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Héroï­nes: Oriana Fallaci

Von , 14. March 2017

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Foto: Interfoto

Die Journalistin ORIANA FALLACI zerstörte im Alter ihren guten Ruf. Sie schrieb über die Terroranschläge vom 11. September und verschreckte ihre Leser mit islamophoben Äußerungen. Eine ausgezeichnete Reporterin war sie trotzdem. Ihr Werk ermutigt Frauen, sich einzumischen

12. September 1979. Ayatollah Ruhollah Khomeini sitzt im Schneidersitz auf einem karierten Teppich und schaut konzentriert auf seine sehr schönen Hände. Er wirkt ermüdet. So wird er sich das nicht vorgestellt haben. Als er, der neue Machthaber des Iran, sich fünf Monate nach dem Ende der Revolution, fünf Monate nach dem Sturz des Schahs und der Errichtung der Islamischen Republik entschied, endlich mit einem Vertreter der westlichen Presse, einen der “Bösen” zu sprechen, wird er gedacht haben, einen besonders klugen Schachzug zu machen. Statt eines Mannes lud der Imam eine Frau zum ersten großen Gespräch nach Ghom. Oriana Fallaci, die Auserwählte, muss ihm als geniale Kandidatin erschienen sein: Sie ist weltberühmt, fast jedes ihrer Interviews für den italienischen Corriere della Sera wird von allen großen Zeitungen der Welt übersetzt, und die Dame ist, so lassen sich ihre Texte lesen, keine Freundin des gestürzten Schahs. Sie bezeichnete ihn als “Hund”.

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Foto: Interfoto | Damals noch mit Schreibmaschine: Die Autorin zog sich zum Schreiben gerne zurück in ihr Haus in Lamole, in den Bergen von Chianti, bei Florenz (1979)

Khomeini wird eine gewisse Milde von ihr erwartet haben, doch stattdessen kniet die zierliche Fallaci, wie gefordert barfuß und in einen tiefschwarzen Schador gehüllt, seit zwei Stunden in einem dunklen Zimmer der Faizeyah Koranschule und bombardiert ihn mit ungemütlichen Fragen: “Imam Khomeini, das gesamte Land liegt in Ihren Händen. Ihre Entscheidungen sind Gesetz. Viele hier sagen, die Revolution habe keine Freiheit gebracht. Was sagen Sie?” – “Verzeihen Sie, Imam, aber im Iran herrscht derzeit die Angst. Die Menschen bezeichnen Sie als Diktator. Macht Sie das traurig oder ist Ihnen das egal?” – “Unsere Priester singen und trinken. Sagen Sie also, der Papst ist ein Sündiger?” – “Lassen Sie uns über die Kurden sprechen, die ermordet werden, weil sie ihre Unabhängigkeit fordern.” – “Finden Sie es richtig, eine Frau zu töten, weil sie ihrem Mann untreu ist, einen Mann zu ermorden, weil er einen anderen Mann liebt?”

Sie lässt einfach nicht locker. Je mehr der Machthaber versucht, ihren präzisen Fragen auszuweichen, umso hartnäckiger bohrt sie nach. Als sie endlich bei ihrem Lieblingsthema, dem Recht der Frauen, ankommt und fragt: “Weshalb zwingen Sie Frauen sich unter diesen unbequemen, absurden Stoffbergen zu verstecken?”, platzt dem Imam endgültig der Kragen. Das sei nun wirklichnicht ihr Problem, meint er. Wenn ihr die islamistische Mode nicht gefalle, müsse sie sie ja nicht tragen, sie sei ohnehin für junge, tugendhafte Frauen, nicht für solche wie sie gedacht. Da wischt sich Fallaci, radikal und theatralisch wie immer, den Stoff vom Kopf, schaut dem Imam in seine vor Schreck gehobenen Augen und sagt: “Sie haben recht, danke, dass Sie das sagen, dann ziehe ich dieses mittelalterliche Kostüm jetzt aus. So. Sehen Sie. Nur noch eine Frage: Sagten Sie gerade, eine Frau wie ich, die immer unter Männern gelebt und sich nie verschleiert hat, sei unmoralisch, verwegen und unrein?” – “Das überlasse ich Ihrem Gewissen”, antwortet er trocken und verlässt den Raum. Das Gespräch ist damit beendet. Und legendär.

