Lifestyle

Héroï­nes: Misha Janette

Von , 25. August 2016

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© Misha Janette / PR

Sie ist eine feste Instanz in Tokios Modeszene und zählt zu den wichtigsten Stimmen des japanischen Kreativkosmos’ – Misha Janette ist unsere neue Héroï­ne

Wenn man Misha Janette fragt, welchen Beruf sie ausübt, dann bekommt man folgende Antwort: „Ich bin Journalistin bei der Japan Times, Stylistin und Kreativ-Direktor. Außerdem schreibe ich für mein eigenes Fashionblog, moderiere verschiedene TV-Programme trete ab und zu als DJ oder Model auf.“ Viel- anstatt einseitig sein, so also ihr Credo.
Die gebürtige US-Amerikanerin wuchs „mit 2Pac und Enya in einer kleinen Stadt im Niemandsland auf“, wollte nach der Schule definitiv in die Modeindustrie, allerdings in keine der üblichen Modemetropolen ziehen. Die Plattform Business of Fashion zählt Misha mittlerweile zu den “Top 500” Branchen-Insidern. Im Gespräch mit der 33-Jährigen wird schnell klar, dass “normal” nicht gerade zu ihrem bevorzugten Wortschatz und Lebenselixier zählt. Ihre Vorliebe gilt dem Unbekannten und Experimentellen. Vor zehn Jahren zog sie deshalb an den Ort, „der sich am meisten von meiner eigenen Kultur unterschieden hat”: Tokio.

Hi Misha, wie geht es dir?
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Wie nimmst du die Modeszene in Tokio wahr?
Mode in Japan wird oftmals als eine Form von Kostüm angesehen und Kleidung sagt nicht zwingend etwas über den Charakter einer Person aus. Zusätzlich gibt es in Tokio ungemein viele Subkulturen: die Gothic-Szene, Lolitas, Harajuku oder Kawaii. Niemand hier hat Angst, diese Stile zu tragen und extrovertiert zu sein. Die sogenannte “Fashion Crime”-Rate ist einfach sehr niedrig; sprich, aufgrund deines Outfits wirst du niemals blöd angemacht. Die Leute hier kümmern sich viel eher um ihre eigenen Angelegenheiten und das ist extrem angenehm.

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© Misha Janette I PR

Japan erscheint in Sachen Mode sowieso viel toleranter als einige der westlichen Modemetropolen.
Exakt. Es ist in der japanischen Kultur viel schwieriger “in” oder “out” zu sein, da man sich lieber auf die Trends der Subkulturen zu fokussieren scheint, als allgemeingültige Massentrends kreieren zu wollen. Die westliche Haltung gegenüber Mode ist außerdem viel wertender: Wir gehen mit dem Gedanken an Mode heran, dass sie schön und sexy sein muss, wohingegen man in Japan Wert darauf legt, die Körpersilhouette zu verhüllen und den Brustbereich zu verdecken. Die Mode hier verfolgt sozusagen das komplette Negativ und Designer wie Tsumori Chisato, Issey Miyake oder Commuun sind mit ihrem weiten “baggy”-Stil und Unisex-Schnitten seit Jahrzehnten die besten Beispiele dafür.

Welche japanischen Designer sollte man außer den gewöhnlichen Größen denn noch kennen?
Das Label Anrealage verwendet eine spezielle Cutting edge-Technologie in seinen Kollektionen, 3D-Druck und holografischen Glanz oder Tinte, die die Farbe wechseln. Iris Van Herpen designt mit diesen Techniken Couture; die Kleidung von Anrealage hingegen ist auch auf der Straße tragbar. Darüber hinaus fällt mir Facetasm ein. Die Kollektionen repräsentieren den Streetstyle Tokios wirklich gut – da sieht man viel Layering, viel Farbe und Prints. Roggykei aus Osaka machen wiederum eine Mischung aus sportlichen und avantgardistischen Designs, die scharf und dunkel sind, was sehr rar in Japan ist, da viele Japaner eher “Kawaii”, das heißt süß und unschuldig anstatt cool, aussehen möchten.

Du selbst hast vor ein paar Jahren ein Perücken-Label gegründet. Auch ein Thema, das es im westlichen Raum noch nicht einmal annähernd geschafft hat, sich als Modetrend zu behaupten.
Und im Gegensatz dazu ist es in Tokio sogar ziemlich normal für junge Frauen und Männer im Alltag eine Perücke zu tragen. Ich habe mir fünf Jahre lang fast täglich eine angezogen. In Japan trage ich beispielsweise oft meine lavendelfarbene Perücke. Als ich in Berlin war, habe ich mich dann aber doch für den klassischen Bob in schwarz entschieden. Peinlich ist mir daran auf jeden Fall gar nichts.

Und dabei gilt Berlin ja schon als der tolerante Paradiesvogel unter den Großstädten…
Auf alle Fälle. Ich glaube zwar, dass Berlin noch einen Weg vor sich, aber ähnlich wie in Tokio kümmern sich die Berliner nicht sonderlich um Leute, die anders gekleidet sind als sie selbst.

Misha Janette © Senio Zapruder
Misha Janette in Berlin © Senio Zapruder

Gibt es andere Orte, die für dich von momentaner modischer und kreativer Relevanz sind?
Um ehrlich zu sein ist Japan für mich tatsächlich das momentan inspirierendste Land, wenn es um Mode geht. Egal ob ich nach Südamerika, Shanghai oder Barcelona gehe, wo ich mich überall nach interessanter Street-Fashion umsehe. Ich reise jedes Mal ein wenig enttäuscht ab, da es einfach nirgends so spannend und experimentell zugeht, wie auf Tokios Straßen.

Vielen Dank für das Interview.