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Was für ein Kind waren Sie, Giorgio Armani?

Von , 23. September 2016

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Giorgio Armani (links) mit seiner Schwester Rosanna und Bruder Sergio © Privat

Ulrike Döpfner fragt Giorgio Armani – und erfährt, dass der wohl größte italienische Designer als Kind ganz andere Ambitionen hatte

Was für ein Kind waren Sie?
Ich war ein eher schüchternes Kind, dabei gleichzeitig neugierig und sehr willensstark – was ich bis heute bin. Meine Kindheit fiel in den Krieg, was nicht immer leicht war, dennoch habe ich sie als glücklich und eigentlich sorgenfrei in Erinnerung.

Wer in Ihrer Familie stand Ihnen am nächsten?
Eindeutig meine Mutter, eine wunderschöne und eleganten Frau, die sehr lieb und gleichzeitig streng sein konnte. Respekt und Würde sind die Begriffe, die ich mit ihr verbinde. Ihre pragmatische Art, mit Problemen umzugehen, auch in schwierigen Zeiten, hat mich sehr geprägt. Aber ich war auch sehr eng mit meinen Geschwistern. Sergio, mein älterer Bruder, war das Gegenteil von mir, sehr extrovertiert, immer voller neuer Ideen, während meine Schwester Rosanna eher wie ich war. Wir haben bis heute eine sehr enge Beziehung.

Welche Rolle spielte Ihr Vater?

Mein Vater war Buchhalter in einer Mailänder Spedition, er kam nur an den Wochenenden nach Piacenza zu uns nach Hause. Er war ein freundlicher, zurückhaltender Mann, aber man konnte nicht gut mit ihm reden. Er war auf seine Art schon präsent, und ich liebte ihn von ganzem Herzen, aber es kam nie zu einem normalen Gespräch, wie es zwischen Vätern und Söhnen sein sollte. Leider starb er viel zu früh. Und erst da wurde mir klar, dass ich ihn nie wirklich kennengelernt hatte. Etwas, das ich bis heute zutiefst bedaure.

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Für ein neues Fahrrad kommt sogar der nur selten anwesende Vater mit aufs Bild © Privat

Welche Werte haben Ihnen Ihre Eltern vermittelt?
Die Bedeutung von Verantwortung und harter Arbeit. Aber auch Aufrichtigkeit und Achtung vor anderen Menschen. Das wurden tatsächlich die grundlegenden Werte meines Lebens.

Waren Sie ein guter Schüler?
Immerhin war ich ein fleißiger Schüler – wenn ich auch wie die meisten Kinder lieber spielen ging, als zu lernen. Vielleicht erinnere ich mich deswegen an meine Schulzeit mit gemischten Gefühlen. Die Beziehung zwischen Lehrern und Schülern war in meiner Jugend viel formeller, Lehrer waren Furcht einflößende Menschen. Unter meinen Mitschülern wiederum fand ich die ersten wirklich guten Freunde. Deswegen denke ich eigentlich gern an meine Schulzeit.

Was wollten Sie werden als Sie Kind waren?
Ich wollte unbedingt Arzt werden. Besonders nachdem ich “Die Zitadelle” von A. J. Cronin gelesen hatte. Ich bastelte mir Puppen aus Lehm, pflanzte ihnen eine Kaffeebohne ein und sagte: “Da haben wir den Tumor! Ich allein kann ihn heilen!” Erst viele Jahre später fand ich heraus, dass Medizin gar nichts für mich ist.

Wann haben Sie angefangen, sich mit Mode zu beschäftigen?
Da war ich tatsächlich schon älter. Nach dem Gymnasium war ich zwei Jahre in der medizinischen Fakultät eingeschrieben – eigentlich, weil mir sonst nichts einfiel. Zur Mode kam ich eher zufällig. Ich hatte angefangen zu fotografieren, das machte mir großen Spaß, und meine Schwester modelte manchmal für mich. Einige dieser Bilder brachte ich zu La Rinascente – damals der wichtigste Department Store in Italien –, und die boten mir einen Job in der Werbe-Abteilung an! Das läutete die Wende ein in meiner Laufbahn.

Was hat Ihren Ehrgeiz entfacht?
Ich war nie wirklich ehrgeizig, aber wie jedes Kind hatte ich Träume. Meine hingen mit den Filmen zusammen, die ich in unserem Vorstadtkino sah. Ich träumte von den Abenteuern, den großen Gefühlen, die ich auf der Leinwand sah. Nach all den Jahren, in denen ich mittlerweile mit berühmten Regisseuren und Schauspielern arbeiten darf, ihre Visionen umsetzen, ihre Geschichten erzählen, kann ich sagen: Meine Träume sind tatsächlich wahr geworden.

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Ihre schlichte Eleganz prägt den Stil von Giorgio Armani bis heute – la Mama mit piccolo Giorgio © Privat

Hatten Sie als Kind eine Schwäche, etwas, das Ihnen besonders schwer fiel?
Meine Unsicherheit. Wie ich schon sagte, war mein großer Bruder mein Idol. Er war groß, blond, voller Leben. Er war sehr selbstbewusst, ich dagegen mochte mich nicht wirklich.

Waren Sie gut im Sport?
Überhaupt nicht. Ich konnte mich nie länger für eine Sportart begeistern und bewunderte meine Geschwister für ihre Leidenschaft, besonders einmal mehr meinen Bruder, der ausgezeichnet Basketball spielte.

Erinnern Sie sich an Ängste?

Während des Krieges hatte ich furchtbare Angst vor den Bomben. Ich hatte immer das Gefühl, ich würde nicht schnell genug vor ihnen davonlaufen können.

Was war Ihr Lieblingsgeruch als Kind?

Der frische Duft des Parfums meiner Mutter, das mich an die Blumen in unserem Garten erinnerte. Aber genauso emotional werde ich beim Duft von “Tortelli alla Piacentina”, ein klassisches Pasta-Gericht aus meiner Heimatstadt mit frischem Parmesankäse, Spinat und Ricotta. Meine Mutter kochte das zu Weihnachten, manchmal auch an Sonntagen. Dieser Geruch gehört in meiner Erinnerung zu einem Sonntag mit der Familie. Und am Nachmittag gingen wir dann alle zusammen ins Kino!

Hatten Sie einen Lieblingsort als Kind?
Unser Stadttheater, dem nachgesagt wurde, es schaue aus wie eine Miniversion der Mailänder Scala. Ich war dort oft mit meinem Großvater, der die Perücken für das Theater anfertigte, und auch mit meinem Vater, der den schönen Künsten ganz allgemein zugeneigt war.

Erkennen Sie heute das Kind in sich, das Sie einmal waren?
Zum Teil schon. Das Unverblümte, die Neugier, eine gewisse Naivität und Dickköpfigkeit waren wichtige Teile meiner Persönlichkeit als Kind – und sie sind genauso Teil des erwachsenen Mannes, der ich heute bin.

Tags: #Armani, #Giorgio Armani, #Interview