Es passiert nicht oft, dass man politische Interviews liest und dabei gerne laut jubeln oder klatschen oder noch lieber den Interviewer anrufen würde, um ihm zu gratulieren, dass er, in diesem Fall sie, die Kunst des Nachhakens so glanzvoll und unterhaltsam beherrscht. Doch bei Oriana Fallacis berühmten Interviews mit der Geschichte (so heißt die Sammlung ihrer Gespräche), die sie vor allem während der sechziger und siebziger Jahre mit den großen Machthabern ihrer Zeit führte, passiert einem das andauernd.

Jedes dieser Interviews ist ein Meisterwerk an Inszenierung, Präzision und Ausdauer. “Ich bereite mich auf jedes Interview vor wie auf einen Kampf”, sagte die 2006 verstorbene Autorin einmal, und das merkt man. Sie kämpft bis zum Ende, sie scheint sich vor nichts und niemandem zu fürchten. Egal, wie mächtig ein Mann ist, Oriana scheut sich nie davor, ihn seiner Verantwortung zu stellen. Ein paar Monate nach dem Treff en mit Khomeini sitzt die »italienische Königin des Journalismus« Kolonel Gaddafi in Tripolis gegenüber. Libyen steht gerade im Zentrum der internationalen Kritik, die USA drohen mit einem Ende der Beziehungen, da fragt Fallaci: “Herr Oberst, wissen Sie eigentlich, wie unbeliebt Sie sind?” Und antwortet einfach selbst: “Wegen Ihres Hobbys, den internationalen Terrorismus zu finanzieren.”

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Foto: Interfoto | Oriana Fallaci und Alekos Panagoulis

Selbst allgemein gemochte Staatsmänner müssen sich vor ihr fürchten. Etwa Lech Walesa, der Solidarnosc-Anführer und erste Präsident des freien Polens, den sie fragt: “Hat man Ihnen eigentlich schon einmal gesagt, dass Sie eine verblüffende Ähnlichkeit mit Stalin haben? Also ich meine vom Aussehen!” Henry Kissinger stürzt die Begegnung mit ihr in eine regelrechte Krise. Vielleicht durch ihre angenehme und fragile Erscheinung getäuscht, lässt er sich 1972 dazu hinreißen, den Vietnamkrieg für sinnlos und seine eigene Beliebtheit mit folgenden, sehr umstrittenen Worten zu erklären: “Den Amerikanern gefällt der Cowboy, der die Kolonne führt, indem er allein mit seinem Pferd voranreitet; der Cowboy, der ganz allein in die Stadt, ins Dorf geht, nur mit seinem Pferd und sonst nichts.”

In den USA wurde Oriana durch diesen Satz endgültig zur Ikone, Kissinger verlor an Glaubwürdigkeit. In seinen Memoiren beschreibt er das Interview als seinen größten Fehltritt mit der Presse. Und er wird nicht der einzige sein, dem es so erging. Lange bevor man Staatschefs fragen konnte, welche Unterhosenmarke sie gerne tragen, überrumpelt sie Willy Brandt zwischen zwei ernsten politischen Fragen mit einer persönlichen: “Weinen Sie eigentlich manchmal, Herr Brandt?”

