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Ich sehe was, was du nicht siehst

Von , 27. December 2016

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Hollywood, 1966. Foto von Lawrence Schiller © 2016 Polaris Communications Inc.

Als 1968 Tom Wolfes „The Electric Kool-Aid Acid Test“ erschien, war es eine Art Bibel seiner Zeit: Der Reisebericht der sagenumwobenen und LSD-umnebelten Bustour der „Merry Pranksters“ war ein Grundstein des „New Journalism“
und Chronik der prägenden Droge jener Zeit. Zur Neuauflage einer wunderschönen limitierten Edition mit einem Fotoessay von Lawrence Schiller aus jener Zeit haben wir uns die Frage gestellt: Weiß eigentlich noch jemand wirklich, was LSD ist?

Es handelt sich um die stärkste Droge von allen. Schon zwei Mikrogramm, also zwei Tausendstel eines Grammes, dieser Substanz, klassischerweise gespeichert in einem Stück saugfähigen Papiers, das man sich sozusagen auf der Zunge zergehen lässt, danach darauf herumkaut, um es schließlich hinunterzuschlucken, genügen – und die Welt, der Wald, die Tiere und Freunde, der Himmel, das Wasser, sogar das Sonnenlicht und später die Sterne, nichts davon scheint mehr, wie es war.

Alles nicht neu, dafür aber so ungewohnt, wie verwandelt, so fremdartig und zugleich aufs Angenehmste vertraut, dass sich vom Stein bis zu den Wolken, vom Gummibärchen bis zum Prickeln der Fanta sämtliches zu entdecken lohnt. Noch einmal wächst man in die sogenannte Dingwelt hinein wie ein Kind. Aber dieses Mal bei Bewusstsein und daher mit der Fähigkeit ausgestattet, sich hinterher an das unter dem Einfluss der Droge Erlebte zu erinnern. Das ist ein gravierender Unterschied. Und der allein macht das Verschlucken der zwei Mikrogramm LSD zu jener Erfahrung, von der nicht wenige behaupten, sie habe ihr Leben verändert.

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Hollywood Acid Test, February 25, 1966. Foto von Lawrence Schiller © 2016 Polaris Communications Inc.

Ja, es ist sogar so, dass es nicht wenige gibt, die dabei von einer religiösen Erfahrung sprechen; dass sie vermeintlich etwas eingesehen zu haben, was über ihre bloße und bis dahin vertraute Existenz hinausgewiesen hat. Klingt für viele fürchterlich. Ein bisschen bedrohlich auch – will man das überhaupt?

L’OFFICIEL ist kein Fachblatt für Drogenkonsum. Und dieser Text will auch auf gar keinen Fall eine Empfehlung à la „Nehmen Sie doch zur Abwechslung mal LSD!“ aus- sprechen. Denn die Droge ist, wie alle anderen auch, im deutschen Betäubungsmittelgesetz (BTB) als „nicht verkehrsfähig“ eingestuft. In den USA, wo in den Sechzigerjahren die Acid-Bewegung ihren Anfang nahm, zählt das vergleichsweise harmlose LSD seit den frühen Siebzigerjahren zu den „Class A Drugs“ und ist damit eine der verbotensten unter den verbotenen Substanzen. LSD einnehmen, herstellen, verkaufen und kaufen ist somit illegal. Man macht sich strafbar.

So gesundheitsschädlich wie Zigaretten rauchen, Heroin nehmen, koksen oder Alkohol trinken ist LSD schlucken nicht. Trotzdem kann ein Ausprobieren dieser Droge nicht jedem empfohlen werden. Und das hat vor allem mit der Wirkungsweise des Lysergsäurediethylamids zu tun: Ein sogenannter Trip, die Reise in die minimal, aber entscheidend verschobene Wirklichkeit, dauert bis zu zehn Stunden. Das werden insbesondere jene Zeitgenossen, die es nüchtern bereits anstrengend bis unmöglich finden „loszulassen“, „Kontrolle abzugeben“ oder „neue Erfahrungen zu machen“ als blanken Horror empfinden.

