Lifestyle

Legende: Helen Gurley Brown

Von , 24. January 2017

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Helen wurde 1965 Chefredakteurin, ohne je für ein Magazin gearbeitet zu haben – ihr Team war anfangs not amused © Ann-Zane Shanks

Helen Gurley Brown kämpfte ein Leben lang für die Sache 
der Frauen. Wenn auch auf sehr andere Weise als ihre Zeitgenossinnen. Jetzt wurde ihre Geschichte neu geschrieben

Eine Szene werde ich auf immer mit Helen Gurley Brown verbinden. Sie spielt in ihrem Büro, wir schreiben das Jahr 1995, ich bin angetreten, um mir als künftige Chefredakteurin der deutschen Ausgabe des Magazins Cosmopolitan ihren Segen abzuholen.

Helen kommt in ihren eiligen, kleinen Schritten auf mich zu, ein weiter Weg in ihrem großzügigen Büro, das mich spontan an das Schlafzimmer von Elizabeth Taylor in Vater der Braut erinnert. Sie küsst mich auf beide Wangen, sagt: „Welcome to the Cosmopolitan family“, und dann: „Are you married?“, worauf ich überrumpelt stammle: „No, but I am engaged“, und sie zurückgibt: „Even better, then you have still time to work on your forehead.“ Sie holt die Druckfahnen einiger Seiten der nächsten Ausgabe von ihrem Schreibtisch und überreicht sie mir feierlich – hier stehe alles drin, was ich wissen müsse, zum Beispiel helfe schlichtes Paketklebeband fantastisch, wenn gerade nichts anderes zur Hand sei, um über Nacht eine faltige Stirn zu glätten. Und während ich noch leicht fassungslos auf die Überschrift starre: „Early Wrinkles – How You Can Work Against Them!“, kommt schon die nächste Ansage: „Du behältst natürlich deinen Namen!“ Worauf ich, schon wieder perplex, etwas von romantischer Entscheidung stottere, doch seinen Namen annehmen… und Helen mir ins Wort fällt: „No way! Eine Frau muss ihren Namen behalten. Um jeden Preis!“

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Helen Gurley Brown war zu diesem Zeitpunkt bereits seit 30 Jahren Chefredakteurin der amerikanischen Cosmopolitan. Unter ihr wurde die angestaubte Hausfrauenzeitschrift zum monatlichen Regelwerk für Single-Frauen zwischen 18 und 38 – oder wie es Reese Witherspoon in Natürlich blond auf den Punkt bringt: „The Bible“. Während die Cosmopolitan inzwischen in über 50 Länder auf der ganzen Welt exportiert wurde, wachte Helen als unser aller Ober-Chefredakteurin über ihre ganz persönliche Formel für weibliches Glück. Bei regelmäßigen New-York-Besuchen und auf internationalen Konferenzen, die dieser ersten Begegnung folgen sollten, erlebten wir jüngeren Kolleginnen immer wieder, wie dickköpfig Helen Gurley Brown diese Formel gegen jede Spur moderneren Zeitgeistes durchsetzen würde.

In Helens Werteskala war das höchste Glück jeder Frau natürlich, einen tollen Mann zu finden. Diesen als solchen zu erkennen, dann Strategien zu entwickeln, ihn zu betören, später wiederum: ihn zu halten – davon handelten pro Ausgabe gut ein Drittel aller Geschichten. Gleich danach folgte ihr Credo für finanzielle Unabhängigkeit, in Helens Augen kein notwendiges Übel, sondern der Schlüssel für Selbstbewusstsein und Attraktivität. Sie war zutiefst davon überzeugt, dass für eine Frau ein Leben ohne Mann für immer unerfüllt sein würde, legte aber gleichzeitig Wert darauf, dass jede Frau ihren Alltag auch ohne diesen Mann bewältigen könnte. So stand in einer einzelnen Ausgabe ein Artikel unter dem Motto „Warum (schluchz!) er nicht angerufen hat und wie (Aha!) ich ihn dazu bringe!“ und einige Seiten weiter ein anderer unter der Überschrift „Was man wissen muss, wenn man einen Gebrauchtwagen kauft“.