Ehrfurcht und Autoritätstreue sind der geborenen Florentinerin bereits in ihrer Kindheit ausgetrieben worden. Als der Krieg 1940 über Italien hereinbricht, ist Oriana Fallaci gerade einmal zehn Jahre alt. Ihr Vater, ein engagierter Antifaschist, führt eine Resistenza-Gruppe an, seine kleine Tochter wird Mitglied, eine Botin für Nachrichten, Flugblätter, manchmal auch Waffen. Einmal soll sie eine Granate in einem Salatkopf versteckt und mit ihrem kleinen Rad durch die Stadt gefahren haben. Nach der Befreiung von Florenz 1944 wird sie als jüngster Soldat aus dem Corpo volontari della libertà entlassen. Vielleicht erklärt diese Vergangenheit das Engagement ihrer Familie, der gelebte Glaube, für die Gerechtigkeit müsse man alles opfern, im Zweifel auch das eigene Leben. Mitte 1967 beschließt Fallaci plötzlich, nach Saigon zu reisen, um über den Vietnamkrieg zu berichten.

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Foto: AKG; action press | Die Journalistin als Kriegsreporterin mit Zigarette, Helm und Militärjacke.

Damals ist Oriana Fallaci mit 38 Jahren bereits eine bekannte Reporterin, kriegserfahren ist sie jedoch nicht. Nach schweren Anfängen, als einzige Frau in der Redaktion des römischen Magazins L’Europeo, bei dem sie sich fühlt wie “ein Schwarzer, den man ins Weiße Haus lässt” (wenn sie wüsste!), macht sie sich recht schnell als Beobachterin der Cinecittà einen Namen. Hübsch wie sie ist, nimmt man sie im Filmmilieu gerne auf. Oriana ist auf allen Partys, Dinners und Premieren, sie berichtet in der Glanzzeit des italienischen Kinos über Fellini, Pasolini, Mastroianni und Co.

Und weil ihre Texte so gut ankommen, schickt ihre Zeitung sie nach Hollywood. Dort schreibt die noch ganz junge und erstmals von Italien getrennte Oriana herrlich witzige und gemeine Berichte über die Schönen und Reichen des kalifornischen Hügels. Durch ihre Zeilen weht ein leichter Dorothy-Parker-Wind, etwas von diesem alle und alles entlarvenden, erbarmungslosen Stil, den man später in ihren Interviews wiederfi ndet. Wirklich sympathisch sind ihr, bis auf Jayne Mansfi eld, nur wenige. Die Schauspielerinnenzunft langweilt sie schrecklich, sie findet sie hohl
und affektiert. Von Kim Novac etwa sagt sie, sie sei entsetzlich blöde, Elvis sei ein arroganter Trottel und Orson Welles: “Was für ein Unsympath!” Als sie, um ihn zu ärgern, auf einer Party direkt neben ihm in den Pool springt und seinen Anzug ruiniert, lädt der sie zum Essen ein, ganz entzückt vom “italienischen Biest”. Als sie im Jahr darauf ihr erstes Buch Die sieben Sünden von Hollywood veröffentlicht, schreibt Welles im Vorwort: “Oriana Fallaci hat einen durchdringenden toskanischen Blick. Gut, dass sie ihn eine Zeit lang auf unsere Karawanserei gerichtet hat.”

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Foto: AKG; DDP Images | Oriana Fallaci gemeinsam mit Paolo Pasolini und Camilla Cederna in Venedig

Doch Oriana will etwas ganz anderes. Seitdem sie klein ist, träumt sie davon, ein weiblicher Jack London zu werden, sie will die Welt bereisen, dort sein, wo Geschichte geschrieben wird, jenen eine Stimme geben, die keine haben. Manche lachen über ihr emphatisches Mitgefühl, ihren Drang, sich für die Benachteiligten und Unterdrückten einzusetzen. Doch Fallaci will sich engagieren. Besonders für die Frauen. Mit 28 Jahren, in Italien bereits berühmt, zieht sie unter dem Arbeitstitel Wie leben Frauen außerhalb von Europa los. Sie bereist die halbe Welt, zieht von Pakistan, Indien, Malaysia, Indonesien nach Japan, von Hawaii nach Hong Kong und in die Türkei. Sie schreibt von “Musliminnen, die keine Kopftücher tragen, also ebenso frei, respektiert und unglücklich sind wie wir in Europa”, denkt über den Wert und Preis der Freiheit nach, darüber, wie schwer es ist, das richtige Maß zu fi nden und versammelt ihre Erkenntnisse, wie bereits zuvor, in einem Buch: Das unnütze Geschlecht. Wo lebt die Frau am glücklichsten? Damit wird sie weltberühmt.

Doch erst ihre Zeit als Kriegsreporterin, dieser an Mut, Kühnheit und auch ein bisschen an Wahnsinn kaum zu übertreff ende Entschluss, sich ihren Traum zu realisieren und ohne jede Erfahrung als Frau nach Saigon zu gehen, macht sie endgültig zum Star. Vielleicht weil ihre Berichte aus Vietnam nicht wie die einer unbeteiligten Beobachterin, sondern wie die eines schreibenden Soldaten klingen. Anders als die meisten Journalisten bleibt Fallaci nicht in den Hotels sitzen und schreibt Depeschen ab. Sie begleitet die Truppen auf ihren Missionen, sitzt tagelang mit ihnen in Gräben, schläft mit ihnen unter freiem Himmel und gerät in den Kugelhagel der Vietcongs. Sie spricht mit allen Fronten und belagert das Büro der französischen Presseagentur AFP mehr oder weniger Tag und Nacht – immer auf der Suche nach der nächsten Geschichte, dem nächsten Scoop. Ein Kollege erinnert sich: “Die besten Geschichten gingen immer an Oriana.” Die bekannteste davon ist ihr einfühlsames Interview mit Võ Nguyên Giáp, dem Oberbefehlshaber der Nordvietnamesischen Volksarmee. Es wird von allen großen europäischen und amerikanischen Zeitungen übernommen und ist der Auftakt der großen Fallaci-Interviews.

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Foto: Interfoto | Das Porträt entstand in ihrem Haus in Lamole

Fragt man heute italienische Journalisten, sehen sie Orianas wichtigsten Beitrag meist hier: In der Neupositionierung der Frau in der Gesellschaft. “Sie hat dem Journalismus ein weibliches Gesicht gegeben”, sagt Stefano Montefiori, Paris-Korrespondent der Zeitung Corriere della Sera, für die auch Fallaci arbeitete. Nicht nur habe sie es Frauen ermöglicht, diesen bis dahin rein männlichen Job zu übernehmen und ihn bis in seine “männlichsten” Ecken, bis in den Krieg, auszuführen. Sie habe auch eine weibliche Stimme, einen weiblichen Blick eingeführt. Denn am Ende beschreibt sie die Welt zwar sachlich und faktentreu, aber auch immer aus ihrer Perspektive, aus der Sicht einer Frau. Nicht nur in ihren stark subjektiven Artikeln, sondern vor allem auch in ihren Büchern. Allen voran Brief an ein nie geborenes Kind.

In diesem 1975 in Italien erschienenen Monolog beschreibt sie, eine werdende Mutter, Jahrzehnte vor Regretting- Motherhood-Debatten, in sehr klaren, schonungslosen Worten, wie schwer es für eine emanzipierte Frau sei, sich für die Mutterschaft zu entscheiden. Wie beängstigend es sein kann, die schwer errungene Freiheit aufzugeben. Anders als etwa Simone de Beauvoir lehnt sie die Mutterschaft nicht ab, sondern analysiert den Rollenkonflikt und appelliert, wie immer, an das kritische “Bewusstsein”. Feministin sei Oriana aber nicht gewesen: Sie war keine Ideologin, dafür war sie viel zu frei. Statt den Feminismus zu theoretisieren, hat sie ihn gelebt. Durch ihre Worte, ihren Mut und ihre Integrität.

Dieser Artikel ist in der März 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen