, an dem ich darüber nachdachte.

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Venus Williams © Citizen of Humanity

Du hast dich sehr für eine gerechte Bezahlung im Frauensport eingesetzt. Warum ist das wichtig für dich, neben dem Offensichtlichen? Wieso engagierst du dich dafür?
Für mich wird es immer wichtiger, sich einzubringen, für das einzustehen, was ich für richtig halte und der nächsten Generation etwas zurückzugeben. Tennis hat mir so viel gegeben, dass ich nun an einem Punkt bin, andere in ihren Zielen zu unterstützen. Die ungleiche Bezahlung im Sport war offensichtlich, auch wenn Ungleichheit leider in vielen Bereichen besteht. Es ist traurig, dass wir immer noch dafür kämpfen müssen. Der Kampf für gleiche Bezahlung ist da nur ein Teil von dem, was auf der Welt mit Frauen am Arbeitsplatz geschieht. Ich möchte einen Beitrag dazu leisten, dies zu korrigieren.

Welche Botschaften willst du in die Welt tragen? Was hoffst du können die Leute von deiner Geschichte mitnehmen?
Ich hoffe ich inspiriere die Menschen, ihren Traum zu leben. Denn es gibt nichts Spannenderes und Erstaunlicheres, als seine Träume zu leben.

Als professionelle Sportlerin endet deine Karriere, wenn du noch sehr jung bist. Hast du schon an ein Leben nach dem Tennis gedacht?
Unsere Eltern wollten, dass wir nicht nur Sportler sind, deshalb haben sie uns früh beigebracht auch an unserer Persönlichkeit zu arbeiten. Sie ermutigten meine Schwester und mich, uns nicht einzig durch sportliche Leistungen zu definieren.

Du hast letztes Jahr dein Studium absolviert. Wie sehen deine Zukunftspläne aus?
Richtig, ich habe ein Wirtschaftsstudium absolviert. Gerade arbeite ich an meinem Master im Fach Innenarchitektur. Mein nächstes Ziel wird mein Doktortitel sein, damit die Leute mich Dr. Williams rufen können!

Du bist ein fester Bestandteil der Tennisgeschichte. Was hoffst du ist dein Vermächtnis sowohl im Tennis als auch darüber hinaus?
Ich habe nie so sehr von einem Vermächtnis geträumt. Ich lebe eher für den Moment. Ich würde mich freuen, wenn die Menschen an mich als Person denken, die das Spiel geliebt hat und sowohl dem Spiel als auch dem Leben viel zurückgegeben hat.

Autor: Jared Freedman

Das Interview ist im Humanity-10 erschienen