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Helen erkannte früh die Macht des Fernsehens – nie trat sie ohne perfektes Make-up vor die Kameras © Ann-Zane Shanks

Die junge Helen Gurley war selbst Mitte der Fünfzigerjahre aus verarmten Verhältnissen von Arkansas nach Los Angeles gezogen, um ihr Glück zu machen. Der Vater früh verstorben, die Schwester an Polio erkrankt, die Verhältnisse zu Hause mehr als bescheiden, begann sie als Sekretärin und bald Texterin in einer Werbeagentur – nicht unähnlich den Figuren, die wir aus der Serie Mad Men kennen. Und wie eben eine Peggy Olsen hatte sie Talent, wusste aber auch, dass von jungen Frauen ihrer Generation vor allem erwartet wurde, dass sie eine stattliche Oberweite hatten und sich von ihren Chefs oder Kollegen zwischen zwei Jobs auf einer der Büro-Couches verführen ließen.

Helen sah sich selbst ein Leben lang als „Mouseburger“, fand sich immer unscheinbar bis hässlich – aber sie hatte nichts gegen Sex am Arbeitsplatz, und was noch wichtiger war: Sie hatte überhaupt gern Sex. Natürlich wollte sie heiraten, aber wenn auf der Suche nach dem richtigen Mann Sex mit falschen Männern zu besseren Jobs, schöneren Apartments und vielleicht sogar einem schicken Mercedes-Cabrio verhalf: Warum nicht?

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Das Portrait von Helen Gurley Brown steht seit über zwanzig Jahren im Büro von Lisa Feldmann

Als sie dann tatsächlich ihren „Mister Right“ traf, einen frischgeschiedenen Filmproduzenten mit veritabler Villa in einem Nobelvorort, wartete sie zwei Jahre bis zum ersten ernsthaften Date; sie wollte sicher sein, nicht als Trostpflaster-Starlet nur eine Episode im Leben dieses David Brown zu sein. Sie wollte einen Mann treffen, der wieder bereit war, sich ernsthaft zu binden. Und zwar an sie.

Dass ein Filmproduzent Anfang vierzig, auf dessen Schoß sich hin und wieder Marilyn Monroe ausweinte, unter den jungen Frauen von Los Angeles die große Auswahl hatte, war ihr klar. Helen war inzwischen Mitte dreißig, eine zierliche Person, die ihr Haar gern unter einer Perücke versteckte und ihre unreine Haut unter fingerdickem Make-up. Aber sie hatte genug Erfahrung mit Männern – und in ihren zahlreichen Affären gelernt, worauf es ankommt: zuhören können. Neben ihren nicht unbedeutenden Talenten im Bett gefiel sie David Brown außerdem wegen der Qualitäten, die sie nicht hatte: keine Schulden, keinen Ex-Mann, keine Kinder und keine Familie, die in der Nähe wohnte.

Ihre Heirat 1959 markiert den Beginn einer einzigartigen lebenslangen Liebe und Geschäftsbeziehung. Kurz nachdem Helen in die Villa eingezogen ist, die, wie sie feststellen muss, leider nur gemietet war, entdeckt David in ihrer Abwesenheit Briefe, die sie an einen ehemaligen Lover geschrieben hat. In den ausgesprochen offen und pointiert formulierten Texten erkennt der Mann, dem Steven Spielberg seinen ersten Blockbuster Der weiße Hai verdankt, ihr Talent und animiert sie, aus ihren Erfahrungen als junge, unverheiratete Frau eine Art Ratgeber-Buch zu machen. Sex And The Single Girl wird ein nationaler Bestseller, auch weil Helen das provokante Buch freimütig in Talkshows und Zeitungsinterviews promotet.

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Dass zu Beginn der Sechzigerjahre aus einer jungen Journalistin mit geschiedenen Eltern die Ehefrau des ersten katholischen Präsidenten der Vereinigten Staaten werden kann, befeuert Helens These: Nicht verheiratet sein muss auch mit Mitte zwanzig kein Stigma sein – jede Single-Frau kann alles schaffen, wenn sie nur hart genug daran – an sich – arbeitet.

Ihre Berufung zur Chefredakteurin von Cosmopolitan scheint nach ihrem Bestseller nur logisch, allerdings macht sich die Welt – und die Frauen darin – gerade auf zu einem noch entscheidenderen Schritt: Ab 1965 nimmt die Frauenbewegung in den USA an Fahrt auf. Und Helens Cosmopolitan wird auf bizarre Weise gleichzeitig Förderer und Feind ihrer Geschlechtsgenossinnen.

So lässt sie sich von Betty Friedan in eine Kampagne für die Legalisierung von Abtreibungen einspannen, weil sie zutiefst davon überzeugt ist, dass eine Frau selbst und kein Gesetz dieser Welt eine solch schwerwiegende persönliche Entscheidung treffen soll. Gleichzeitig nehmen ihr Aktivistinnen wie Bella Abzug oder Kate Millett ihre Männerfixierung übel. Als 1971 in der intellektuellen New Yorker Journalistenszene um Gloria Steinem und Brenda Feigen Fasteau das erste Frauenmagazin konzipiert wird, das mit althergebrachten Rollenklischees aufräumen will, einigt man sich rasch darauf, dass es hier um die Unterstützung einer tatsächlich unabhängigen Frau gehen soll. Und nicht eine, die versucht, mit tiefem Ausschnitt und frisch geföhntem Haar, den Mann ihres Lebens zu finden. Als ein Anzeigenkunde nachfragt, wo sich dieser neue Titel namens Ms denn genau sehe, im Vergleich zu, zum Beispiel, Cosmopolitan, kam als Antwort: »Denken Sie an Cosmopolitan als Gift und an uns als das Gegengift.«

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Die Journalistin Gloria Steinem schrieb zunächst für Helen und wurde dann einer ihrer größten Kritikerinnen © Ann-Zane Shanks

Dass wir heute nicht mehr ganz so simpel, so schwarz und weiß, auf das Lebenswerk von Helen Gurley Brown im Gegensatz zur Bewegung der „Frauenbefreiung“ in den frühen Siebzigerjahren schauen, verdanken wir auch einem Buch, das gerade in den USA erschienen ist.

In Enter Helen, einer im Übrigen höchst unterhaltsam geschriebenen Biografie, setzt die Autorin Brooke Hauser die Errungenschaften dieser bemerkenswerten Einzelperson immer wieder in Beziehung zu der Welt, die sich für die Frauen während ihres Lebens so radikal ändern sollte. Und es wird mehr als deutlich, dass sie auf ihre atemlose, manchmal belustigende, immer engagierte Weise diesen neuen Weg mitbereitet hat; Kritiker von Washington Post bis Lenny Letter sehen das Mädchen aus Little Rock in Arkansas jetzt in neuem Licht.

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ENTER HELEN, Brooke Hauser, 462 Seiten, ca. 24 Euro

Wer wissen will, wie Helen das selbst eingeschätzt hätte, sollte vielleicht auf dem Friedhof ihres Heimatortes einen Blick auf die beiden Grabsteine werfen, die neben denen ihrer Mutter und Schwester das Familiengrab ausweisen. „Helen Gurley Brown“, steht auf dem einen, „Married to David Brown, Daughter of Ira Gurley and Cleo Sisco Bryan, Sister of Mary Gurley Alford“. Und auf dem anderen: „David Brown. Married to Helen Gurley Brown“.

Das Buch ENTER HELEN von Brooke Hauser, Harper Collins, 462 Seiten, wurde im April 2016 veröffentlicht

Dieser Artikel ist in der Oktober 2016-Ausgabe von L’Officiel erschienen.