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Auch “Drogenpapst” Timothy Leary experimentierte mit LSD. San Francisco, 1966. Foto von Lawrence Schiller © 2016 Polaris Communications Inc.

Denn die Wirkung hört auch dann nicht auf, wenn man genug gesehen hat. Dann kann es, weil es sich um eine psychoaktive Substanz handelt, zu einem Erlebnis kommen, das von Bild, Polizei und Drogenberatungsstellen als „Horror-Trip“ beschrieben wird. Den muss man sich jetzt nicht so vorstellen, wie es in den Broschüren heißt, also dass man sich aus dem Fenster stürzt, dass man Klänge schmeckt und Farben riecht und so weiter. Es muss auch nicht gleich die gefiederte Schlange vor dem inneren Auge ihre Kreise ziehen. Aber es kann passieren. Es kann nämlich sein, dass jemand so etwas auch vorher schon in sich trägt, dass jemand ab und an unter seiner Lust, sich zu kontrollieren und seinen Job zu machen, auch den klitzekleinen Drang verspürt, aus dem Fenster zu springen. Oder sich nackt in einer Honiglache zu wälzen. Letzteres kann als befreiend und geil erlebt werden, wenn man sich dann endlich mal traut. Ersterem Impuls nachzugeben, endet mitunter fatal. Wer also gar keine richtige Lust hat, LSD auszuprobieren oder gar nur ein klein wenig Angst davor, sollte von dieser Droge die Finger lassen. Beziehungsweise: die Zunge.

Albert Hoffmann, ein Schweizer Chemiker, war in den Vierzigerjahren auf der Suche nach einem Kreislaufmittel, für das er aus dem Mutterkorn, einem Schadpilz, der gewisse Getreidesorten befällt, das Lysergsäurediethylamid synthetisierte. Bei Tieren schlug das Zeug nicht an, also machte er einen Selbstversuch. Dazu muss man wissen, dass LSD im Vergleich zu Kokain und Heroin, zu Alkohol und Nikotin, ja selbst zum MDMA eine extrem lange Pickup-Phase hat. Das heißt, es dauert zwischen einer und zwei Stunden, bis man feststellt, dass sich etwas tut im Gehirn – dass, in einem positiven Sinne, etwas nicht stimmt mit dem Selbst.

Hoffmann wusste das freilich nicht, als er sich am 19. April 1943 mit 250 Mikrogramm LSD im Blut auf sein Fahrrad setzte, um durch die sanft geschwungenen Wiesen und Felder im Abendlichte nach Hause zu seiner Frau zu radeln. Der Rest ist Geschichte und wird alljährlich von den Freunden des LSD als Bicycle Day gefeiert wie Weihnachten. Denn Albert Hoffmann erschienen an diesem Abend und in der dann einsetzenden Nacht der Morgenstern, die Heiligen Drei Könige, das Christuskindlein, Esel und Kuh, der Weihrauch, die Myrrhe, das Gold aus der Wüste – kurzum: Es war ein rauschendes Fest. Hoffmanns Frau darf somit als erste Tripsitterin der LSD-Geschichte gelten.

Als Hoffmann mit seinem Buddy Ernst Jünger später noch einmal trippen ging, servierte Frau Hoffmann dazu Rinderbraten mit Spätzle – so viel zur Drogenkultur einer atlantischen Epoche.

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Neben Wolfes Text und Schillers Fotos zeigt die neue Edition Notizen von “Merry Prankster”-Guru Ken Kesey. © The Ken Kesey Estat

LSD kam daraufhin auf den Markt als fachspezifisches Mittel, mit dessen Hilfe sich Psychiater in die Geisteszustände ihrer Patienten einfühlen sollten. Sozusagen zu Forschungszwecken.

In der frühen Hippiekultur wurden die Nebenwirkungen des Apothekenstoffes entdeckt: „Tune in, drop out.“ Oder wie es sehr viel später bei Daft Punk hieß: „Music sounds better with you.“ Aber eben nicht nur Musik. Auf LSD kann man essen und trinken, man kann reden und zuhören, man kann malen und musizieren, man kann sogar ficken. Das geht bei vielen anderen Drogen alles nicht, oder nur schlechter als sonst. Dazu kommt ein weiterer Vorteil: LSD ist nicht nur stark, kompakt und hält lange an, es ist nicht nur die stärkste Droge von allen, es ist auch die mit dem erstaunlichsten Preis-Leistungs-Verhältnis: Ein ganzer Trip kostet heute noch um die zehn Euro. Damit bleiben zwei Zeitgenossen um die zehn Stunden druffgeschickt. Zum Vergleich: Zwei Kokser ziehen in zehn Stunden zwischen 140 und 220 Euro durch (exklusive Getränken). Und am nächsten Nachmittag haben sie davon vor allem Selbsthass, Depressionen, wenn es gut läuft, noch wenigstens Scham. Nach einer LSD-Erfahrung schläft man zunächst einmal wie ein Baby: lange, tief und somit gut. Und dann ist da die veränderte Sicht auf die Welt. Was man gestern unter diesem Einfluss gesehen, gefühlt, gedacht hat, ist ja nicht weggeblasen oder unbegreiflich geworden. Man findet sich ohne Kater zurück von einer Reise in eine andere Welt, die doch die eigene war.

Cary Grant nahm einmal eine Woche lang jeden Tag LSD. Danach gab er zu Protokoll: „Ich bin gerade neu geboren worden. Ich habe gerade eine psychiatrische Behandlung hinter mir, die mich vollständig verändert hat.“ Als Nächstes zeugte er zum ersten Mal in seinem Leben ein Kind. Davor war er, der prototypische George-Clooney-Papa-Mann seiner Ära, derart verklemmt und in seinen Worsted-Anzügen eingemauert erschienen, dass ihn jeder für schwul gehalten hatte – sogar er sich selbst.

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Tom Wolfe (r.), gewohnt elegant, auf Recherche im Epizentrum der Bewegung: San Franciscos Haight-Ashbury. © Ted Streshinsky Photographic Archive, Bancroft Library, U.C. Berkeley

Zu jeder Droge gehört eine Verschwörungstheorie. Und so ist es auch beim LSD eine, die von staatlicher Propaganda erzählt. Noch während des Koreakrieges und auch noch zu Anfang von Vietnam wurde LSD legal gehandelt, es war,
um den Sound des BTB zu bemühen: verkehrsfähig. Niemand kümmerte sich drum (siehe die im Schlamm planschenden Nackten von Woodstock). Die Generation of
 Love, die Blumenkinder, wurden allerdings als bedrohlich erlebt: Was würde aus einer Gesellschaft, in der sich alle nur um ihre Lust und um Bewusstseinspflege kümmern, um Liebe und Eierkuchen, und niemand mehr auf Kühlschränke spart?

Wie auch beim MDMA, das bis in die Achtzigerjahre hinein legal war (übrigens eine deutsche Erfindung, wie auch Heroin und Kokain), wurde es den amerikanischen Machthabern irgendwann zu bunt mit dem LSD. 
Man fürchtete auch um die Moral der Truppe im asiatischen Proxy-War (siehe Apocalypse Now von Francis Ford Coppola). Und so kam es, dass ein Gerede von „Horror-Trips“ und vom „auf dem Trip hängen bleiben“ die nun Class-A-verbotene Droge LSD mit einem Ruf der Schädlichkeit versehen sollte. Dabei ist es weder möglich, eine Überdosis zu nehmen (es gibt einen dokumentierten Fall einer versehentlichen Einnahme von 20 Milligramm LSD – das sind hundert Trips –, der in einer 13-tägigen, klarerweise harten Psychose mündete; aber selbst die klang folgenlos ab), noch giert man da groß danach, es bald schon wieder einzunehmen. Man zehrt ja von einem echten Erlebnis; manche von einem einzigen ihr ganzes Leben lang.

Es sei denn, man ist ein harter Fall. Wie Cary Grant. Aber auch für den öffnete sich nach einer Woche Dauerklinken der Schrank.

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“THE ELECTRIC KOOL- AID ACID TEST”, Tom Wolfe, Neuauflage 2016, Taschen Verlag, 356 Seiten, 300 €

Dieser Artikel ist in der Oktober 2016-Ausgabe von L’Officiel erschienen.