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Héroï­nes: Anahita Sadighi

Von , 23. January 2017

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© Anahita Sadighi

“Kunst soll verführen und berauschen” – die Berliner Galeristin Anahita Sadighi ist unsere neue Héroïne

Unser kulturelles Erbe der Vergangenheit mit künstlerischen Ansätzen der Gegenwart zu vereinen, ist auch Anahita Sadighi eine Herausforderung. Jedoch eine, die sich die junge Galeristin zur Lebensaufgabe gemacht hat. Nach ihrem Studium der Islamischen Kunstgeschichte und Architektur und ersten Erfahrungen in der internationalen Kunstbranche wagt sie 2015 mit dem Handel antiker Exponate ostasiatischer und islamischer Herkunft den Schritt in die Selbstständigkeit. Während der Rest der Branche traditionsbehaftet in der Sackgasse festzustecken scheint; wenig gewillt, sich auf die Digitalisierung einzulassen, zeigt die 28-jährige Iranerin, wie der Kunsthandel der Zukunft aussehen könnte und bringt in ihrer Galerie Anahita Arts of Asia in Charlottenburg, Generationen und Kulturen zusammen. Dabei allgegenwärtig: ihre Leidenschaft zur Kunst.

Wann bist Du das erste Mal mit Kunst in Berührung gekommen?
Mein Vater hat mich als Künstler, Sammler und Galerist früh in diese Welt eingeführt. Viele seiner Objekte bildeten geheimnisvolle Anreize für meine Fantasie; er verstand es, sie mit ungeheuerlichen, manchmal erfundenen Geschichten zu spicken und wir nutzten sein Atelier oft als Spielplatz.

Woher kam die Motivation, Dich mit einer eigenen Galerie selbstständig zu machen?
Die Mid-Twenties sind meiner Meinung nach die beste Zeit, etwas aus eigener Kraft zu schaffen und ich wollte meine Erfahrungen und mein Wissen bündeln. Mit einer profunden Ausbildung, Ideen und etwas Tatendrang kann man alles auf die Beine stellen. Mein Credo: Fest daran glauben, es zahlt sich aus.

Deine Galerie ist auch Veranstaltungsraum für Pop-Up Dinner, Poetry Nights und Konzerte. Warum liegt Dir so viel daran, verschiedene Kulturzweige zu verbinden?
Kunst kann man nicht isoliert betrachten, nur so ist eine Herangehensweise, die über das rein Dekorative in der Kunst hinausgeht, möglich. Ich begreife die Galerie als Treffpunkt für Kunstliebhaber, Kulturinteressierte und eine neue Generation von Kunstsammlern. Außerdem liebe ich es, Gastgeber zu sein. Persische Familien haben eigentlich immer Besuch. Das liegt mir also vielleicht auch im Blut!

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© Anahita Sadighi

Deine Sammlung steht für ein Sortiment mit Preisen „von… bis…“, zusätzlich bietest Du ein Finanzierungskonzept an. Warum?
Die Galerie soll traditionell und klassisch aufgebaut, zugleich aber auch zugänglich und modern sein. Die sogenannte “Schwellenangst“ braucht hier niemand zu haben. Ich möchte auch Objekte anbieten, die sich junge Leute leisten können. Zudem ist der Standort nicht zu vergleichen mit New York, London oder Paris. In Berlin feiern neue, flexible Ansätze Erfolg. Dafür liebe ich diese Stadt. Das Finanzierungskonzept finde ich vor allem für junge Kunstinteressierte wichtig, da es ihnen erlaubt, Kunst zu kaufen und sie zu verstehen.

Was würde passieren, wenn sich zukünftig nur noch (finanziell) privilegierte Menschen Kunst leisten könnten?
Der Kunstmarkt würde abheben, Menschen und Künstler würden sich immer mehr voneinander entfremden. Das wäre fatal. Ich beobachte jedoch, dass kultivierte Menschen sich nicht deshalb für Kunstwerke interessieren, um damit zu spekulieren, sondern darauf aus sind, Unbekanntes zu entdecken, das noch bezahlbar ist. Das ist beruhigend.

Im Herbst 2016 hast Du mit Artlokator ein digitales (Verkaufs-)Forum gelauncht, das den Zugang zur Kunstwelt demokratisieren soll. Ist die “Preiswillkür“ im Kunsthandel kontraproduktiv für das Überleben der Branche?
Absolut. Mit Artlokator möchten wir deswegen mehr Transparenz auf dem digitalen Kunstmarkt schaffen. Kunstwerke haben ein Recht auf einen fairen Preis. Dabei stehen die neuen Bedürfnisse der digitalen Generation im Mittelpunkt: Ziel ist es, Verbindungen zwischen Kunstliebhabern weltweit zu schaffen – mithilfe einer modernen, übersichtlichen Plattform. Dazu gehört eine stetig wachsende Datenbank, die insbesondere antike Kunstwerke wieder attraktiv macht.

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© Anahita Sadighi

Wie wird Kunst im digitalen Zeitalter wahrgenommen?
Das digitale Zeitalter bringt Verflachung mit sich, aber auch effizientere und komplexere Arbeitsprozesse. Objekte werden vermehrt nur noch über digitale Medien wahrgenommen, haben auf diesem Wege aber auch eine größere Reichweite. Junge Menschen möchten Teil der Kunstwelt sein und das zugleich im Netz kommunizieren. Durch diese Inszenierung von eingefangenen Momenten und Perspektiven wird der Besucher, und auch der “Follower“, oft selbst zum “Künstler“.

In Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung, wo siehst Du den Online-Kunstmarkt in zehn Jahren?
Er wird in den nächsten Jahren überproportional wachsen. Soziale Medien bieten neue Wege, sich als Galerist, Kunstexperte und -sammler zu artikulieren und zu begeistern. In den nächsten zehn Jahren wird vielleicht digital erschaffene Kunst an Bedeutung gewinnen, Geschäfte werden vermehrt auf digitalem Wege geschlossen. Live-Video Schaltungen und Fotos von virtuellen Galerien und Kunstwerken sind schon nahe Zukunftsmusik!

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© Anahita Sadighi

Du agierst als Schnittstelle zwischen Interieur und Kunst. Mit welchen Interessen siehst du dich häufiger konfrontiert: das Potenzial eines Kunstwerkes, zukünftig im Wert zu steigen, oder die Intention, dekorative Zwecke zu befriedigen?
Wohnungen mit Kunst einzurichten ist eine erfüllende und kreative Tätigkeit. Dekorative Ansprüche zu befriedigen gehört manchmal auch dazu. Ich mag die Vorstellung mit Kunst zu leben und sie nicht hinter geschlossenen Vitrinen und Schränken zu verstecken. Kunst soll ruhig verführen und berauschen. Das Investitionspotential spielt daher eher eine untergeordnete Rolle.

In Zeiten der Krise scheinen vermehrt auch junge Menschen in Kunst investieren zu wollen. Woher rührt dieses gesteigerte Interesse?
Sich mit Kunst zu beschäftigen und mit ihr zu leben, ist ein oft stilles, befriedigendes und andauerndes Glück. Objekte, die unsere ästhetischen Bedürfnisse befriedigen, uns inspirieren, positive Energie schenken, vielleicht Anerkennung verleihen und von Generation zu Generation weitergegeben werden können, scheinen eine sinnvolle Investition zu sein. In Zeiten der Umbrüche und Identitätssuche kann uns gerade die Kunst viel geben.