Lifestyle

Héroï­nes: Warpaint

Von , 4. January 2017

heroines-warpaint-interview-heads-up-lofficiel
© Rough Trade

Eigen, im besten aller Sinne: Emily, Theresa, Jenny und Stella von Warpaint sind unsere neuen Héroï­nes – wir haben die US-amerikanische Band zum Interview getroffen

Als Feen des Rock werden sie beschrieben, als Kreateurinnen sphärischer Songs, mitreißender Melancholie und vielschichtiger Melodiekataloge, die sowohl im Studio als auch auf der Bühne funktionieren. Tatsächlich ist die vierköpfige Band Warpaint live zu sehen ein bisschen wie in eine Parallelwelt einzutauchen. Da hängen Girlanden, wippen Palmenblätter zum Beat, sind die Bühnenoutfits flauschige Einteiler oder Shirts mit ironischen Sprüchen. Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa, das sind nicht nur seit nunmehr 12 Jahren, drei Alben und unzähligen Auftritten feste Instanzen im Indie-Rock-Kosmos – und darüber hinaus – sondern auch Musik-Magierinnen, die es verstehen, den Hörer vollends in ihren Bann zu ziehen. Dabei verzaubern sie aber nicht, eher verhexen sie unsere Ohren, so unberechenbar, fern von niedlich und brav, komplex und ungewöhnlich ist ihre Musik.

Ende September erschien Warpaints drittes Album “Heads Up”, Anfang November gaben sie ein ausverkauftes Konzert im Astra in Berlin. Wir haben die Band vor ihrem Auftritt getroffen, und die Musikbranche ergründet – von Nirvana bis Kendrick Lamar, von weiblichen Bands bis Selbstfindung.

Euer zweites Album “Warpaint” habt ihr mal als “impressionistisches Gemälde” bezeichnet. Was wäre das Kunst-Äquivalent zu “Heads Up”?
Stillleben. Oder impressionistisches Stillleben. Die Songs sind jetzt klarer, nicht mehr so vielschichtig, außer, wir wollten das so. Wir haben jede Melodie, jeden Bestandteil bewusst an eine bestimmte Stelle gelegt, und das merkt man auch. Wenn die Songs Fotos wären, würde man alles gestochen scharf erkennen.

heroines-warpaint-interview-heads-up-lofficiel
Albumcover zu “Heads Up” © Rough Trade

Trotzdem ist das Albumcover, ein tatsächliches Foto, immer noch recht mystisch.
Für uns ist es trotzdem eine große Veränderung, wir waren noch nie auf einem unserer Cover zu sehen. Und es reflektiert das Album ziemlich gut. Wir stehen zwar im Mittelpunkt, trotzdem liegt der Fokus eigentlich auf dem, was wir sehen, was uns umgibt. Es geht darum, dass wir uns zusammengefunden haben, um etwas zu kreieren. Wir wollten ein Einheitsgefühl vermitteln. Es gab wegen des Covers aber auch sehr verschiedene Meinungen.

Ist es über die Jahre schwieriger geworden, gemeinsam Musik zu machen?
Tatsächlich ist es jetzt einfacher. Wir sind besser geworden, auch darin, uns gegenseitig Raum zur Entfaltung zu geben. Jeder noch so kleine Bestandteil eines Songs ist ja eine Entscheidung, die getroffen werden muss. Und wenn du in einer Band spielst, muss diese Entscheidung eben gemeinsam getroffen werden. Der Song ist dann nicht mehr nur Ausdruck von dir selbst, sondern auch von anderen Menschen – da muss man lernen, auch mal zurück zu stecken.

Können gegensätzliche Meinungen, im kreativen Sinne, auch etwas Positives haben?
Auf jeden Fall, das haben wir auch bei diesem Album wieder gemerkt. Jede von uns hat zunächst alleine an Songs gearbeitet, bevor wir sie dann zu zweit und später zu viert weiterentwickelt haben. Wenn du da dann alleine sitzt, fragst du dich automatisch: Würde der Song vielleicht besser werden, wenn ich ein Stück von Jenny, von Emily oder von Stella hinzufüge?

heroines-warpaint-interview-heads-up-lofficiel
Von links nach rechts: Theresa Wayman, Emily Kokal, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa © Foto: Andy Keilen

Wie ging dieser neue Ansatz mit euren Wurzeln, Jamsessions, einher?
Die sind tatsächlich nicht mehr so präsent wie auf den Alben davor. Wir wollten uns aber auch weiterentwickeln, etwas Neues ausprobieren. Es gibt ein paar Songs, die durch jammen entstanden sind, “Heads Up” zum Beispiel. Das ist vielleicht auch der essenziellste Warpaint-Song auf dem Album – wahrscheinlich, weil er aus einem Jam entstanden ist. (lachen) Er hat einfach diesen Sound.

