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Interview: Soko über “Die Tänzerin”

Von , 19. October 2016

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© 2016 PROKINO Filmverleih GmbH

Loïe Fuller war die berühmteste Tänzerin der Belle Epoque. Ein Star am Pariser Nachthimmel – doch heute fast vergessen. Stéphanie Di Giusto hat die Story jetzt verfilmt – in der Hauptrolle die Musikerin Soko

“I’ll kill her!” Mit dieser Songzeile und dem schönsten französischen Akzent der Welt wurde Soko 2007 berühmt. Selbstbeschreibung: Musik-Nerd, Alien-Lover, White-Goth-Hyper, Emotional Being. Wir haben uns mit ihr über ihre Rolle als Loïe Fuller in Die Tänzerin (Kinostart: 3. November) unterhalten.

Wie kam es dazu, dass du als Hauptrolle von Die Tänzerin besetzt wurdest? Du bist ja eher als Musikerin bekannt, weniger als Schauspielerin.
Mit Schauspiel habe ich bereits im Alter von 16 Jahren angefangen, Musik kam erst viel später dazu. Ich habe mein Leben immer zwischen diesen beiden Polen geführt. Ich brauche beides. Es ist für mich überlebenswichtig wie Essen und Schlafen. Die Regisseurin Stéphanie Di Giusto kenne ich jetzt schon seit vielen Jahren und sie hat mir immer wieder gesagt, dass sie „die Rolle meines Lebens“ für mich schreiben würde. Sie hat sich lange Zeit in geheimnisvolles Schweigen gehüllt, worum es in dem Film gehen würde, aber ich glaubte so sehr an sie und ihre Vision, dass ich schon an Bord war bevor ich das Skript überhaupt kannte. Als sie mir dann schließlich die Geschichte der Tänzerin Loïe Fuller erzählt hat und mir Bilder zeigte, habe ich sofort zugesagt.

Konntest du dich mit der historischen Persönlichkeit Loïe Fuller identifizieren? Was war für dich der spannendste Aspekt an der Rollenarbeit?
Ich finde es großartig, Rollen von realen Persönlichkeiten zu spielen. Besonders diese vergessene Ikone wieder ans Licht zu bringen. Das fühlt sich fast an, als könnte ich ihr nachträglich Gerechtigkeit zukommen lassen, die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Es war mir wichtig, das Porträt einer Künstlerin herauszuarbeiten: ihre Selbstaufgabe an den Tanz, die Hochs und Tiefs, die Hindernisse, die Besessenheit, die ein normales Privatleben fast unmöglich macht, den physischen Schmerz des Tanzes und wie es sich auf den Körper auswirkt.
Sie war die erste Frau, die wirklich verstanden hat, was Multimedia bedeutet. Sie war nicht einfach eine Tänzerin, sie hat auch ihre Kostüme selbst geschneidert, hat Licht und Stenografie mitbestimmt. Sie war eine Muse für so viele Maler und Bildhauer und hat gleichzeitig ein ganzes Rudel an Technikern anleiten müssen für ihre eigenen Shows. Sie konnte ein echter Boss sein, mutig und durchsetzungsfähig. Es ist wirklich ein Geschenk so eine starke Frau spielen zu dürfen.

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Hattest du vorher schon Erfahrungen mit Tanz? Oder musstest du speziellen Unterricht nehmen?
Als Kind hatte ich eine ganze Reihe an Hobbies: Theater, Reiten, Klavier, Judo, Tennis, und… Tanz. Aber das war ziemlich traumatisierend. Ich war immer das dicke kleine Nilpferd in der hinteren Reihe, das sich für seinen Körper schämte. Es war wirklich schlimm. Und jetzt spiele ich eine Tänzerin in der Hauptrolle und muss da wieder durch. Loïe Fuller ist eine Frau, die auch ein Problem hat, sich selbst zu lieben, die ihren Körper nicht mag, aber einen Tanz entwickelt, der aus ihren Schwächen Stärken macht und sich hinter magischen Seidentüchern versteckt.

Für den Dreh musste ich für zwei Monate jeden Tag sieben Stunden lang trainieren. Ich wurde von der genialen New Yorker Choreografin Jody Sperling trainiert, welche sich die letzten 17 Jahre mit dem tänzerischen Werk von Loïe Fuller auseinandergesetzt hat. Ich war am Anfang grauenvoll schlecht. Mein Ego wurde jeden Tag gequält. Jeden Abend ging ich komplett mutlos wieder nach Hause. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das jemals schaffen sollte, aber es kam für mich nie in Frage, mich doublen zu lassen. Ich musste da durch, ich musste diese Tänzerin werden.
Und nicht nur das: ich musste auch auf einer 3,50 Meter hohen, kleinen Plattform tanzen. In kompletter Dunkelheit mit blendenden Lichtern um mich rum. Als müsste ich blind tanzen. Es war wirklich angsterregend, aber gleichzeitig auch aufregend.

Wie fühlten sich die speziellen Kostüme an? Loïe Fuller hatte ja so viel Gewicht an ihren Armen… War das eigentlich ein Akt von Selbstzerstörung?
Ach, es war gar nicht so schwer. Das Gewand ist aus Seide gemacht und die Stab-Konstruktionen auch aus einem ganz leichten Material. Die Performance selbst ist allerdings sehr erschöpfend, die Wiederholungen, die Drehungen, das Gefühl der Verlorenheit in den ganzen Stoffbahnen ohne einen Fixpunkt zu haben in der totalen Dunkelheit.
Da ging es aber nicht um Selbstzerstörung. Sie hatte einfach eine Leidenschaft für Schönheit. Und dafür musste sie eben einiges in Kauf nehmen. Um diesen Grad an Schönheit und Perfektion zu erreichen, musste sie trainieren wie ein Boxer, mit Blutergüssen und Wunden. Aber das spielt eben keine Rolle, solange du daran glaubst, dass das, was du kreierst, magisch ist.

Und was denkst du persönlich? Inwiefern sind Kunst und Leiden miteinander verbunden?
Ha! Also wenn du mich fragst: ich leide immer, wenn ich etwas kreiere. Ich begebe mich an die Grenzen des Wahnsinns, so lange bis etwas Helles und Schönes dabei herauskommt. Aber vorher muss ich durch die Dunkelheit. Ich wünschte, das wäre nicht so. Ich lerne langsam auch von einem leichteren, helleren Ort aus etwas zu schaffen. Und das fühlt sich sehr gut an. Bisher habe ich immer aus dem tiefsten Schmerz heraus gearbeitet. Aber ich bin mir sicher: der Schlüssel zu Klarheit und der Fähigkeit, zu genießen, ist eine Balance. Dass man aus jeder Stimmung heraus in der Lage ist, künstlerisch zu arbeiten. Sogar aus Glückseligkeit.

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Die Tänzerin ist ab dem 3. November in den Kinos zu sehen. Dieses Interview ist in der aktuellen L’Officiel Ausgabe erschienen.