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Héroï­nes: Mascha Kaléko

Von , 6. March 2017

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Mascha, Berlin, 1927: Auf der Rückseite des Fotos steht: „Ich sehe immer alles“ © Bürgerstiftung für verfolgte Künste im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen

Kästner, Morgenstern und Ringelnatz kennt man aus dem Lesebuch, aber wer ist das Mädchen mit den tiefschwarzen Augen und der Berliner Schnauze? Mascha Kaléko – unsere neue Héroï­ne

Katzen haben sieben 
Leben. Diese Weis
heit rührt daher, dass 
sie immer auf die Pfo
ten fallen. Während
 Hunde, Hamster oder 
Menschen sich bei den
 meisten Stürzen verletzen würden, kommen 
Katzen meistens unbeschadet davon. Dank
 des sogenannten “Stellreflexes”. Die Dichterin 
Mascha Kaléko, in den Dreißigerjahren gefeiertes Wunderkind in der Berliner Literatenszene, hatte nach eigenen Angaben mindestens sechs Leben. Und sie landete mit beachtenswerter Widerstandsfähigkeit immer wieder auf den Pfoten. Sowohl zu ihren Lebzeiten als auch in der Rezeptionsgeschichte ihrer Lyrik.

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Die zehnjährige Mascha mit Eltern und Schwester Lea, Marburg 1917 © Bürgerstiftung für verfolgte Künste im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen

Kaléko vermied es, über ihre Kindheit zu sprechen. Sie stilisierte sich selbst zur waschechten Berlinerin. Geboren wurde sie aber 1907 in Galizien, einer armseligen Gegend an der östlichen Grenze der Habsburger Monarchie, die von Hungertod und Progromen gegen die jüdische Bevölkerung geprägt war. „Anstatt der üblichen Statistik / gönnt der Autorin etwas Mystik“, dichtete Kaléko gegen die Neugierigen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges veranlasste die Familie, nach Westen zu ziehen. Ihr Vater wurde in Deutschland als russischer Staatsangehöriger interniert. Als Mascha elf Jahre alt war, kam die Familie wieder zusammen und zog nach Berlin. Sie entwickelt hier ein feines Sensorium für die Mentalität der Menschen, übernimmt die Mundart wie ein Chamäleon und schließlich auch den Tonfall in ihre Dichtung. Damit besiegelt sie ihre neue Identität. Sie gehört dazu. „Kein Ostjude kommt freiwillig nach Berlin“, schreibt Joseph Roth. Sobald das Wort “Galizien” falle, würde jeder die Nase rümpfen. Entschlossen springt Mascha über ihre Vergangenheit:

Die sogenannte Goldne Kinderzeit,
Nach der so viele von uns Heimweh haben,
Hat mein Gedächtnis abgrundtief vergraben
Und so von manchem Alpdruck mich befreit.

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Postkarte an die Mutter nach Tel Aviv 1935: „Liebe Mutti – als Vorschuss auf 
dein Geburtstagsgeschenk – dieses Foto“ © Bürgerstiftung für verfolgte Künste im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen

Mit 16 Jahren verlässt Mascha die Volksschule und wird Bürolehrling: „Es hieß, wir sollten jetzt ins Leben treten. Ich aber trat nur ins Büro. (…) An stillen Regentagen aber wartete ich manchmal auf das sogenannte Glück …“ Und das lässt nicht lange auf sich warten. Mascha geht aufs Ganze, schickt ihr erstes Gedicht an die Vossische Zeitung und bekommt prompt ihre eigene lyrische Wochenkolumne. Sie findet Anschluss an die Berliner Künstlerszene, die sich im Romanischen Café trifft: ein Hafen für all die Gestrandeten. Sie diskutiert und trinkt mit Walter Mehring, Else Lasker-Schüler und Kurt Tucholsky. Hier gibt es Anerkennung unabhängig von der Herkunft. Man ist füreinander da. Ein kleines Utopia mitten in Berlin, in dem sich die Schlinge des Nationalsozialismus langsam zuzieht. 1933 erscheint ihr erstes Buch Das Lyrische Stenogrammheft im Rowohlt Verlag: Sie prägt eine neue Art der Großstadtlyrik. Die Leser der Weimarer Republik sind begeistert von ihren augenzwinkernden Alltagsbeobachtungen, durchbrochen von trockenem Zynismus. Die Kritiker eher ratlos über ihre Naivität. Auf jeden Fall ein schlechter Zeitpunkt der Geschichte für die jüdische Debütantin. Die zweite Auflage wird von den Nazis beschlagnahmt.