Wie würdet ihr den beschreiben?
Psychedelic-Ghetto-Tech-Melo-Dramatic-Popular-Sound. Fragezeichen. (lachen)

Nach einem bestimmten Genre klingt das eher nicht.
Stimmt, und das ist auch gut so. Es ist sogar großartig. Es bedeutet, dass wir etwas richtig machen. Schließlich gibt es nicht schlimmeres als Bands oder Sänger, die man sofort einer Kategorie oder Referenz zuordnen kann. So sollte Musik einfach nicht sein.

Warpaint wurde einmal als “The Female Nirvana” bezeichnet. Nervt euch so etwas?
Es ist uns eigentlich egal, wenn die Leute das sagen – sie haben aber einfach nicht recht. Wir machen Musik, die sehr schwer in eine Schublade gesteckt werden kann, also wird von allen Seiten versucht, sie irgendwie festzulegen. Manche hören da vielleicht Nirvana raus – eigentlich sind wir das aber nicht.

Mit wem sollte man euch denn vergleichen?
Mit Kendrick Lamar zum Beispiel. Nicht wegen seines Sounds – der ist uns ja noch ferner als Nirvana – aber aufgrund seiner Intentionen. Man merkt ihm an, wie sehr er Musik liebt, wie wichtig ihm eine Message in seinen Songs ist. Es passieren gerade so viele schreckliche Dinge, da fragt man sich manchmal, was das eigene Schaffen für einen Sinn hat. Nur eine Band zu sein reicht nicht mehr, man muss auch für etwas stehen. Unsere Songtexte sind natürlich weder besonders politisch, noch sind wir eine Minderheit, die sich durchsetzen muss… obwohl, in gewisser Weise sind wir doch eine Minderheit. Schließlich sind wir eine Band, die nur aus Frauen besteht.

In der Musikwelt tatsächlich eher eine Rarität.
Ja, und so etwas nervt uns dann wirklich. Mädchen werden meistens als Sex-Symbol oder hübsches Gesicht dargestellt. Es scheinen immer noch vorwiegend Männer zu sein, die wirklich ihren Passionen nachgehen, während Mädchen davor oft Angst haben. Oder sich selbst nicht so ernst nehmen. Statt auf Jungs, sollten sie sich vielleicht lieber auf ihre Talente und Tiefe, auf den perfekten Gitarrensound zum Beispiel, konzentrieren.

heroines-warpaint-interview-heads-up-lofficiel
© Foto: Mia Kirby

Seht ihr euch da als Vorbilder?
In der Musikbranche muss man oft ein ganz bestimmtes Spiel mitmachen, um erfolgreich zu sein. Und das wollen wir nicht. Wir schreiben gerne über tiefgründige Sachen, über mehr als “Call me on my cellphone”. Und darauf sind wir stolz. Wir stehen für Frauen als Einheit, für positive Konkurrenz, Mitgefühl, Kreativität und das Vertrauen auf unsere eigene Stimme in einer Branche, in der das oft sehr schwierig ist.

Wie habt ihr euch diese Freiheit bewahrt?
Wir machen das, was schon immer unsere Leidenschaft war – und wir geben uns Zeit. Das Schönste ist, Musik ohne Druck zu machen, ohne Termine oder irgendwelche Ziele, die erreicht werden müssen. Wenn man sich einfach auf etwas einlassen kann. Deshalb ist es auch so toll, ein Hobby zu haben, wenn man noch jung ist. Weil niemand erwartet, dass sofort ein perfektes Produkt abgeliefert wird. Man kann sich ausprobieren und herausfinden, wer man ist und wer man als Band sein möchte.

Wer möchtet ihr sein?
Ein vierköpfiges Monster. Ein verrücktes, wildes, vierköpfiges Monster, das gerne für Furore sorgt.

Vielen Dank für das Gespräch.