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Héroï­nes: Malgorzata Szumowska

Von , 11. May 2017

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Malgorzata Szumowska © Krzysiek Krzysztofiak

Ihr Erfolg ist international, ihre Filme sind universell – und dabei doch ganz und gar geprägt von ihrer polnischen Heimat: die Regisseurin Malgorzata Szumowska über den Rechtsruck in Polen, Vorhänge in den Köpfen und ein ganz besonders peinliches T-Shirt

Ihre erste Begegnung mit dem, wie sie es nennt, “anderen Standard” machte Malgorzata Szumowska mit 24 Jahren. Damals, keine zehn Jahre nach dem Niedergang des Kommunismus, hatte gerade die erste Benetton-Filiale in Polen eröffnet. Die junge Regisseurin, deren Kurzfilme für die Filmschule in Lodz bereits kleine Erfolge feierten, war nach Rotterdam zum Filmfestival eingeladen worden. Und was trug sie? Natürlich ein T-Shirt mit gigantischem Benetton-Aufdruck. Stolz wie ein Pfau sei sie auf dieses Shirt gewesen, sagt sie, für sie war es ein Zeichen der Zugehörigkeit zum Westen, doch dann kam jemand und erklärte ihr, das sei so, na ja, eben nicht besonders schick. Heute, 20 Jahre, einen EU-Beitritt und viele Filmpreise später, kann sie herzlich lachen über ihr junges Selbst, damals war sie “natürlich enttäuscht”.

Malgorzata Szumowska sitzt im Café des Kinos Iluzion in Warschau und nippt an ihrem Flat White. Sie trägt einen schwarzen Kaschmirpulli, weite Jeans, Stiefel, um ihr Handgelenk glänzt eine schwarz-goldene Cartier-Uhr. Sie erzählt diese Anekdote aus jener Zeit, in der sie ihre ersten Schritte raus aus Polen, rein in die internationale Filmwelt machte, um ihren Punkt zu illustrieren: “Obwohl der Eiserne Vorhang gefallen war, hatten wir einen Vorhang in unseren Köpfen.” Wenige ihrer Altersgenossen hätten die offenen Grenzen sofort genutzt, wenige hätten sich getraut, nach draußen zu gehen, besonders in der Filmwelt, besonders als Frau. Man habe überhaupt nicht gewusst, was einen da draußen erwartet, man sprach ja noch nicht einmal Englisch. Ein anderes Beispiel für die Abgeschiedenheit, die lange, ihrer Meinung nach bis heute, in den Köpfen verankert geblieben ist, ist ihre Reaktion auf ihre erste Nominierung für den European Film Award im Jahr 2000. “Ich wusste noch nicht einmal, was das ist. Da kam dieser Brief, der sagte, ich sei für Happy Man nominiert, und ich hatte keine Ahnung, was die überhaupt von mir wollen!”

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© Krzysiek Krzysztofiak | Szumowska in ihrer Heimat Warschau. Bei aller Sorge um die politischen Entwicklungen: Sie will hierbleiben

Mittlerweile weiß sie, die einzige international erfolgreiche polnische Regisseurin ihrer Generation, ziemlich genau, was man von ihr will. Sie ist ein Profi der Selbstinszenierung und des Geschichtenerzählens, sie redet viel und lebhaft, fuchtelt mit den Händen, zieht Grimassen und imitiert Stimmen. Etwa dieses Uber-Fahrers, der ganz erstaunt darüber zu sein schien, dass diese Malgorzata Szumowska ganz hübsch und gar nicht steinalt ist: “Man sagt, Sie seien diese grässliche alte Frau, die skandalöse Dinge im Radio sagt und einen ganz jungen Mann verführt hat.” Sie lacht laut: “Die Leute hier sind wahnsinnig konservativ. Dass mein Mann 13 Jahre jünger ist, sehen sie als Zeichen meiner Verdorbenheit. Für sie bin ich eine haarige Feministin.” Sie erzählt von früher, ihrer Kindheit im Kommunismus, davon, dass sie, eben weil sie ein Kind war, fast nur schöne Erinnerungen hat, ihre Eltern, ein legendärer Dissident und Journalist und eine berühmte Kinderbuchautorin, allerdings sehr gelitten hätten. Einmal sei das amerikanische Fernsehen in ihrer Siedlung vorbeigekommen, um eine kleine Doku über ihren Vater zu drehen. “Ich fand das sehr bizarr, diese Menschen mit ihren Kameras. Zum Abschied bekamen wir Kinder alle Kennedy-T-Shirts, das war toll.”

Ihr Interesse fürs Kino wurde allerdings im Fernsehen geweckt, durch Filme von Bergman, Tarkowski, Visconti, Bertolucci. Und nicht zuletzt durch eine Frau, die russische Filmemacherin Larisa Shepitko. “In der Filmschule in Lodz hatten wir ein kleines Kino, dort schauten wir den ganzen Tag Filme, rauchten und tranken. Eines Tages lief L’Ascension von Shepitko, ein wahnsinnig guter Film, und im Vorspann hieß es: ‘Goldener Bär, 1977’. Das hat mich sehr berührt, da habe ich beschlossen, irgendwann auch einen Bären zu gewinnen.” Irgendwann kam 2015: Szumowska bekam für ihr komödiantisches Drama Body einen Silbernen Bären.

Wie bereits ihr vorheriger Film, In the Name of, mit dem sie 2013 auf der Berlinale einen Teddy-Award gewann, ist auch Body ein faszinierendes Zwitterwesen: auf der einen Seite universell gültig (es geht um Magersucht, Kommunikationsstörungen zwischen Vater und Tochter, Religion, Trauer), dann aber doch, wie sie auch selbst sagt, “sehr polnisch”. Ästhetisch durch den leichten Grauschleier, der über allem klebt, durch die endlosen Gänge, die dunklen Einfahrten, eine Art zu schneiden und zu erzählen, die suggeriert: Hier lauert etwas, die Dinge sind nicht, wie sie scheinen, es ist komplex. Und natürlich thematisch durch die Omnipräsenz der Kirche, des Aberglaubens, des Traditionalismus. “Polen ist für mich wie eine Schatztruhe”, sagt sie, “eine endlose Inspirationsquelle. Ich könnte niemals die Filme machen, die ich mache, würde ich nicht hier leben. Polen ist ein wilder, ein barbarischer Ort. Das treibt mich an.”

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Malgorzata Szumowska © Krzysiek Krzysztofiak

Die politische Lage ihres Landes treibt sie eher um. Sie sei besorgt, sagt sie. Seit die rechtskonservative Partei PiS an der Macht ist, weht ein neuer Wind beim “Musterschüler der EU”. Nicht, dass Polen seit dem Niedergang der Volksrepublik jemals wirklich links regiert worden sei, doch die Regierung von Jaroslaw Kaczynski setze den Fokus ganz neu. “In den Schulen haben sie das gesamte Programm geändert. Schriftsteller wie Gombrowicz wurden rausgeschmissen, dafür erzählen sie die Geschichte jetzt als nationales Epos, in dem der Flugzeugabsturz von Smolensk ein russisches Attentat ist und alle Institutionen von kommunistischen Spionen infiltriert sind. Das ist Wahnsinn. Europa, der Rest der Welt: alles egal. Das interessiert sie nicht.” Szumowskas In the Name of über einen schwulen Priester und Pawel Pawlikowskis Oscar-prämierter Film Ida über die antisemitische Vergangenheit des Landes dürfen im Fernsehen nicht mehr gezeigt werden. “Ihr größter Feind ist der Kommunismus, dabei sehen sie anscheinend nicht, dass sie handeln wie damals in der Volksrepublik.”

Trotzdem, Warschau verlassen ist keine Option. Diese schwierige Zeit sei ja auch eine Inspiration, und das Problem sei am Ende natürlich auch, dass PiS sich zwar nicht für Europa, aber Europa sich auch nicht für Polen interessiere. Umso schöner und symbolisch stark ist es, dass der European Film Award, den sie vor 16 Jahren nicht kannte, in diesem Jahr in Polen, in Breslau, vergeben wird: Zwei Tage nach unserem Treffen steht sie dort auf der Bühne, Body wurde mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Sie streckt den Pokal wie ein Schwert in die Luft und jubelt: “Yes, Poland is part of Europe!”

Dieser Artikel ist in der April 2017-Ausgabe von L’Officiel erschienen