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Interview: Allison Williams

Von , 10. February 2017

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Tüllkleid von DIOR, etwa 12.000 Euro | Armreif aus 18k Gelbgold, Armreif aus 18k Roségold und schmale Armreifen aus 18k Roségold und Gelbgold, alles von TIFFANY & CO., etwa 1.950 Euro, 3.950 Euro und 1.450 Euro

Sie ist die Tochter des NBC-Newsanchors Brian Williams und Absolventin der Elite-Universität Yale: Dass Allison Williams nicht Donald Trump gewählt hat, war zu erwarten. Aber was nun? Wie geht es einer modernen Feministin mit Präsident Trump?

Hat Sexismus bei der Wahl eine Rolle gespielt?
Ich fürchte ja. Und finde es wahnsinnig bedrückend.

Und jetzt?
Schwierig. Aber wenigstens liegt jetzt alles offen. Die frauenfeindlichen Beleidigungen, die im Access-Hollywood-Video zu hören sind, oder jene gegenüber der Moderatorin Megan Kelly haben immerhin dazu geführt, dass das Land wochenlang über Sexismus debattiert hat. Das war überfällig. Wir sehen uns als Nation jetzt auf einmal sehr klar: wie sie funktioniert, aber auch, was die Menschen, die sich vielleicht vorher nicht so bemerkbar machen konnten, denken und fühlen. Das ist eine fundamentale Voraussetzung, wenn wir wirklich einmal wieder miteinander reden wollen. Wenn wir irgendeine Art von Veränderung anstoßen wollen. Eine Art neuer nationaler Ehrlichkeit. Alles muss raus.

Persönlich fühlen Sie sich nicht angegriffen, wenn Sie hören, wie Trump Frauen bewertet und davon redet, sie an der “Pussy zu packen”.
Ich mache mir grundsätzlich keine Illusionen. Viele Männer sehen Frauen als eine Sache, die sie für sich erst mal sexuell einordnen, bewerten und analysieren müssen. Sonst kommen sie nicht klar. Würde ich mit der, würde ich nicht? Wir Frauen machen das auch.

Sie auch?
Klar. Meine Freundinnen und ich, wir nehmen die Männer auseinander. Besprechen ihre Bodys rauf und runter. Der Unterschied liegt allerdings darin, dass wir das nicht halb öffentlich tun. War es nicht das Merkwürdigste überhaupt, sich im Access Hollywood-Video anzuhören, wie Trump in diesem trashigen Bus über Frauen und ihre Beine redet?

Er hat gesagt, es sei nur Locker Room Talk, Gerede aus der Männerumkleide.
Das finde ich nun eine sehr nützliche Information, dass das also Locker Room Talk ist. Kommt selten vor, dass man so offen damit konfrontiert wird, dass zumindest manche Männer so reden. In jedem Fall: Gut zu wissen für uns.

In der Filmbranche soll es diese Männer auch geben. Sind Sie ihm begegnet? Diesem weißen, alten, überselbstbewussten drangsalierenden Angebertypen?
Ein paar von ihnen sind mir schon begegnet. Aber einen Typen wie Trump hatte ich noch nie in meiner Nähe. So einer kommt auch nicht weit bei mir. Wenn einer so gepolt ist, gehe ich ihm aus dem Weg. Viele von denen gibt es in Hollywood eh nicht mehr.

Nein?
Ganz im Ernst, wenn du in Hollywood als Produzent oder Regisseur nicht gut mit Frauen zusammenarbeitest, dann hast du es heutzutage gar nicht mehr so einfach klarzukommen und nicht relativ schnell zur Rede gestellt zu werden.

Okay. Aber wenn es doch passiert, wie gehen Sie mit so einer Situation um?
Ich sage sofort etwas. Dass das überhaupt nicht klargeht, so über jemanden zu sprechen – und erst recht nicht über mich. Klar pfeift mal jemand auf der Straße oder so – aber dieses aggressive, asoziale Gerede? Du hast ja auch gesehen, da waren keine Frauen anwesend bei dem Gespräch im Bus. Es ist also nichts, was diese Männer sich sonst trauen. Also, wirklich alles sehr interessant.

Würden sie sich als Feministin bezeichnen?
Definitiv.

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Jacke, Bluse und Rock von DOROTHEE SCHUMACHER, etwa 570 Euro, 300 Euro und 370 Euro

Was bedeutet das Label für Sie im Alltag?
Es bedeutet, dass ich mich nicht anders behandeln lassen will, nur weil ich eine Frau bin.

Das Besondere an eurer Serie Girls ist ja, dass sie jene Unsicherheiten und Widersprüchlichkeiten offengelegt hat, die durch die neue Unabhängigkeit junger Frauen erst entstanden sind.
Ein Teil vom Feminismus handelte immer davon, der Frau die Unabhängigkeit zu geben, damit sie die sein kann, die sie sein möchte – und damit Herrin ihres eigenen Schicksals. In Girls schauen wir jungen Frauen dabei zu, wie sie gute Entscheidungen genauso treffen wie katastrophale. Dass sie die Freiheit haben, das zu tun, ist geleitet von einer feministischen Überzeugung. Wir sind in Girls nicht von Männern bestimmt. Wir sind bestimmt von unseren Entscheidungen, und Fehler, die wir machen, sind unsere und nicht die von anderen. Das ist die DNA der Serie, und das ist natürlich vor allem den Schöpfern Lena Dunham und Jenny Konner zu verdanken, die krasse Feministinnen sind – genauso übrigens Judd Apatow, unser Produzent. Wir alle leben nach feministischen Standards.

Die Serie wurde berühmt für ihre ungeschönten Nackt- und Sexszenen, vor allem von Lena Dunham, aber auch Jemima Kirke. Sie sieht man nie nackt, oder?
Nein. Das habe ich gleich zu Anfang entschieden.

Warum?
Ich war bereit, meiner Figur Marnie alles zu geben, was ich hatte. Aber sie ist halt auch ziemlich konservativ, was das Herzeigen ihres Körpers betrifft. In der allerersten Episode beschwert sich Lena Dunhams Figur Hannah ja sogar bei Marnie: „Wir sind schon so lange Freundinnen – aber wann werde ich jemals deine Brüste sehen?“ Und ich muss gestehen, es gefiel mir, dass das niemals passierte.

Sie sind ähnlich?
Ja. Ich möchte meine intimsten Stellen privat halten. Mir ist schon klar, dass das eine vielleicht etwas veraltete, konservative Sicht auf meinen Körper ist. Es hat nichts mit Unwohlsein oder gar Scham zu tun. Null. Ich fühle mich sehr wohl in meinem Körper.

Ihr Körper scheint ja auch, soweit man das so beurteilen kann, nahezu perfekt. Lena Dunham hat den Frauen weltweit einen anderen Körpertyp gezeigt, einen jenseits des sogenannten Schönheitsideals. Sie hat den Frauen gesagt, dass auch das in Ordnung ist.
Lena würde sich wahnsinnig freuen, das jetzt von dir zu hören.

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Baumwolljacke von MONCLER GAMME ROUGE, Preis auf Anfrage | Rollkragenpullover von MIU MIU, etwa 390 Euro | Beschichteter Bleistiftrock von DOROTHEE SCHUMACHER, etwa 380 Euro | Wickelarmreife aus 18 k Gelbgold mit Diamanten von TIFFANY & CO, jeweils etwa 8.600 Euro

Wenn wir jetzt hier in Bushwick in Brooklyn vor die Tür gingen, würden wir innerhalb der nächsten zwei Straßenecken drei tätowierte Mädchen treffen, die ganz selbstverständlich auch Kleidergrößen spazieren führen, die nicht XS sind.
Und wir wissen inzwischen auch viel besser, was junge Frauen so im Badezimmer machen. Das war Lenas geniale Idee: Die Kamera kommt immer mit ins Badezimmer. Und man sieht alles. Das ist in anderen Shows nicht so.

Jetzt haben Sie die letzte Staffel zu Ende gedreht. Traurig, dass es vorbei ist?
Sobald es in ein paar Wochen gesendet wird – das ist der Anfang vom Ende. Ich will nicht, dass es aufhört. Wenn jetzt die Promotion-Termine vorbei sind, werden wir uns auch einfach nicht mehr so häufig sehen. Das ist schon das Ende von etwas ziemlich Großem. Ich werde unsere Gespräche vermissen.

Worüber reden Sie?
Es gefällt mir so gut, dass wir im einen Moment über Brad und Angelina und deren schreckliche Scheidung reden, und im nächsten Moment über politische Themen, zum Beispiel, ob man jetzt demonstrieren gehen soll. Aber auch Silly Stuff. Über das Instagram von irgendjemanden. Über das, was wir gelesen haben, was uns zum Lachen bringt. Von Nonsens zu Wichtigem. Von High zu Low. Und zurück.

Und? Sollen wir jetzt demonstrieren gehen?
Meine erste Reaktion war: Niemand braucht mich, wie ich auf einer Seifenkiste stehe mit einem Megafon in der Hand. Ich werde niemandes Meinung ändern. Andererseits: Du kannst dir ja denken, wen ich gewählt habe und wie ich mich jetzt fühle.

Geben Sie Hillary Clinton irgendeine Schuld?
Ich gucke nicht zurück. Ich hoffe, dass Hillary uns erhalten bleibt. Wir brauchen sie noch. Wir brauchen ihren Einsatz für Frauen und Kinder.

Kennen Sie sie eigentlich persönlich?
Ich bin ihr einige Male begegnet. Schon durch meinen Vater. In den Neunzigerjahren war er als Journalist im Press Corps des Weißen Hauses. Da war Bill Clinton Präsident, ich war in der ersten und zweiten Klasse. Wir sind zu den Weihnachts- und Halloween- Partys der Clintons gegangen. Bill Clintons Wiederwahl 1996 ist die erste Präsidentschaftswahl, an die ich mich erinnere.

Als Hillary jetzt verlor, haben viele ihrer Unterstützer geweint. Sie auch?
Als ich ihre Rede am nächsten Morgen gesehen habe, bin ich sehr emotional geworden. Das passiert mir immer, wenn ich sehe, dass andere weinen.

Also vielleicht doch demonstrieren? Oder gibt es etwas anderes, was wir tun können?
Ich weiß nicht. Ich habe immer versucht, meinen Job von meinen politischen Überzeugungen zu trennen. Ich möchte als Schauspielerin in der Lage sein, so viele Menschen wie möglich darzustellen. Trotzdem: Nach der Wahlnacht bin ich aufgewacht und wusste, dass ich meiner Arbeit für die Aidsstiftung “Horizons” mehr Zeit widmen muss. Ich will mich dafür einsetzen, dass die HIV-Forschung auch unter Trump die Gelder bekommt, die sie benötigt. Gerade bin ich aus Ruanda zurückgekommen, wo ich mit an Aids erkrankten Menschen gearbeitet habe. Aber um auf deine Frage nach Demonstrationen zurückzukommen: Ich glaube, ich bin besser eingesetzt, wenn ich bei Projekten mitmache, die den gesellschaftlichen Dialog voranbringen, wie zum Beispiel auch Girls oder Get Out, der Film, bei dem ich jetzt mitgespielt habe und der im Februar in die Kinos kommt.

Sollten wir mit den Trump-Wählern den Dialog suchen? Kann das etwas bringen?
Lustig, mein Mann hat genau diese Frage gestern Abend auch gestellt. Denn immer, wenn ich mit jemandem im Auto sitze, frage ich die Leute nach ihren Ansichten und ob sie sie mir erklären. Meistens höre ich nur zu, schalte mich kaum ein und streite nicht.

Habe ich auch versucht. Schaffe ich nicht.
Ich will einfach wissen, wie wir uns als Nation so zerstreiten konnten.

Credits

Fotos: Caitlin Cronenberg
Styling: Danyl Geneciran
Haare: Gianpaolo Ceciliato / Jed Root
Make-up: Rebekah Forecast / The Wall Group
Maniküre: Pattie Yankee
Fotoassistenz: Travis Conn und Quantel Wronski
Stylingassistenz: Adele Garcia und Anna Vega
Produktion: Danyl Geneciran

Dieser Artikel ist in der März 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen