Lifestyle

Essay: #Feminismus

Von , 18. October 2016

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© Ricarda Messner

Unsere Autorin Ricarda Messner fragt sich: Wenn wegen Beyoncé tausende Mädchen T-Shirts mit dem Aufdruck „Feminist“ kaufen, ist das gesellschaftlicher Fortschritt oder Ausverkauf der Idee? 

Vor ein paar Wochen traf ich zufällig einen alten Bekannten bei einer Restauranteröffnung, und irgendwann teilte er mit mir folgende Observation: „Du bist ja jetzt voll pro Frauen-Themen, postest immer richtig viel auf Instagram und Facebook – aber ist ja auch trendy.“

Und da war er wieder, so ein Moment aus dem Nichts, bei dem man erst im Nachhinein merkt, dass man ganz viel hätte sagen und fragen wollen. Was er denn genau mit dem Wort „trendy“ meint; fühlt er sich sogar genervt von dem anscheinend omnipräsenten Thema? Leider bestand meine Antwort nur aus einem leicht verwirrten Lächeln und bestätigendem Kopfnicken: „Ja, ist doch gut, oder nicht?“ In den darauffolgenden Wochen habe ich mich erstmalig als Feministin hinterfragt und die Trendy-Bemerkung als indirekten Vorwurf verstanden.

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© Ricarda Messner

Meine aktuelle Abendlektüre, die mir helfen soll zu verstehen, was das Problem mit dem Trend und Feminismus ist, heißt We Were Feminists Once von Andi Zeisler. Schon die ersten Seiten machen klar, worauf die Autorin hinauswill: Die Popkultur, insbesondere die amerikanische, hat den Feminismus inzwischen als erfolgreiches Vermarktungsmittel entdeckt. Zeisler ist selbst prominente Figur der Bewegung, sie ist die von mir bewunderte Gründerin des bekannten Magazins Bitch, das sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Wechselwirkung zwischen Feminismus und Popkultur im Detail zu beobachten.

Willkommen im Jahr 2016. Der ach so böse Kapitalismus spürt Trends auf und macht auch nicht Halt vor sozialen, kulturellen Bewegungen. Popstars à la Beyoncé und Unternehmen haben den Trend verstanden und positionieren sich damit im Markt. Eine Katy Perry verkauft ihr Parfum als süß, sexy und feministisch, bei Chanel liefen/ demonstrierten die Models vor zwei Jahren im bekannten Kostüm den Laufsteg herunter, die Hände nicht mehr am Körper entlangschleifend, sondern mit Plakaten wie Ladies First oder History is her Story, und auch eine Emma Watson schafft es mit ihrer HeForShe-Initiative in das Forum der UN. Der Feminismus ist für viele im Showbusiness zur individuellen Marketingstrategie geworden, es ist das Buzzword des Moments. Aber hey, es gibt definitiv eine schlimmere Agenda, für die sich Celebrities einsetzen könnten, egal welche Motivation ihr zugrunde liegt.

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© Marcio Madeira

Feminism sells ist das neue Sex sells. Selbst der amerikanische Playboy verzichtet seit letztem Jahr auf Nacktbilder in alter Manier und definiert sein Frauenbild neu. Ich gehöre nun mal zu der Generation, die T-Shirts einer Petra Collins mit menstruierenden Vaginen von American Apparel kauft und aus Überzeugung lautstark die Lyrics von Beyoncés Flawless mitsingt, in denen Zeilen aus Adichies wichtigem Essay We Should All Be Feminists zitiert werden. Ich möchte auch an dieser Stelle dem Kapitalismus meinen Dank zollen, da durch sein System ein größerer Marktplatz für die Bewegung entstanden ist, in dem auch Phänomene wie die Kardashians ein wichtiger Bestandteil für ein neues feministisches Frauenbild geworden sind.

In den Sechzigerjahren war es eine Gloria Steinem, die mit einem Megafon auf die Straße gehen musste. Seitdem haben wir uns weiterentwickelt, Erfolge für die Bewegung verzeichnen können und sind in einer Zeit angekommen, in der Feminismus massentauglich geworden ist (wir richten bitte den Fokus primär auf die westliche Welt). Das ist ein Grund zum Feiern, und ja, ich fühle mich wohl in der sogenannten Feel Good Feminism Wave, die die Realität tendenziell in eine klebrige süße Zuckerwatte verpackt. Der Feminismus muss auch Spaß machen. Humor halte ich heutzutage für eine immer wichtiger werdende Waffe im Kampf gegen vieles, und unser Alltag hat ein bisschen Feel Good nun wirklich verdient.

Mich als Frau in der Gesellschaft zu verstehen, meine Vor- und Nachteile zu begreifen, hat für mich persönlich in den letzten drei Jahren intensiv begonnen. Heute bin ich 26 Jahre alt, und ich bin dankbar für die Beyoncés und Lena Dunhams dieser Welt, denn es sind Persönlichkeiten wie sie, die mich in diese komplexe Thematik eingeführt und zu einer Steinem geführt haben. Und es ist auch vollkommen legitim, wenn sich im Laufe der Zeit differenzierende Meinungen über die feministischen Sternchen am Popkultur-Himmel entwickeln.

Natürlich ist es wichtig, dass zwischen all den T-Shirts mit dem Print I am a Feminist, die über die Ladentheken gehen, die Diskussion zusätzlich auf Inhalten basiert und nicht aufhört, Grenzen zu sprengen. Nur dürfen wir nicht außer Acht lassen, auf welchen Wegen man heute kommunizieren muss, um überhaupt irgendeine kulturelle Agenda formulieren zu können. Wir sind überflutet mit Informationen, und unsere Aufmerksamkeitsspanne ist kurz. Das heißt, Interesse für Themen muss meistens auf sehr oberflächlicher Ebene geweckt werden, erst dann geht man der Sache abseits des Konsums fundierter nach. Dieses Prinzip griff bei mir auch für den Feminismus, natürlich in Kombination mit eigenen persönlichen Erfahrungen. Wenn ich es ganz plakativ darstellen mag: Vom Wannabe der Spice Girls bin ich bei Tiqquns Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens gelandet. Durch den Everywhere Feminism werden immer mehr Mädchen und Jungs, Frauen und Männer mit dem Thema konfrontiert, was sie hoffentlich anregt, näher hinzuschauen. Und dadurch wird auch hoffentlich Zeislers Befürchtung, dass es von den immer noch negativen Beständen und Diskrepanzen zu stark ablenkt, nicht bestätigt. Sollte etwas nicht mehr trendy sein, richten die Leute ihre Aufmerksamkeit auf andere Dinge – und das würde mir Angst machen.

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© Ricarda Messner

Ich bin mir bewusst, dass längst nicht alle Konflikte beseitigt sind und wir noch lange nicht den Idealstatus der Gleichberechtigung erreicht haben. Es ist leider Fakt, dass die Auflistung der Problembereiche den Rahmen dieser zwei Seiten sprengen würde. Die Frage ist auch berechtigt, wie es sein kann, dass beispielsweise in Sachen Abtreibungspolitik und fehlendem Mutterschutz in Amerika die Entwicklung eher rückläufig ist, wo doch der Feminismus so gesellschaftsfähig scheint. Ist es sogar eine Art radikale Antwort auf eben dieses allgegenwärtige Thema und Hilfeschrei des immer noch in Teilen bestehenden Patriarchats?

Und so verstehe ich die Verantwortung, den kapitalistischen Feminismus nicht als Endstation zu betrachten, sondern als Werkzeug einzusetzen, um weitere Fortschritte für die eigentliche sozialkulturelle Bewegung zu erzielen. Das ist die Aufgabe für meine Generation: dass wir trendy Feministinnen auf dieser schmalen Gratwanderung nicht die Balance verlieren.

Dieser Artikel ist in der Oktober 2016-Ausgabe von L’Officiel erschienen.