Man schenkt sich keine Rosen und Narzissen,
Und schickt auch keinen Pagen sich ins Haus.
Hat man genug von Weekendfahrt und Küssen,
Läßt mans aneinander durch die Reichspost wissen
Per Stenographenschrift ein Wörtchen: “aus”!

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Mascha mit ihrem zweiten Ehemann Chemjo Vinaver 1951 in New York. Eine große, aber komplizierte Liebe © Bürgerstiftung für verfolgte Künste im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen

1938 wandert sie mit ihrem zweiten Ehemann, dem Musiker Chemjo Vinaver, und dem kleinen Sohn nach New York aus. Wieder ist sie eine Fremde. Ihre Tagebücher der Exilzeit sind von einer sanften Wehmut und spitzen Beobachtungen der amerikanischen Kultur durchzogen. „Ob Ecke Uhland die Kastanien / Wohl blühn?“ Während die anderen Exilkünstler emphatisch für die Zeitschrift Au au schreiben, hat Mascha heimliches Heimweh nach dem Kurfürstendamm. Sie widmet sich hingebungsvoll der Erziehung ihres Sohnes und unterstützt ihren Mann. Die Gesundheit leidet, und als Dichterin nimmt sie hier niemand ernst. Als sie 1956 nach dem Krieg zurückkehrt, muss sie jedoch feststellen, dass es diesen Sehnsuchtsort gar nicht mehr gibt: „Und alles fragt, wie ich Berlin denn finde… Wie ich es finde? Ach, ich such es noch!“ Immerhin gibt es noch mal ein kurzes Aufblitzen ihres früheren Erfolges. Das lyrische Stenogrammheft wird neu aufgelegt. Auf ihrer Lesereise durch Deutschland liest sie vor vollen Sälen. „Eine große Freiheit und ruhige Sicherheit ist in Ihren Versen. Ihr Stenogrammheft sagt, dass Sie alles wissen, was Sterblichen zu wissen gegeben“, schrieb Martin Heidegger, den sie 1959 kennengelernt hatte, in einem Brief.

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Maschas Mutter und Bruder 1944 in Tel Aviv © Bürgerstiftung für verfolgte Künste im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen

Kaléko soll den Fontanepreis bekommen, aber sie lehnt ab, da ein ehemaliges SS-Mitglied in der Jury sitzt. Ihre Geradlinigkeit wird jedoch mit Unverständnis der Öffentlichkeit bestraft. Und ihre literarische Karriere ist damit beendet.
Mascha Kaléko gehörte nie zu den Dichtern, deren Namen sich in die erste Reihe der Geschichte gebrannt haben. Mascha taucht in Wellenbewegungen auf und wieder ab. Aber dafür immer mit frischer Begeisterung vonseiten der Leser und Wiederentdecker. Ihre Gedichte lassen sich nicht in Stein meißeln, man kann sie nicht als Verse auf einer Theaterbühne aufsagen. Es sind Zeilen, die von Leben durchdrungen sind, widerborstig und lustvoll. Und die man morgens beim Kakaotrinken liest und abends mit der Zahnbürste im Mundwinkel. Sie sieht die Welt mit einer lachenden Träne im Auge. Und genau die kullert einem dann in den Kakao. Wir schieben das Buch zurück ins Regal. Aber irgendwann liest man zufällig wieder ein Kaléko-Poem:

Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer.
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.

Und dann fragt man sich: Wie konnte ich sie nur vergessen? Kaléko hat nicht nur sechs Leben gehabt. Sie hat sogar noch einige vor sich.

Alle Fotos: Bürgerstiftung für verfolgte Künste im Zentrum für verfolgte Künste, Solingen

Dieser Artikel ist in der Januar/Februar 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen.